Klassenzimmer unter Segeln

Klassenzimmer unter Segeln: Atlantik-Überquerung im Klassenzimmer

Lehrer Kai Regener und Schüler Jens Künstler folgen den Spuren großer Entdecker wie Alexander von Humboldt und Christoph Kolumbus. 34 Schüler und eine 16-köpfige Besatzung reisen ein halbes Jahr lang im Klassenzimmer unter Segeln auf dem Dreimasttoppsegelschoner "Thor Heyerdahl".

Ein Seesack mit 100 Litern Fassungsvermögen und Ölzeug für stürmische Zeiten hat Jens Künstler (15) vom Freien Christlichen Gymnasium in Düsseldorf dabei. Mit dem Start der Herbstferien begann für ihn eine Reise ins Abenteuer. Der Zehntklässler besucht seitdem an Bord der „Thor Heyerdahl“ für ein halbes Jahr das Klassenzimmer unter Segeln. „Ich reise gerne und freue mich darauf“, sagt er. Schon in der siebten Klasse stand für ihn fest, dass er sich für den Törn bewerben möchte. Damals kam sein Deutsch- und Geographie-Lehrer Kai Regener gerade von seiner ersten Tour als Pädagoge auf dem Segelschiff zurück. „Ich fahre mit den Schülern zu den Unterrichtsthemen“, bringt er es auf den Punkt. 34 Schüler sind dabei, 18 Mädchen und 16 Jungen. Viel mehr junge Menschen aus ganz Deutschland bewarben sich für die 189-tägige Reise, die am 14\. Oktober in Kiel begann und am 20\. April 2019 dort endet. Dazwischen liegen fremde Länder und Schulunterricht an Bord. Neun Klassenarbeiten schreiben die Schüler. „Ich habe eine Geschichtsklausur bei Windstärke sieben auf meiner ersten Reise erlebt“, sagt Kai Regener. Den kompletten Unterrichtsstoff für den Törn plante der Pädagoge noch vor dem Start. „An Bord bleibt dafür keine Zeit mehr“, weiß Regener, der schon ein bisschen Erfahrung hat auf dem Schoner.

Neuling Jens Künstler freut sich, dass er das Auswahlverfahren mit schriftlichem Teil und Probetour bestanden hat. „Ich brauche nicht so viel Rückzugsraum“, verrät er. Das dürfte auf dem Segelschiff von Vorteil sein. An Bord teilen sich die Segler drei Toiletten und zwei Duschen, man bekommt viel voneinander mit, eine halbe Waschmaschinenladung ist pro Woche erlaubt, geduscht wird alle drei Tage.

Die Reise in die neue Welt führt von Kiel, dem Heimathafen der Thor Heyerdahl, über Teneriffa, die Kleinen Antillen, St. Vincent und die Grenadinen nach Grenada. Vo dort aus geht es nach Panama und Kuba. Auf dem Weg nach Südamerika finden mehrwöchige Landexkursionen statt. „Auf Kuba fahren die Schüler 300 Kilometer Rad und erkunden die Insel“, sagt Kai Regener. Die Rückreise geht über Bermuda und die Azoren zurück nach Deutschland.

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Der erste Stopp in Teneriffa liegt mittlerweile hinter ihnen. Über den Vulkanismus des Teide hielten Schüler Vorträge und erklommen den Gipfel. Aktuell ist das Schiff auf dem Südatlantik Richtung Grenada unterwegs. Auf der dreiwöchigen Startetappe gab es keinen Schulunterricht. In dieser Zeit lernte die Jung-Crew den Bordalltag kennen, arbeitete sich in die Grundlagen einer Seemannschaft ein und machte sich langsam mit den anstehenden Projektes vertraut. „Bordalltag heißt Wachdienste übernehmen rund um die Uhr und auch täglich eine Stunde sauber machen“, sagt Regener. Segel setzen und bergen, navigieren oder Küchendienst – das Bordleben ist durchorganisiert.

Gelernt wird 25 Stunden pro Woche, verteilt auf drei Tage. „Wir haben zwei Schülergruppen“, sagt Kai Regener. Auch die Schüler müssen an den schulfreien Tagen nachts raus in den Segelwachbetrieb. „Es fehlt natürlich Schlaf, wenn man als Lehrer beispielsweise von 2 bis 5 Uhr Wache hat und dann morgens unterrichtet“, sagt Regener. Auch von der Seekrankheit bleibt kaum jemand verschont. Sturm gehört bei der mehrmonatigen Reise dazu. Computer und Smartphone bleiben unter Deck. Es gibt auf See ohnehin keinen Empfang. Stattdessen schreiben die Schüler einen Blog, führen persönliche Tagebücher und schreiben Briefe.

Dreimal führen die Schüler das Schiff alleine. Dazu lernen sie die astronomische Navigation im Unterricht und dann in der Praxis rund um die Bermudas. Dort navigieren die Schüler das Schiff mit abgeklebter Bordelektronik. Statt Blick aufs GPS wird der Kurs mit dem Sextanten bestimmt. Immer unter dem strengen Blick des Kapitäns Johannes Schiller. Die Reise verändert die Jugendlichen. Natur und fremde Kulturen erleben sie hautnah, sich selbst erleben sie mit anderen auf engstem Raum. „Im Notfall muss man an Bord alles können“, sagt Kai Regener nach den Erfahrungen seiner ersten Reise. Schon jetzt freut sich Jens Künstler, dass er in Panama endlich sieht, was Kai Regener ihm in der siebten Klasse im Erdkundeunterricht nur auf Fotos zeigte.

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