Düsseldorf: 16 Mütter auf der Bühne

Düsseldorf : 16 Mütter auf der Bühne

Volker Lösch inszeniert am Düsseldorfer Schauspielhaus Gerhart Hauptmanns "Die Ratten" und jagt das Stück durch die ästhetischen Schulen der Theatergeschichte. Am Ende steht die Realität: Mütter aus Düsseldorf haben das Wort.

Einen Chor zu bilden, macht stark. 16 Frauen stehen an der Rampe der großen Bühne im Düsseldorfer Schauspielhaus und sprechen laut aus, was ihnen das Leben schwer macht. Sie rufen mit einer Stimme denselben Text, berichten als mächtige Masse von ihren Nöten: Sie haben zu wenig Geld, zu wenig Zeit, bekommen keine Jobs oder verlieren sie gleich wieder. Denn die Frauen haben Verantwortung für ein Kind - und zwar alleine.

Volker Lösch inszeniert Gerhart Hauptmanns "Die Ratten". Und weil es darin um Frauen geht, die am Muttersein zerbrechen - an der Verantwortung und an der Idealisierung von Mutterschaft -, hat Lösch Frauen auf die Bühne geholt, die heute mit ihrem Muttersein ringen. Es sind Alleinerziehende aus Düsseldorf, Frauen, deren Leben sich nicht in die Vater-Mutter-Kind-Idylle gefügt hat, von der die Gesellschaft so gern ausgeht. Sie ziehen ihre Kinder alleine groß, passen nur schwer in eine Zeit, die vor allem Flexibilität verlangt, und geraten an den Rand der Gesellschaft. Im Schauspielhaus holen diese Frauen die Wirklichkeit ins Theater. Sie sind ein Chor der Wütenden, die sich nicht verstellen müssen, um Emotionen auf die Bühne zu bringen. Sie nutzen eine Chance, die sie sonst nicht haben: gehört zu werden. Und das Publikum ist gebannt.

Volker Lösch kennt die Macht des Realen. Er holt immer wieder Menschen in die Stadttheater, denen die Gesellschaft sonst wenig Gehör schenkt, lässt sie als Laienchöre sprechen und lädt so Stücke aus dem klassischen Repertoire mit neuer Dringlichkeit auf.

Gerhart Hauptmann hat 1911 noch andere Strategien verfolgt. Der bedeutendste Vertreter des Naturalismus schuf in den "Ratten" mit seiner Mutter John eine Antiheldin aus der Unterschicht, der man wenig Mitempfinden entgegenbringen mag. Einer ungewollt schwangeren Nachbarin kauft sie das Kind ab. Ihr eigenes ist gestorben, nun will sie wieder Mutter sein, dem Ehemann gefallen, sich die einzige Bestätigung verschaffen, die den Deklassierten bleibt. Doch John verstrickt sich immer tiefer in Lügen und Schuld und wird am Ende auch von ihrem Mann verraten.

Gerhart Hauptmann ließ sein Drama in einer Berliner Mietskaserne spielen, ließ seine Figuren Dialekt sprechen, stottern, fluchen, stammeln. Es ging ihm um die Echtheit der Milieustudie, darum, den sozialarbeiterischen Instinkt im Zuschauer zu mobilisieren, vor allem aber um den Beweis, dass proletarische Tristesse und Familienmisere ein Recht haben, auf die Bühne zu gelangen. So sandte Hauptmann seine Ratten aus gegen den deutschen Idealismus mit seinem hohen Ton und seinen abgeklärten Idealen. Das wirkliche Leben sollte dem Theater Kraft zurückgeben, und die dramatische Kunst sollte beweisen, dass sie der Realität gewachsen ist.

Gut 100 Jahre später erleben die Zuschauer im Düsseldorfer Schauspielhaus die Geschichte der Frau John als Fernseh-Soap auf der Leinwand. Unterschichtselend im Unterschichtsmedium. Doch das ist nur eine Spielart, die Lösch an diesem Abend probiert. Er schickt das Hauptmann-Drama durch die Theaterepochen-Zeitmaschine, inszeniert das Stück in Etappen mit diversen Stilen: Mal lässt er mit realistischer Einfühlung spielen, mal mit Verfremdungseffekten im Brechtschen Sinne oder mit den symbolischen Mitteln der Postmoderne. Da steht dann plötzlich eine Armee von Mutter Johns auf der Bühne und macht aus dem Einzelschicksal einen Systembefund.

Immer geht es um die Frage, wie Theater wirksam wird, wie es Wirklichkeit verarbeitet, spiegelt, überhöht, sein Publikum aufklärt. Auch Hauptmann hat das in seinen "Ratten" erörtert, in einer Rahmenhandlung auf dem Dachboden der Mietskaserne. Diesen "Überbau" greift Lösch also sehr frei auf, indem er ihn durchspielt. So entfernt sich seine Inszenierung zwar weit vom Original, ist aber überaus vergnüglich, denn sie setzt auf Persiflage und Lust am Spiel. Das liegt den komischen Talenten im Ensemble. Claudia Hübbecker etwa, die an diesem Abend zu Hochform aufläuft und gefangen in einem Venus-von-Willendorf-Kostüm einen wunderbaren Tobsuchtsanfall bekommt. Oder Anna Kubin als junge Naive, der es irgendwann reicht mit all den Verrenkungen für eine Rolle und in eine rasante Tirade verfällt über den Anpassungsdruck auf Frauen.

Geschickt stellt Lösch all die ästhetischen Programme der Theatergeschichte gegeneinander, ohne den Erzählfaden zu verlieren. In einer komischen Schlusssequenz spielt er auf die Intendantensuche in Düsseldorf an und lässt seine Schauspieler einen Spielplan entwerfen, der alle Publikumswünsche befriedigt - samt Gründgens-Revival im Burgtheater am Rhein. Das ist alles höchst unterhaltsam und entlarvend. Löschs eigenes Realismuskonzept geht an diesem Abend voll auf. Allerdings transportiert die Inszenierung viele Klischees, gegen die sich die Alleinerziehenden doch eigentlich wehren. Lösch lässt sie nur als Opfer auf die Bühne, als wehrlose Benachteiligte. Vielstimmig ist ihr Chor leider nicht.

(RP)
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