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Düsseldorfer Stadtteile: Knittkuhl: Nun trennt sich, was nicht zusammengehört

Düsseldorfer Stadtteile : Knittkuhl: Nun trennt sich, was nicht zusammengehört

Ein Besuch in Hubbelrath und Knittkuhl nach der Ratsentscheidung. Über verletzten Stolz und neues Selbstbewusstsein.

Es ist der Morgen nach der Entscheidung in Hubbelrath. Nichts ist los auf der Dorfstraße, an einem ausladend großzügigen Anwesen scheinen gar die Bautätigkeiten kurzfristig eingestellt. Porsche Cayennes stehen in natursteingepflasterte Auffahrten. Zuhause sind sie also doch, die Hubbelrather, und lecken ihre Wunden.

 Peter Lidl ist bei der Bundeswehr und begeisterter Knittkuhler. Für ihn ist die Eigenständigkeit der Siedlung als Düsseldorfs 50. Stadtteil ein Grund zu feiern.
Peter Lidl ist bei der Bundeswehr und begeisterter Knittkuhler. Für ihn ist die Eigenständigkeit der Siedlung als Düsseldorfs 50. Stadtteil ein Grund zu feiern. Foto: Andreas Bretz

Die Reihenhäuschen im Dorfzentrum scheinen derweil noch ein bisschen näher zusammengerückt zu sein, geschützt von einer Wagenburg aus weißen Villen mit übermannshohen Hecken, Zäunen, Gittern vor den Fenstern, Alarmanlagen und Schildern, die auf besonders wachsame Hunde hinweisen. Dort. Ein Mensch. Doch die junge Frau mit Feudel weiß nichts zu sagen über Hubbelrath, die Abspaltung Knittkuhls, das ganze Drama. Sie kommt nur zum Putzen aus der Stadt her. Der Wind weht eisig, die A3 nervt — irgendwann soll der Flüsterasphalt kommen.

 Überflüssig finden die Hubbelrather Gerhard Lange (stehend) und Rudi Hütten den Ratsbeschluss.
Überflüssig finden die Hubbelrather Gerhard Lange (stehend) und Rudi Hütten den Ratsbeschluss. Foto: Bretz, Andreas (abr)

Doch auf dem Parkplatz, da stehen jetzt Hubbelrather Männer. Sie kärchern den Karnevalswagen für den Veedelszug in Gerresheim, freiwillige Feuerwehrler, Schützenbrüder mit Besen. Das Leben geht ja weiter.

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Karnevalssonntag soll es wieder heiße Kartoffeln für die Jecken geben, mit Salz und gekochten Eiern, keine Kamelle, "danach bücken sich die Leute nicht einmal". Der Wagen hat das ganze Jahr über im Wald gestanden, dafür sieht er noch ganz gut aus, doch natürlich ist der Lack ein bisschen ab.

Sie lachen bitter, wenn man Knittkuhl erwähnt, sie nennen Düsseldorfs neuesten Stadtteil "die Knittkuhle", kein Ort, eine Gegend eher, wenn überhaupt. "Tradition haben die ja gar nicht", sagt Rudi Hütten, "da haben sie nur für die Nato-Plattenbauten aus dem Boden gestampft." Hubbelrath hat ein Wappen, ein "Hupoldesroth" taucht erstmals in einer Urkunde vom 29. Mai des Jahres 950 auf. "Überflüssig", sagen die Männer, sei die Entscheidung des Rates, Knittkuhl als eigenen Stadtteil anzuerkennen.

Sie putzen den gröbsten Dreck weg, dann kommt der Wagen in die Scheune wird von den Frauen dort neu angemalt. Der Streit ist Thema. Hubbelrath könne da gar nichts für, immer habe man die Leute aus der Knittkuhle eingeladen, mit der Kapelle sei man nach Knittkuhl gegangen und dann waren sie ja auch da. Vor zwei Jahren hat dann ein Knittkuhler das Hubbelrather Schützenfest dazu genutzt, die Leute nach Knittkuhl einzuladen. "Abspenstig" habe man die Gäste gemacht, sagt Hütten.

Gerhard Lange ("ich bin Ur-Hubbelrather") glaubt gar, dass irgendwer sein Dorf in der Presse eine Schlafstadt genannt hat. Als gäbe es in Hubbelrath kein Leben. Es gibt einen Kindergarten in der ehemaligen evangelischen Kirche, den Martinszug. Auch die Zugezogenen spenden fürs Brauchtum, treffen sich am Bürgerhaus. "Hubbelrath ist lebendig und offen", sagt Lange. Er schnappt seinen Besen und will Mittag machen. Knittkuhl — ein "Truppenübungsplatz mit Häusern drauf". In Knittkuhl wartet der Schulbus, die ehemaligen Nato-Häuser haben neue Fassaden, vor dem Winter sind die Vorgärten in Ordnung gebracht. Die Leute feiern nicht gerade ein Freudenfest auf der Straße, doch ein wenig stolz ist man schon hier, einen Tag nach der Ratsentscheidung.

Es gibt ein Ärztehaus, eine Pizzeria, das alles hat den Charme der Sechziger, tatsächlich ein auf der Wiese geplantes Gebiet mit Mehrfamilienhäusern dicht an dicht, steingewordener Traum westdeutscher Stadtplaner, demokratisches Bauen, Suburbanisierung — in Knittkuhl scheint das funktioniert zu haben. Es gibt kaum Zäune in Knittkuhl.

Patrick Schäfer und Silke Mackscheidt-Schäfer sind mit Sohn Joshua-Nyk unterwegs. Der Junge ist drei Monate alt, das Paar wohnt seit etwa einem Jahr in Knittkuhl und hat sich direkt wohl gefühlt, angenommen. Natürlich sind sie in Hubbelrath gewesen, dort gehe es ja "ein bisschen gehobener zu", sagen sie. Er ist Finanzmakler, sie Bänkerin, demnächst wollen sie Kontakt zu den Vereinen aufnehmen, der Kleine schläft inzwischen durch.

Ein paar Straßen weiter kümmert sich Peter Lidl um seinen Garten, er lehnt vor seiner Eigentumswohnung, von einem Streit zwischen Hubbelrath und Knittkuhl wisse er nichts, doch er sei "sehr zufrieden" mit der Ratsentscheidung. Hubbelrath und Knittkuhl — das habe ja nicht zueinandergepasst. Die Nachbarin kommt vorbei, Lidl grüßt, man lacht sich an. Eigentlich ist Lidl fertig, doch er lehnt sich auf seinen Besen. Seine Wohnung, sein Vorgarten, sein Stadtteil. So trennt sich, was nie zusammengehört hat.

(RP)