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48 hours to react auf dem Asphalt-Festival

48 hours to react : Die Kunst der Verzweiflung

Beim Asphalt-Festival reagieren Künstler auf den Selbstmord eines abgeschobenen Afghanen und Seehofers Geburtstag-Kommentar.

Auf dem Boden liegt eine Frau in Embryonalstellung. Ihr Körper ist in durchsichtige Plastikfolie eingewickelt, auf ihrem Kopf eine blaue Schleife. Wie ein menschliches Geschenk. Dann, ganz langsam, beginnt sie sich zu bewegen, schält sich nach und nach aus ihrer Plastikhülle. Die Geräusche, die sie macht, hallen verstärkt im Raum wider. Ein Kratzen, ein Rascheln, ein Knistern, ein Schleifen. Bis sie sich aufrichtet und sich halb stehend, halb sitzend unnatürlich verrenkt. Sie tanzt mit kurzen, verkrampften Bewegungen zu unablässiger, stark rhythmischer Musik.

Maura Morales’ Auftritt beim Asphalt-Festival hat ein Thema: die 69 abgeschobenen Flüchtlinge zu Bundesinnenminister Horst Seehofers 69. Geburtstag und den 23-jährigen Afghanen unter ihnen, der sich nach seiner Ankunft in Kabul vermutlich noch am selben Tag das Leben nahm. Zwei Tage lang hatten sechs Künstlerteams bei „48 hours to react“ Zeit, sich dazu passend einen Auftritt zu überlegen. Die Ergebnisse: unterschiedlich, alle nachdenklich. Eine Gemeinsamkeit: ton- oder tanzgewordene Verzweiflung.

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Bei Audrey Chen und Band wird das am deutlichsten. Etwa 20 Minuten lang pfeifen, knattern, schlürfen und zischen sie. Die Posaune wird zu Maschinengewehr und Hubschrauber; Saxophon und Trompete steigern ihr dumpfes Fauchen in ein ohrenbetäubendes Lärmen. Dazu keckert und knackt Chen, schnappt nach Luft und erstickt nach und nach, die ganze Zeit. Zermürbende Verzweiflung pur. Auf die Dauer ein wenig anstrengend.

Weniger gefühlsbetont ist die Performance von Flockey Ocscor, der den Afghanen selbst zu Wort kommen lässt. Er erzählt von der Ankunft in Deutschland, seinen Gedanken, vom Oktoberfest – so, als wäre er selbst der Flüchtling. Dann tanzt er wild, manches erinnert an einen bayerischen Schuhplattler, viel Klatschen. Dann hört er auf, setzt sich, abgeschoben, mit 68 anderen. Man solle aufhören, wenn es am besten ist, sagt er.

Es wird viel gestorben an diesem Abend. Auch symbolisch. Etwa, wenn sich Frank Schulte nach seiner eigenen Interpretation von Verzweiflung, nach Lichtchaos und schrillem Kreischen eine Folie wie einen Umhang umwirft. Ist es eine Rettungsfolie? Oder Geschenkpapier? Schulte gibt keine Antwort, er steht auf und geht – nach all dem Läuten und Tönen und Fiepen ein ruhiger Abgang. Das hat etwas von Endgültigkeit, von Tod eben.

Etwas weniger Verzweiflung, aber mehr widersprüchliche Gefühle, Feierlaune und zugleich Trauer, lassen Vera Westera und Dion Nijland bei ihrem Auftritt erkennen, wenn ihre Musik irgendwo zwischen fröhlichem Geburtstagsjazz und zutiefst melancholischem Wimmern hin und her schwankt. Ein Widerstreit der Gefühle, der dann doch in Harmonie endet, aber nicht ohne Botschaft an das Publikum: Jeder Anfang hat ein Ende. Traurig mutet das an, wie ein Abschiedslied, für oder von dem Afghanen. Das einzige Überbleibsel nach Abschiebung und Tod.

Wirklich, der Tod durch Ersticken ist allgegenwärtig. Etwa, wenn Westera die Luft zum Singen ausgeht, oder Morales zusammensackt, nachdem sie sich die Folie in den Mund gestopft hat. Und auch bei Hartmannmueller, die wie zwei Tiere auf dem Boden übereinander kriechen, der eine konstant in Schnappatmung, der andere ein größenwahnsinniges Schaf. „Ich habe Macht, und was hast du?“, raunt er, während der andere stöhnt, nach Luft schnappt, verzweifelt einen Freund sucht, mit sich selbst ein Spiel spielt, bis 68 zählt. Der Sterbende wimmert kläglich und ruft nach einem Freund. Dann singt sich der Mächtige ein Geburtstagslied. „Viel Glück und viel Segen.“ Und der Sterbende erstickt: „Noch ein einziges Mal ausatmen.“

Seine Stimme zerfällt, und es herrscht Stille.

(cg)