Wilfried Kratzsch: Kleine Kinder vor Misshandlung schützen

Wilfried Kratzsch : Kleine Kinder vor Misshandlung schützen

Der pensionierte Arzt leitet die Stiftung Deutsches Forum Kinderzukunft und bietet Weiterbildung für Kinderkrankenschwestern an.

Herr Kratzsch, die Stiftung Deutsches Forum Kinderzukunft will Kindesvernachlässigung und -misshandlung durch Vorbeugen verhindern. Sind staatliche und städtische Stellen dazu nicht in der Lage?

Kratzsch Als vor einigen Jahren durch das Schicksal von Kevin und Jessica Kindesmisshandlung in aller Munde war, gab es deutliche Verbesserungen bei der Vorbeugung und bei Hilfen für junge Eltern. Das nationale Zentrum Frühe Hilfen gibt jetzt großzügige finanzielle Hilfen, die auch den Städten zur Verfügung stehen. In Düsseldorf wurde vor einigen Jahren auch eine Clearing-Stelle Zukunft für Kinder eingerichtet. Aber die Projekte gehen schwerpunktmäßig von der Jugendhilfe aus, das Gesundheitswesen, Ärzte und Krankenhäuser werden so gut wie nicht miteinbezogen. Diese Lücke bei der Vorbeugung will die Stiftung Kinderzukunft mit ihrem Betreuungsprojekt Kinderzukunft NRW schließen.

Weshalb besteht eine Lücke?

Kratzsch Als Oberarzt in der neurologischen Kinderklinik musste ich erleben, wie schwer Kleinkinder misshandelt wurden, etwa durch heftiges Schütteln bleibende Hirnschäden erlitten. Mir wurde klar, dass das Jugendamt zu spät von den Problemen in einer Familie erfuhr, auch weil Eltern bei einer Behörde nicht über Schwierigkeiten sprechen. Dagegen bekommen Hebammen oder Kinderkrankenschwestern bei der Geburtsvorbereitung oder in den Tagen nach der Geburt im Krankenhaus viel von der Situation der Frauen mit, sie erzählen in dieser besonderen Zeit mehr von sich. Das ergibt Anhaltspunkte, ob Mütter überfordert sind und deshalb Kinder gefährdet sein könnten, weil sie durch die Überbeanspruchung der Eltern vernachlässigt oder bei Kurzschlusshandlungen misshandelt werden könnten.

Wie sehen solche Anhaltspunkte aus?

Kratzsch Das können finanzielle Engpässe sein oder große Beanspruchungen, wenn Mütter alleinerziehend sind, schon Kinder haben und dann arbeiten müssen. Auch wenn Großeltern fehlen, die einspringen können, oder wenn der Vater oder der Freund nur wenig Interesse für das Kind zeigen, kann das belastend sein. Drogenabhängigkeit und Alkoholsucht spielen eine geringere Rolle.

Wie groß ist die Zahl von Familien mit Risiko?

Kratzsch Nach bundesweiten Schätzungen gelten etwa fünf bis zehn Prozent der Familien als gefährdet, in der Hälfte davon besteht sogar ein hohes Risiko.

Kinderschwestern und Hebammen gelten als Fachfrauen und haben wichtige Funktionen. Warum sollten Eltern ihnen mehr berichten als Mitarbeitern des Jugendamtes?

Kratzsch Eltern haben Angst, dass das Jugendamt Auflagen macht oder ihnen das Kind wegnehmen könnte. Diese Möglichkeit haben Ärzte und Schwestern nicht. Außerdem wächst oft durch die Betreuung in der Geburtsvorbereitung oder nach der Geburt im Krankenhaus ein Vertrauensverhältnis, weil die Frauen die guten Ratschläge für den Umgang des Kindes zu schätzen wissen. Dabei ergeben sich dann oft zwanglose Gespräche über die Situation im Alltag, etwa finanzielle Engpässe oder die Furcht, mit dem Kind nicht zurechtzukommen.

Das medizinische Personal kann aber die Angaben willkürlich deuten und zu Fehlschlüssen kommen.

Kratzsch Wir geben natürlich den Schwestern Beurteilungskriterien an die Hand. Schon aus den Angaben im Mutterpass sind Risikofaktoren abzulesen. Auch das Auslassen von Vorsorge-Untersuchungen lässt auf Probleme schließen. Und wir haben einen Screening-Bogen entwickelt mit gezielten Fragestellungen.

Was geschieht mit den Informationen?

