Düsseldorf: Kopten fliehen von Kairo nach Düsseldorf

Düsseldorf : Kopten fliehen von Kairo nach Düsseldorf

Immer mehr koptische Christen verlassen Ägypten wegen massiver Verfolgungen. Viele finden Hilfe in der koptischen Gemeinde Gerresheim, der Einzigen in NRW. Die Gemeinde braucht dringend Geld- und Sachspenden.

Ihren Namen will sie nicht nennen und ihr Gesicht nicht der Kamera präsentieren. Auch nicht die Gesichter ihrer Söhne. Die 42-jährige Ägypterin hat dafür einen triftigen Grund: Sie fürchtet, dass die Verfolger daheim, vor denen sie nach Düsseldorf geflohen ist, sie auch hier ausfindig machen könnten. Aufnahme gefunden hat sie vor einigen Monaten in der koptischen Gemeinde St. Marien am Pöhlenweg in Gerresheim. Dort befindet sich die einzige koptische Kirche von ganz Nordrhein-Westfalen. Und die ist in den zurückliegenden Monaten zur Anlaufstelle für viele christliche Flüchtlinge aus Ägypten geworden.

Auch die Kairoerin und ihre Söhne gehören dieser Glaubensgemeinschaft an, einer der ältesten Christengemeinden überhaupt. In ihrem Heimatland haben sie es jedoch schwer: In den vergangenen Wochen wurden rund 80 Kirchen angezündet, die Gotteshäuser brannten bis auf die Grundmauern nieder. In den Anschlägen entlud sich die Wut radikaler Muslime wegen der Absetzung des Präsidenten Mursi von der Muslimbruderschaft.

"Es kommt vor, dass Gruppen von Christen auf der Straße erschossen oder mit Messern regelrecht abgeschlachtet werden", berichtet Christian Gerges, Sprecher der koptischen Gemeinde Düsseldorf, dessen Familie aus Ägypten stammt. "Die Kopten werden zu leichten Opfern, weil sie sich nicht wehren. Und weil die Frauen gut erkennbar sind, denn sie tragen kein Kopftuch."

Die 42-jährige Kairoerin mit ihren drei Söhnen im Alter von 19, 18 und 13 Jahren hat eine wahre Odyssee hinter sich: Sie kam über Georgien nach Deutschland. Ihr Martyrium begann, wie sie berichtet, als ihr Mann vor vier Jahren zum Islam übertrat. Damit waren ihre Kinder laut ägyptischer Verfassung zumindest bis zu ihrer Mündigkeit automatisch ebenfalls muslimisch geworden. "Das wollten wir aber nicht", berichtet sie. Ihr Mann begann daraufhin, mit Gewalt Druck auszuüben. So floh sie in einen abgelegenen Teil Ägyptens, wo sie aber von ihrem Mann aufgespürt wurde. Der Älteste sollte daraufhin durch Haft gefügig gemacht werden. Als der junge Mann dann vorübergehend frei kam, floh die Familie weiter nach Georgien und schließlich nach Düsseldorf.

Nun leben die Drei in einem kleinen Einraum-Appartement in der Düsseldorfer Innenstadt. Der Älteste, der daheim einen guten Schulabschluss hingelegt hat, kann nicht zur Universität gehen, bevor er keinen Sprachkursus absolviert hat. Für diesen fehlt der Familie aber das Geld, weil das Asylverfahren noch läuft und seine Mutter nicht arbeiten darf.

Rund 500 Familien sind laut Gemeindesprecher Christian Gerges in den letzten eineinhalb Jahren nach Nordrhein-Westfalen gekommen – die meisten wenden sich zunächst an die Gemeinde in Gerresheim. "Wegen der Nähe zum Flughafen, aber auch, weil es bei uns Tradition ist, zunächst Hilfe in der Gemeinde zu suchen", sagt Gerges. Viele der Ankömmlinge werden über eine Zentralstelle in Dortmund auf mehrere Städte in NRW verteilt. Denen, die in Düsseldorf bleiben, hilft die koptische Gemeinde so gut sie kann, etwa bei Behördengängen, den Hausaufgaben der Kinder, medizinischer Versorgung und Rechtsberatung sowie Vermittlung von Sprachkursen. Einige junge Leute leben sogar im Gemeindezentrum.

Froh ist man laut Gerges über die Hilfen, die die Gemeinde bei der Eingliederung der Flüchtlinge erfährt. Allerdings ist man dringend auf weitere Spenden angewiesen. "Diese Menschen sind ja nicht geflohen, weil sie ihr Land nicht lieben", erläutert Gerges. "Sie wollen in Ägypten leben, können es aber nicht, weil sie an Leib und Leben bedroht werden." Einen Funken Hoffnung sieht er neuerdings in der Tatsache, dass auch zunehmend ägyptische Muslime gegen die Übergriffe demonstrieren und sich schützend vor die Christen stellen.

Ob sie mit ihren Söhnen zurückkehren wird, weiß die 42-jährige Kairoerin nicht: "Erst wenn wir dort wieder ohne Angst leben können."

(RP)
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