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Düsseldorf: Das Riesenrad ist ein Glücksrad

Düsseldorf : Das Riesenrad ist ein Glücksrad

Irgendwann geht jeder ins Riesenrad. Wir sind einfach mal drei Stunden mitgefahren und zu fremden Leuten eingestiegen. Natürlich ist es ein Glücksspiel, aber es hat sich gelohnt.

Es geht langsam nach oben, und mit jedem Meter, den die Gondel zurücklegt, verändert sich Lars Überhagen. Schon als er mit seinem Vater eingestiegen war, strahlte er etwas Eigenartiges aus, etwas, das man manchmal bei Kindern sieht: Vorfreude. Nun aber, in der Höhe, ist sein Mund halb offen, die Mundwinkel zeigen in Richtung des wolkenlosen Himmels, seine Augen sind enger geworden und wandern umher, weil sie alles erfassen wollen. Die Sonne, den Rhein, die Karussells und die Menschen.

Der einzige Kirmes-Pfarrer Deutschlands, Martin Fuchs, verschafft sich einen Überblick. Foto: Bretz, Andreas

Lars Überhagen ist ganz oben, in 62 Metern, schlicht glücklich. Er ist 36 Jahre alt, steht jeden Morgen um fünf Minuten nach fünf auf, um für die Werkstatt für angepasste Arbeit Rasen zu mähen und Wege freizuschaufeln. Seit 13 Jahren macht er das, er liebt die frische Luft. Er wohnt alleine in Garath, nicht weit entfernt von seinen Eltern.

Sein Vater Hans, der jedes Jahr mit seinem Sohn Riesenrad fährt, war bei RWE als Rechnungsprüfer, seit 11 Jahren ist er Rentner, was am Anfang nicht so leicht war, aber inzwischen geht es. Auch weil er einen Schrebergarten hat, mit Gemüse, Obst und Blumenbeeten, in denen das Unkraut wächst. Hans Überhagen ist 71 Jahre alt, vieles im Garten fällt ihm schwer. Doch sein Sohn hilft ihm. Sie sehen sich fast jeden Tag. Sie brauchen einander.

Die Fahrt ist zu Ende. Wir steigen aus. An einer Gondel steht eine junge Frau, die ein unfassbar süßes Mädchen auf dem Arm hat. Laura Marin kommt aus Rumänien und steht vor einer großen Veränderung. Zwei Jahre hat sie in Düsseldorf bei einer Beraterfirma gearbeitet, sie war alleine mit ihrer Tochter Anja-Sofia, die inzwischen drei Jahre alt ist. Es war immer ihr Traum, im Ausland zu arbeiten, doch es war nicht leicht in Deutschland.

In Rumänien sei mehr Zusammenhalt, mehr Nähe, in Deutschland war die Stimmung unter den Kollegen "sehr professionell". Sie fährt nun zurück nach Bukarest. Sie ist Düsseldorf dankbar, aber sie freut sich wahnsinnig auf Zuhause. Sie wisse, dass viele Deutsche schlecht über Rumänen denken, doch es gebe auch viele, die gut ausgebildet, fleißig sind, etwas schaffen wollen. Es war nicht leicht, ganz bestimmt nicht, hier. Sie wirft einen letzten Blick auf die Stadt von oben. Was Deutschland von Rumänien lernen kann? Toleranz.

Ein Mann will alleine fahren, daraus wird nichts. Martin Fuchs ist der einzige Kirmes-Pfarrer Deutschlands. Vor 25 Jahren hat er sein erstes Kirmes-Kind getauft, Hunderte sind mit den Jahren dazu gekommen. Was er macht, nennt er "Geh-hin-Kirche", sein Gotteshaus ist das Festzelt oder der Wohnwagen eines Schaustellers, es spielt keine Rolle. Er fährt durch Deutschland, seine Gemeinde ist weit verstreut. Er fährt, um sich einen Überblick zu verschaffen Riesenrad, er fährt immer umsonst.

Ein Schausteller habe ihm einmal gesagt, er sei Gast und kein Besucher, das hat ihn schwer beeindruckt. Es ist schlecht um die Schausteller bestellt, die finanzielle Belastung wirkt sich auf die Familien aus, die noch mehr zusammenhalten müssen als früher. Immer mehr Mütter müssen arbeiten, es gibt immer mehr Ganztagsschulen, das wirkt sich besonders bei den Kinderkarussells aus. Am Nachmittag, wenn noch Schule ist, sind die Festplätze oft leer. Er tauft, er firmt und spendet auch schon einmal die Letzte Ölung auf dem Kirmesplatz. Nur zu den Saisonarbeitern kommt er nicht durch. Es sind kaum noch Deutsche dabei, sagt er, es ist schwierig.

Zwei alte Leute warten auf ihre Gondel: Annemarie Kosak (84) und ihr Mann Ernst (82). Ihr Sohn hat sie eingeladen. Annemarie ist nach dem Krieg aus Thüringen in Düsseldorf gelandet. Sie war 19 und wollte nicht in der DDR leben. Ihre Familie ließ zurück. Ernst ist Gerresheimer, Schütze. Früher habe es weniger Imbissstände gegeben und mehr Schießbuden, sagt er. Alles war kleiner nach dem Krieg. Ob es schöner war? "Alles hat seine guten und seine schlechten Seiten", sagt Annemarie, und dann: "Es kommt darauf an, was man draus macht."

(RP)