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Kronzeuge im Lau-Prozess: "Sven, pack lieber aus"

Kronzeuge im Lau-Prozess : "Sven, pack lieber aus"

Der Kronzeuge Ismail I. hat zum dritten Mal im Prozess gegen den Gladbacher Salafistenprediger ausgesagt. Sven Lau befragte seinen ehemaligen Bruder selbst und bekam von ihm einen gut gemeinten Rat.

Zettel und Stift hat der Angeklagte immer dabei, wenn Ismail I. im Verhandlungssaal vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht auftaucht. Seitenweise Notizen hat Sven Lau an den letzten beiden Verhandlungstagen gemacht, als I. aussagte. Dass ihn die Aussage seines ehemaligen Weggefährten beschäftigte, sah man daran, dass Lau mit den Fingern trommelte oder häufig etwas auf das Blatt Papier schrieb. Nun erfährt man endlich, was ihn umtreibt.

Als seine Anwälte ihre Fragen gestellt haben, will auch Sven Lau etwas sagen. Es dauert einen Moment, bis das Mikrofon angeschaltet ist. "Ich hoffe, du weißt, dass ich nicht wollte, dass du wegen deiner Aussage hier bedroht wirst", sagt Lau zu I.. I. zu Lau: "Dafür waren die Drohungen, die ich bekommen habe, aber ganz schön heftig."

Wäre der Prozess gegen Sven Lau ein Theaterstück, wäre dies der dritte Akt. Denn die Aussage des Kronzeugen Ismail I. könnte der Wendepunkt in diesem Verfahren sein. Es ist bloß noch offen, ob es sich am Ende aus Sicht der Hauptperson um ein Drama oder eine Komödie handelt.

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Wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland stand er bis März 2016 vor dem Stuttgarter Oberlandesgericht. Viereinhalb Jahre hat er bekommen, dafür dass er sich in Syrien der "Jamwa" — die Armee der Auswanderer und Unterstützer" — angeschlossen hat. Lau ist nun angeklagt, weil er I. und andere nach Syrien in den Dschihad geschickt haben soll.

Ismail I. hat das Schlimmste bereits hinter sich, das wird am Dienstag im Prozess klar. Seit seiner Festnahme 2013 saß er in Haft. Nach zwei Dritteln seiner Strafe ist er jetzt raus, seit Donnerstag entlassen. Laus Anwalt Mutlu Günal lässt es sich nicht nehmen, das zu thematisieren. Für Günal ist klar, dass I. seine belastende Aussage nur gemacht hat, um aus dem Gefängnis zu kommen.

Sven Lau hat bisher im Prozess kaum etwas gesagt, zu den Anklagepunkten hat er sich gar nicht geäußert. Zu Beginn des Prozesses hat er seinen ehemaligen Schützling Dominik S. befragt, der über seine Zeit in der salafistischen Szene in Mönchengladbach im Dunstkreis von Sven Lau ein Buch geschrieben hat.

Lau will wissen, warum sich I. von seinem Lächeln angegriffen gefühlt hat. Lau hatte I. angegrinst, als dieser zum ersten Mal während des Prozesses den Verhandlungssaal betreten hatte. Später hatte I. das als Einschüchterungsversuch gewertet. "Es ist gefährlich, was ich hier mache", hatte er gesagt. "Wir haben Lau, der mich angrinst, und Leute im Publikum, die nicht begeistert sind, von dem, was ich sage."

Nun sitzt Lau hinter der Glasscheibe im Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgerichts. "Als ich in Stuttgart in den Verhandlungssaal kam, hast du mich auch angelächelt. Was ist an deinem Lächeln besser als an meinem?" I.: "Mein Lächeln war brüderlich gemeint. Damals habe ich immer noch versucht, dich aus der Scheiße zu holen."

Lau fragt I. zu Details ihres Kennenlernens, zu Gesprächen, Orten, Personen, zu seinem Besuch im syrischen Lager der Kampfgruppe. Lau will I. als "Lügner" enttarnen. Ihm geht es zum Beispiel darum zu zeigen, dass er I. auf ihrer gemeinsamen Pilgerreise nach Saudi-Arabien belagert hat, um ihn zur Ausreise nach Syrien zu überreden. I. hatte ausgesagt, Lau hätte täglich seine Nähe gesucht, um ihn zu beeinflussen.

Lau will zeigen, dass nicht er I. so oft aufgesucht hat, sondern dass es umgekehrt war. "Wie oft war ich in deinem Hotel?", fragt der Angeklagte den Zeugen. Nach seiner Erinnerung gar nicht, antwortet I. "Wie oft warst du in meinem Hotel?", "Zwei Mal. Das war da, als du gekotzt hast, falls du dich erinnerst", sagt I. Lau springt von Thema zu Thema, zitiert aus Verhör- und Chat-Protokollen. Als I. eine Gegenfrage stellt, schnauzt er ihn an. "Ich stell nur Fragen, ich antworte dir nicht."

Im Gerichtssaal hören alle gebannt zu. Der Vorsitzende Richter grinst, ein Justizbeamter beendet sein Nickerchen und hört zu. Im Zuschauerraum sitzen auch Laus Unterstützer mucksmäuschenstill auf ihren Plätzen.

Es ist, als ob Ismail I. nur auf den Augenblick gewartet hat, dass Lau endlich durch die Glasscheibe zu ihm spricht. Er wirkt überdreht, weist Lau zurecht, wenn dieser keine ordentliche Frage stellt, beanstandet Fragen. Die Prozesserfahrung ist ihm anzumerken und auch, dass er sich auf den Schlagabtausch gefreut hat. "Frag mich doch nochmal, warum ich die Aussage gemacht habe", ruft er Lau zu. Der Übermut des frisch aus der Haft entlassenen geht in diesem Moment vielleicht mit ihm durch. Sein Zeugenbeistand stupst ihn sachte von der Seite an. I. soll es nicht zu weit treiben.

Als Lau die Fragen ausgegangen sind, will I. noch etwas sagen. "Darf ich?", fragt er den Vorsitzenden Richter. Er darf. "Gerichte sind nicht dumm. Mich haben sie ins offene Messer laufen lassen. Ich gebe dir einen Tipp: Pack lieber aus!"

"Das Oberlandesgericht Stuttgart ist nicht dumm. Mit uns haben Sie keine eigenen Erfahrungen", sagt da der Richter. Und hinten im Saal murmelt ein Lau-Anhänger: "Er ist so gut wie tot, er weiß es nur noch nicht."

(heif)