Rheinkirmes Düsseldorf: Nicole Bauer ist seit 41 Jahren Schaustellerin

Kirmes in Düsseldorf : Ein Leben für den Rummel

Nicole Bauer ist 41 Jahre alt und seit 41 Jahren Schaustellerin. So wie ihre Eltern und Großeltern, die schon Backfisch verkauften.

Am Stand von Nicole Bauer kommt eine Frau vorbei. Sie ist zu Fuß unterwegs, zieht über das holprige Pflaster einen kleinen Fahrradanhänger hinter sich her, der gefüllt ist mit blauen Kartons. Sie stoppt, als sie Nicole Bauer sieht. „Ein neues Paar kann ich gut gebrauchen“, sagt Bauer, die sich verschiedene Modelle zeigen lässt. Mit schmalen Riemchen und breiten, glänzend und matt, mit gepolsterter Sohle und ganz flach. „Wenn ich hier in Düsseldorf bin, habe ich einfach keine Zeit zum Einkaufen“, sagt die 41-Jährige, „obwohl die Stadt so nah ist.“ Und Schuhe kann die Schaustellerin nicht genug haben, nicht, weil sie einen Tick hat, sondern weil sie durch die Arbeit so oft die Schuhe wechseln muss. „Ich stehe den ganzen Tag“, erzählt sie. Die meiste Zeit im Wagen, der Rollos hat, die noch mit der Hand hochgekurbelt werden, der ein bisschen urig aussieht mit seinen braunen Kacheln am Tresen, auf denen kleine Segelschiffe gemalt sind.

Müller-Brüne steht auf dem Stand in großen Buchstaben geschrieben, „den Namen haben wir gelassen“, sagt Nicole Bauer, auch wenn längst niemand mehr Müller-Brüne in der Familie heißt. Das war der Name ihrer Großeltern, die nach dem Zweiten Weltkrieg ein Geschäft aufgebaut haben. Nicole Bauers Opa war Marktfahrer, ihre Oma verkaufte auf Volksfesten und Märkten Heringe aus alten Fässern, die frisch von der See kamen. So sind die Müller-Brünes Schausteller geworden, so haben sie ein Leben auf dem Rummel begonnen. Und dieses Leben mit ihren Kindern gelebt, die das Leben wieder mit ihren Kindern gelebt haben. Eines dieser Kinder ist Nicole Bauer, die immer mal wieder etwas anderes versucht hat als Kirmes, und die immer wieder zurückgekommen ist. „Ich bin eben ein Schausteller-Kind“, sagt sie.

Mit Backfisch und Würstchen und Haxen starteten die Großeltern, und darauf liegt auch heute noch der Schwerpunkt. Inzwischen gehören den Bauers noch kleine Fahrgeschäfte – ein Kinderkarussell, ein Helikopter und ein Mini-Auto-Scooter. „Aber wenn wir hier auf der Rheinkirmes sind, dann arbeiten alle am Backfisch-Stand mit“, sagt Nicole Bauer. So ist das schon immer gewesen, auch damals, als Bauer noch ein Kind war und sie immer den gleichen Platz hatten auf der Düsseldorfer Kirmes. Als die Familie einen kleinen Biergarten betrieb hinter dem Imbiss, dort, wo ein großer Stein aus dem Boden ragte. Viele Male hat der Backfisch-Stand die Position wechseln müssen, in diesem Jahr ist er wieder da, wo er vor 40 Jahren war. Das weiß die 41-Jährige deshalb so genau, weil es ein Kinderbild von ihr gibt, wie sie zwischen Biertischen mit Karo-Tischdecken und jenem großen Stein in die Kamera grinst. Für Nicole Bauer war das Leben auf der Kirmes immer ein großes Abenteuer, vielleicht auch, weil sie außerhalb der Ferien auf Gran Canaria bei der Oma lebte, dort eine deutsche Schule besuchte. Im Sommer dann und im Herbst, zu Ostern oder Karneval kam sie auf die Kirmes, durfte die Attraktionen der anderen Schausteller ausprobieren. „Jeder hat auf den anderen aufgepasst. Ich habe immer Ferien auf dem Rummel gemacht.“

Nach dem Abi machte sie eine Ausbildung als Hotelfachfrau in Köln, arbeitete dann im Steigenberger Parkhotel. Sie nahm sich für die Rheinkirmes Urlaub, um ihren Eltern am Backfisch-Stand zu helfen. „Im Hotel war es schön, aber es war nicht die Kirmes“, sagt Nicole Bauer, die zurück wollte zu ihrem Schausteller-Leben, „das so spannend ist“, einem Leben, das sie nur von Woche zu Woche planen kann, heute hier, morgen dort. Bis sie 30 wurde, ging das gut. Dann kam die Trennung von ihrem Freund. Ein Schausteller. „Ich musste weg“, erzählt die 41-Jährige, die Arbeit in einem Hotel fand. Ein Jahr hat sie es ausgehalten – ohne die Lichter und die Musik, ohne ihre Freunde, mit denen sie aufgewachsen ist und so viel erlebt hat. „Mein Herz gehörte immer dem Rummel.“ Viele werden reingeboren in eine Schausteller-Familie, viele bleiben es für ein Leben lang. So wie Nicole Bauer.

Der erste fahrbare Imbiss der Familie Müller-Brüne trug nur die Initialen als Namen. Foto: Nicole Bauer
1948 bauten die Großelterrn ihren ersten Stand, damals noch ohne fahrbaren Untersatz. Foto: Nicole Bauer
Nicole Bauer als Kind zwischen Biertischen und dem großen Stein. Foto: Nicole Bauer
Oma Margret Müller-Brüne (r.) hinter der Theke. Foto: Nicole Bauer

Es gibt Tage, an denen sie nicht aufstehen will oder sie in den Spiegel schaut und gleich wieder weg, weil sie erst um vier ins Bett gekommen ist. Spätestens, wenn sie mit der Kurbel die Rollos am Stand öffnet, „sind wir da, wie Schauspieler“, sagt Nicole Bauer. Wer auf dem Rummel arbeitet, der darf nicht wehleidig sein oder geräuschempfindlich, der muss trotz langer Nächte morgens wieder früh aufstehen, die Polos und Schürzen der Mitarbeiter waschen, der muss zehn Kilo schwere Pommes-Kartons schleppen. Ganz egal, ob der Kopf dröhnt oder die Arme schmerzen. Anfang des Jahres ist es zum ersten Mal passiert, dass Nicole Bauer ausgefallen ist – im Urlaub in Südostasien hat sie sich mit dem Dengue-Fieber angesteckt, ihre Haare fielen aus, durch das Cortison hat sie zugenommen, „mein Körper ließ mich im Stich“. Viele Monate hat es gedauert, bis sie wieder mitarbeiten konnte. „Hier auf der Rheinkirmes bin ich zum ersten Mal voll im Einsatz“, sagt Nicole Bauer, die aber, sobald die Kirmes öffnet, auf die Zähne beißt und ihr hübschestes Lächeln aufsetzt, um ihren Job zu machen, während alle anderen ihre Freizeit genießen.

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