Größte Kirmes am Rhein: Der Kirmes-Casanova

Größte Kirmes am Rhein : Der Kirmes-Casanova

Ohne ihn wäre die Kirmes nur halb so unterhaltsam. Es gibt den Soften unter den Casanovas, den Aufreißer-Typen, der trotzdem ein Gentleman ist, und den Romantiker, der seiner Liebsten ein Lebkuchenherz kauft.

Der Kirmesplatz ist ein merkwürdiger Ort. Wie nirgendwo sonst treffen hier Lebenswelten aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Da gibt es die Familien mit Kindern, die kichernden Teenie-Schwärme, die Schausteller sowieso und die Nostalgiker. Und dann gibt es da noch den für das weibliche Geschlecht gefährlichsten Besucher des Rummels: den Kirmes-Casanova.

Momentan sind die Rheinwiesen sein Jagdrevier, dort fühlt er sich wohl, der Poser, der mit dem viel zu knappen Shirt, mit der Bauchtasche, den Muskeln, der Braungebrannte, der im Dunkeln eine Sonnenbrille tragen muss. Dort kann er sich zeigen, sich präsentieren, stolzieren. Er steht lässig an der Absperrung vor dem Flasher, denkt an der Herzchenbude über die richtige Inschrift nach und hat beim Schießen die rote Rose im Visier.

Seiner Iris kauft Marvin immer ein Lebkuchenherz, wenn sie auf der Kirmes sind. Damit kann er seine Freundin beeindrucken. Foto: Bretz, Andreas (abr)

Vor der Boxbude und beim Autoscooter markiert er vor der Damenwelt den starken Mann. Doch Achtung: Casanova ist nicht gleich Casanova. Er tritt immer anders auf, mal offensiv, mal romantisch, doch immer riskant für all' jene, die nicht genau hinter die verspiegelten Gläser seiner Sonnenbrillen schauen.

Eine solche Brille trägt zum Beispiel Muteba. Und auch sonst ist schon beim ersten Blick auf den 26-jährigen Hildener klar: Der ist nicht nur zum Karussellfahren da. Gibt er auch zu. "Eigentlich bin ich heute hier, um mit den Jungs Spaß zu haben. Aber wenn sich was ergibt, warum nicht." Deshalb stehen Muteba und "seine Jungs" auch am Autoscooter. Selbstbewusst drehen sie ein paar Runden, halsbrecherische Fahrmanöver inklusive. Ist doch klar. Aber auch Adrenalin-Attraktionen wie der Flasher gehören zu Mutebas Jagdrevier. "Ja, da habe ich auch schon etwas Nettes kennengelernt", gibt er zu.

Muteba ist aber auch ein Gentleman, mehr über seine Kirmes-Eroberungen will er nicht verraten. Sein Bruder Matu ist da schon ein bisschen auskunftsfreudiger: "Er flirtet ziemlich gerne", sagt er. Gut nur, dass Muteba zum am leichtesten zu erkennenden Typ der Kirmes-Casanovas gehört. Sonnenbrille, Autoscooter und rasantes Fahrverhalten - die Frauen sind gewarnt.

Es gibt aber auch den Romantiker wie Marvin. Er ist 16 und mit Freundin Iris auf der Kirmes. Er hat seiner Auserwählten ein Lebkuchenherz gekauft, "Für meinen allerliebsten Schatz", steht drauf. Seit zwei Jahren sind Marvin und Iris ein Paar, seitdem gibt es für Iris bei jedem Kirmesbesuch ein Herz. "Ein Casanova ist Marvin nicht", sagt Iris. "Er ist ganz brav." Er ist eben der Kirmes-Romantiker, der seine Freundin mit kleinen Aufmerksamkeiten wie einem Lebkuchenherz glücklich machen will. In die Boxbude muss Marvin nicht, das hätte Iris nicht so gern. "Hier ist nicht der richtige Ort, um Iris zu beeindrucken", sagt Marvin. Er ist der sanfte Casanova, punktet mit romantischen Gesten und hat bereits die klügste Tugend im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht verinnerlicht: Die Frau hat immer Recht.

Vorbereitungen für das Kirmes-Feuerwerk

Ein paar Stände weiter versucht Rany an der Schießbude ein weißes Schaf zu gewinnen. Rany ist groß, dunkelhaarig, hat ordentlich Muckis, die dank seines engen, weißen T-Shirts richtig zur Geltung kommen. Das Plüsch-Schaf, das er schießen will, soll für Shari sein - seine Freundin. "Nach vier Jahren Beziehung muss ich sie ja noch irgendwie beeindrucken", sagt Rany. Ist das so? "Nun ja, bisher hat er ja noch nichts getroffen", sagt Shari. Grundsätzlich stelle sich Rany aber ganz gut an auf der Kirmes, aber nicht als Kirmes-Casanova, eher als Kirmes-Softie. Vor allem Ranys Zitterhändchen auf dem Flasher hat die selbstbewusste Shari - die übrigens gerne Flasher fährt - überzeugt, dass ihr Rany im Grunde ein Kirmes-Softie ist. Oder ist das vielleicht auch nur die Masche eines echten Casanovas? Den Verletzlichen spielen und damit das Herz der Frau erobern? Was auch immer stimmt, Erfolg hat Rany, ob echter Softie oder Casanova, trotzdem.

Und es gibt da auch noch schlimmere Machos am Schießstand: Jene nämlich, die sich selbstbewusst geben und trotzdem nicht ins Schwarze treffen. "Sie schieben ihr Versagen auf das Gewehr und den Schießstand", sagt die Frau an der Bude, wo auch Rany gescheitert ist. Noch ein Beweis, dass er eigentlich kein richtiger Casanova ist, denn er nimmt es gelassen, dass Shari ohne Schaf nach Hause gehen muss.

Dafür ist Frank ein echter Casanova, findet jedenfalls seine Frau Petra. Einer der alten Schule. Durch seine Gesten zeigt Frank das, mal gibt es ein Lebkuchenherz, mal eine Fahrt auf der Raupe - echt zum Knutschen. Und immer mit Stil. Aufreißer-Typen kennen Frank und Petra. "So einer ist Frank aber nicht". Klar, die typischen Kirmes-Casanovas gibt es. "Auf der Dorf-Kirmes sind die aber schlimmer", sagt Petra.

Ob auf dem Dorf, in der Stadt, laut oder leise, am Ende ist der Kirmes-Casanova vor allem eines: unabdingbar. Man stelle sich den Autoscooter ohne ihn vor, das wäre doch langweilig. Und wer kauft den Frauen dann das kitschige, obligatorische Lebkuchenherz? Ohne den Casanova verliert die Kirmes ihre Romantik.

(lai)