Düsseldorf: Kletterer erklimmen den Schlossturm

Düsseldorf : Kletterer erklimmen den Schlossturm

Drei Tage lang wird der Schlossturm zur Kletterwand: Dachdecker schlagen an dem Denkmal losen Putz ab. Dabei seilen sie sich mit Spezialgeschirr ab, sind schneller als auf Hebebühnen - und haben auch noch Spaß.

Die Höhe ist für Dachdeckermeister Marc Peschel tägliches Geschäft. Anders als seine "bodenständigen" Kollegen hat er dabei nicht immer Boden unter den Füßen: Peschel arbeitet als Industriekletterer dort, wo keine Hebebühne hinreicht, ein Kran zu schwer und Fingerspitzengefühl gefragt ist. Zurzeit sind er und seine Kollegen am Schlossturm im Einsatz. Bis Mittwoch schlagen sie den bröckeligen Putz von der Fassade, während sie in fast 30 Metern Höhe in einem speziellen Klettergeschirr hängen.

"Industrieklettern ist kein Beruf, sondern der Weg zum Ziel", sagt Peschel. Die meisten Arbeiten macht der 42-jährige "im Gewerk", das heißt als Dachdecker. Dazu gehören auch Fassadenarbeiten wie die, die sein Team zurzeit an einem der ältesten Düsseldorfer Wahrzeichen beschäftigt. Das Aufgabengebiet des Industriekletterers könnte kaum vielfältiger sein. So hingen Peschel und sein Team schon am NRW-Forum, um Werbeplakate anzubringen, erklommen den Xantener Dom und entfernten das Thyssen-Krupp-Logo von einem Hochhaus in Krefeld nach dem Besitzerwechsel. Die Königsdisziplin sieht Dachdecker Peschel trotz aller Herausforderung im Klettern immer noch in seinem Meisterberuf: "Am liebsten renoviere ich alte Schieferdächer." Neben Kirchen und Klöstern in Geldern, an der Mosel und in der Eifel gebe es jedoch nur wenige Orte, an denen man solche Aufträge bekomme.

Das Kletterfieber packte den gebürtigen Benrather schon 1993, als er mit einem Freund die Gerresheimer Kletterhalle "Move" besuchte. "Danach habe ich mich gefragt: Warum kann man das nicht auch auf der Arbeit machen?" Die Weiterbildung zum Industriekletterer begann er jedoch erst zehn Jahre später. Der Grund: Das Metier war im Westen Deutschlands kaum bekannt. "Im Osten gibt es das schon länger, die Ausbildung habe ich auch in Berlin gemacht", sagt Peschel. Dabei habe die Arbeit am Seil viele Vorteile gegenüber herkömmlichen Methoden: "Eine Hebebühne muss man jedes Mal versetzen, wir sind da viel flexibler." Zudem könne man derart schwere Geräte nicht überall einsetzen: Bei Renovierungsarbeiten an einer Gelderner Kirche kam Peschel erst zum Einsatz, als das Gewicht einer Hebebühne die Betonplatten rund um das Kirchenschiff zerstört hatte.

"Eigentlich müsste der Job,Industrieabseiler' heißen", scherzt Peschel. Kaum ein Kletterer mache sich die Mühe, das Seil mit der Handsteigklemme und bloßer Muskelkraft hochzusteigen, wenn es Aufzüge und Treppen wie im Schlossturm gebe. Zu zweit lassen sich die Arbeiter vom Fenster aus herunter. Dabei ist jeder von ihnen durch zwei Seile gesichert, die jeweils 2,2 Tonnen Gewicht tragen können. "Es ist kein Risikoberuf, aber man muss schon aufpassen", sagt Peschel. Im vergangenen Jahr machten er und einer seiner Mitarbeiter zudem einen Höhenretterlehrgang.

Obwohl die Höhe für ihn Alltag ist, geht Peschel auch in der Freizeit lieber auf Nummer sicher: "Freeclimbing ist nichts für mich." Lieber klettere er im sogenannten Vorstieg, einem System aus Seilen und Karabinern, das er beim Klettern kontinuierlich an der Wand befestigt. Im Gegensatz zu Hobbykletterern benutzt Peschel bei der Arbeit keine "dynamischen" Seile, die bei einem Fall federn. Während das Klettern im Job ihn auf dem Gebäude der Deutschen Rentenversicherung an der Kö schon auf eine Höhe von 130 Metern brachte, ist die Fallhöhe im Hobbyklettern selten höher als sechs Meter - mit der Peschel in einer Kletterhalle allerdings auch schon schmerzhafte Bekanntschaft machte. Die Aussicht, die er bei seiner Arbeit hat, macht jedes Risiko wieder wett: "Man sitzt wie in einer Schaukel und kann in der Pause den Blick schweifen lassen."

(bur)
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