Düsseldorf: Kita-Chef statt Kfz-Werkstatt

Düsseldorf : Kita-Chef statt Kfz-Werkstatt

Erzieher Johannes Borghans gehört zu einer Zwei-Prozent-Minderheit. Als Mann leitet er die städtische Kita an der Himmelgeister Straße. Kita-Betreiber hätten gern mehr von seiner Sorte. Doch das Interesse hält sich in Grenzen.

An sein Schülerpraktikum in einer Kfz-Werkstatt denkt Johannes Borghans mit gemischten Gefühlen. "Die Kollegen waren nett, ich selbst war autobegeistert, aber das Rumbasteln an Fahrzeugen hat mich einfach nur kalt gelassen. Ich konnte in dieser Arbeit für mich keinen Sinn und Nutzen erkennen." Borghans schmiss das bei den Jungs an seiner Gesamtschule heiß begehrte Praktikum, wechselte auf Vorschlag eines Freundes für die letzten Tage der Berufsorientierung in eine Kita.

17 Jahre später sitzt er in einer Hängematte, umringt von Amin (5), Mina (4), Stella (5) und Ilias (4). "Darf ich nachher in die Bärengruppe?", fragt eines der Kinder. "Na klar darfst du das", antwortet Borghans. Der 32-Jährige muss es wissen. Seit 2010 leitet er die städtische Kindertagesstätte an der Himmelgeister Straße, trägt Verantwortung für 59 Kinder im Alter zwischen vier Monaten und sechs Jahren sowie für 16 Mitarbeiter. Die Tage, die er als Neunt-Klässler mit Kindern verbrachte, haben ihn nicht mehr losgelassen. Direkt nach der Schule, mit 16 Jahren, startete der Dormagener seine Ausbildung zum Erzieher. Ein Jahr Vorpraktikum ("für ein paar Mark Taschengeld"), dann drei Jahre reguläre Ausbildung.

"Cool" war das als junger Mann nicht. Blöde Bemerkungen blieben zwar die Ausnahme. Aber es gab sie. "Im Umfeld des Fußball-Vereins fiel irgendwann mal das Wort ,Weichei'." Eine unpassende Kategorie. Denn Borghans ist eher sportiver Frauentyp als Strickpulli tragender Leisetreter: schlanke Figur, schicke Jeans, blau-weiß-kariertes Hemd, lässiges Jackett. Und in der Kita erfüllt er prompt die männlichen Klischees. "Ich greife gern zu Bohrmaschine und Hammer, spiele Fußball und halte mich ziemlich oft im Bewegungsbereich auf", sagt er. Hat er frei, fährt er gerne Kajak auf der Erft oder düst auf Skiern Gletscher-Abfahrten hinab.

Freilich ist Borghans, der mit der Logopädin Petra (30) verheiratet und (noch) kinderlos ist, ein Exot. Lediglich zwei Prozent aller städtischen Erzieher in Düsseldorf sind männlich. Mehr als 1000 Frauen stehen gerade einmal 19 Männern gegenüber. Kinder erziehen – das ist und bleibt die Domäne der Frauen. "Dabei tut ein Mann den Kindern gut, gerade wenn sie 45 Stunden in der Woche bei uns sind", sagt Susanne Frösch. "Ungewohnt" sei es für sie zu Beginn gewesen, ausgerechnet in ihrem Beruf einen Mann zum Chef zu haben. Doch inzwischen findet sie es "richtig Klasse".

Ein Grund für die Zurückhaltung vieler Männer: Der Erzieher-Beruf ist nicht karriereverdächtig, die Gehälter gelten anders als beispielsweise in der freien Wirtschaft oder im IT-Bereich als übersichtlich. Eine mögliche Rolle als (Haupt-)Ernährer einer Familie kann ein Erzieher nur schwer einnehmen. "Meine Eltern haben darauf hingewiesen, als ich mich für die Ausbildung entschieden habe", erinnert sich der Kita-Leiter. Tatsächlich findet er, dass zwischen den Sonntagsreden der Politiker über die Bedeutung der frühkindlichen Bildung und dem, was sich die Gesellschaft das Personal dafür kosten lässt, eine Lücke klafft. "Bei der letzten Gehaltserhöhung gab es rund 15 Euro netto mehr", sagt er und lächelt schräg. Seine Mitarbeiter führt der 32-Jährige teamorientiert. "Wer dauernd auf den Tisch haut oder immer wieder im Detail vorgibt, was Kollegen zu tun haben, läuft Gefahr, dass das Team schon bald nicht mehr hinter den erarbeiteten Inhalten steht."

Während er spricht, trippelt auf dem Flur in der ersten Etage ein fröhlicher Dreikäsehoch auf ihn zu. "Herr Borghans, was gibt es heute zu essen?" – "Schau mal auf den Foto-Plan", antwortet der Erzieher und zeigt auf ein Bild mit Pfannkuchen und Gurkensalat. Die Augen des Jungen glänzen. "Ein Kind, das einen kurz drückt, ein Lachen, das den ganzen Tag im Kopf bleibt. In solchen Momenten weiß ich, dass ich den richtigen Job gewählt habe", sagt der Mann im Frauenberuf.

(RP)