1968: Düsseldorfer Autor Wulf Noll mit neuem Buch über die Beat-Generation

Neues Buch von Wulf Noll : Düsseldorfer Autor reist zurück in die 60er

Der Autor hat ein Buch über die Beat-Generation geschrieben. Die Hauptfigur trägt autobiografische Züge.

In den wilden 1960er Jahren prägte der Berliner Ex-Rabbiner Jacob Taubes den Satz: „Wer ausflippt, der kann auch wieder einflippen.“ Fünfzig Jahre später stellt der Düsseldorfer Wulf Noll fest, dass dieser Satz damals wohl als Maxime einer ganzen Generation galt. Der 1944 in Kassel geborene Philosoph war dabei, als der Beat und die Flower-Power-Bewegung seine Zeitgenossen durcheinander schüttelten. Ein halbes Jahrhundert später hat er darüber ein Buch geschrieben: „Zum Glück gab es den Beat“.

Es beginnt mit „den Spuren Jack Kerouacs“. Dem Literaturstudenten Wulf Noll hatten es die sozialromantischen Amerikaner als Vorläufer der Blumenkinder angetan. Wenig passte hierzu der universitäre „Muff unter den Talaren“. Mit Kerouac, später auch mit Henry David Thoreau im Gepäck, verließ Noll so die für ihn vom Elternhaus vorgezeichneten Pfade und zog zunächst in den Wald. Zwischen den Baumwipfeln der Fürsten von Thurn und Taxis besetzte er eine Hütte und erklärte sich zum Einsiedler. Ganz gegen seine Erwartung fanden die Einheimischen den spinnerten Neuzugang putzig und erfrischend: „So wollen wir unsere Eremiten haben: klug, gewitzt, frei und der Welt überlegen.“ Man bot ihm sogar eine neue, komfortablere Hütte an.

Heute wohnt Wulf Noll in Derendorf. Nach Lehrtätigkeiten an Universitäten in Japan erhielt er im vergangenen Jahr eine Poetik-Dozentur im chinesischen Qingdao. Amüsiert gibt Noll zu, schon längst wieder „eingeflippt“ zu sein. In dem Buch aber schickt er sein Alter Ego Ronny Blumenstein auf eine jahrelange Reise, die den erlebnishungrigen „Beatnick“ aus dem Wald nach Regensburg, dann über Altötting auf die Britischen Inseln, später nach Indien und Nepal, und schließlich, liebes- und rauscherfahren, nach München führt. Nicht unbedingt der Nase nach, vielmehr auf der Suche nach dem, was dem rundum Belesenen wichtig erscheint. Allein die im Buch erwähnten Philosophen, Dichter und Gelehrten aufzulisten, füllte mehrere Seiten. Wer so viel weiß, darf sich ruhig auch mal neben Johann Wolfgang von Goethe stellen: Beide, so steht es im Buch, seien „Zeitablehnungsgenies“ gewesen. Das Buch hätte freilich durch weniger Gelehrsamkeit keinen Schaden genommen.

Ein Effekt dieser Gelehrsamkeit ist die Exegese damals aufscheinender Begriffe. Bereits der Name des Erzählers huldigt dem Blumen-Topos, der seit Walther von der Vogelweide für die freie Liebe steht. Fündig wird der Autor auch in Scott McKenzie’s Sommerhit „San Francisco“ mit der berühmten Liedzeile von den Blumen im Haar. Zu dem Wort „beat“ heißt es: „Darin steckt nicht nur ‚beatitudo‘ (Glückseligkeit) und Rhythmus, derjenige der Musik und des Lebens, sondern auch ‚schlagen‘ oder ‚geschlagen werden‘“. Doch bei der hier anklingenden Kombination von positivem Lebensgefühl und Rebellion zögert der Autor rückblickend: „Ich war damals nie ein Freund der Barrikaden oder gar ein Barrikadenkletterer.“ Eng wurden ihm dennoch die vielen Grenzen Europas. Sie hinter sich zu lassen, führte Noll nicht zu den Blumenkindern in den Straßen von San Francisco, sondern nach Asien. Bei den indischen Gurus, in den Aschrams von Poona und ähnlichen Klöstern hatten ja bereits die Beatles nach Freiheit oder einer höheren Erkenntnis- und Seinsstufe gesucht.

Als Ronny Blumenstein alias Wulf Noll schließlich nach Deutschland zurückkehrte, zog er in die Münchner Kommune 1 ein. Man erinnert sich: die schöne Uschi Obermeier und der große Ex-Unteroffizier Rainer Langhans. Der war dann sogar vorübergehend abgemeldet, „weil die liebenswerte Uschi zu Blumensteins Füßen saß und dessen abenteuerlichen Indienerzählungen lauschte“. Ob und wie die Sache weiterging, davon steht nichts im Buch.

(cc)