Kratzsch In den Kliniken, die an dem Projekt teilnehmen, arbeiten Koordinatorinnen, die sich dann um Hilfe kümmern. Sie sorgen beispielsweise dafür, dass Hebammen täglich in die Wohnung kommen und helfen, geben den Frauen wenn nötig Adressen für Beratungsstellen für Erziehungshilfen oder Schuldnerberatung, raten unter Umständen auch dazu, sich an das Jugendamt zu wenden.

Davor haben Eltern aber oft Angst.

Kratzsch Der Kontakt ist dann aber freiwillig. Eltern willigen oft ein, weil sie Vertrauen zu der Koordinatorin gewonnen haben. Es ist wichtig, dass die Jugendhilfe für Familien nicht außen vor bleibt.

Den Beruf Koordinatorin gibt es bisher nicht.

Kratzsch Die Stiftung sorgt für eine Fortbildung von berufserfahrenen Kinderkrankenschwestern oder Hebammen. 21 000 Euro wurden in die Ausbildung investiert. Eine Koordinatorin muss auf Menschen zugehen können, muss zuhören können, Netzwerke zwischen den einzelnen Beratungsstellen herstellen und wenn nötig einen runden Tisch organisieren, an denen alle sitzen, die für die Hilfestellung gebraucht werden. Die Kosten für eine Koordinations-Stelle im Krankenhaus von rund 60 000 Euro zahlt die Bundesinitiative Frühhilfe.

Nach dem Aufenthalt in der Klinik und ersten Hilfen durch die Hebamme kann aber der Kontakt abreißen.

Kratzsch Damit das nicht geschieht, beteiligen sich an dem Projekt auch Kinderärzte, die im Rahmen der Kinder-Untersuchungen auch Auffälligkeiten feststellen können. Auch hier gilt es, in Gesprächen ein Vertrauensverhältnis zu den Frauen aufzubauen. Die Arzthelferinnen haben dafür mehr Zeit, kommen mit Frauen leichter ins Gespräch, können im Wartezimmer die Kinder beobachten. Deshalb werden jetzt in drei Düsseldorfer Kinderarztpraxen auch Arzthelferinnen zu Koordinatorinnen ausgebildet. Und auch Frauenärzte zeigen Interesse an einer Mitarbeit. Über sie kann der Kontakt schon vor der Geburt hergestellt werden.

Wie wird die Zusammenarbeit der Ärzte und Sozialarbeitern möglich, es besteht doch Schweigepflicht?

Kratzsch Die Eltern werden natürlich nach ihrem Einverständnis gefragt, andere Ärzte - vor allem auch Sozialpädiater -und auch Sozialpädagogen der Jugendhilfe einzubinden. Dann können an einem runden Tisch die Fachleute ein Hilfskonzept entwerfen. Weil sich mit der Zeit alle persönlich kennen und die Kompetenzen einschätzen können, sind Lösungen schneller und unkomplizierter zu finden. Das ist entlastend und spart Zeit.

Wie lang sollen Kinder auf diese Weise betreut werden?

Kratzsch Von der Geburt an bis zum Alter von drei Jahren, bis die Kinder in die Kita kommen und dort Fachkräfte Probleme feststellen.

Die Stiftung besteht seit fünf Jahren. Wie sieht die Bilanz aus?

Kratzsch Wir haben die einzelnen Fälle dokumentiert. Etwa 20 Prozent der Risiko-Familien konnte geholfen werden. Manchmal reichte eine einfache Unterstützung wie die Vermittlung eines Kita-Platzes, manchmal war der Aufwand groß. Beispielsweise musste eine Mutter wegen einer postnatalen Depression in eine psychiatrische Behandlung, das Kleinkind musste versorgt werden.

Wie ist die Resonanz der Krankenhäuser und Städte?

Kratzsch Bisher beteiligen sich elf Kliniken und mehrere Kinderarztpraxen an dem Projekt. Aber das Interesse steigt, auch wegen der Erfolge. Es zeichnet sich ab, dass sich sehr viel mehr Kliniken beteiligen werden.

Die haben Geld für die zusätzlichen Leistungen?

Kratzsch Wir streben Verhandlungen mit den Krankenkassen an, dieses Vorbeugungs-Projekt anzuerkennen. Mit 60 Euro pro Geburt eines Kindes kann die zusätzliche Leistung finanziert werden. Ziel muss es sein, das Angebot flächendeckend einzuführen, um Kindesvernachlässigung von vornherein zu verhindern.

MICHAEL BROCKERHOFF FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(RP)
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