Kaugummi wird zur Kunst in Galerie in Düsseldorf

Ungewöhnliche Ausstellung : Düsseldorfer macht aus Kaugummis Kunst

Wilfred Neuse hat Kaugummis in der Düsseldorfer Innenstadt und weltweit fotografiert und die Bilder zu Kunstwerken modifiziert.

Je höher Wilfred Neuse die Stufen der Kirche St. Peter in München erklomm, desto mehr kam er aus der Puste, wanderte sein Blick zu Boden, und da sah er sie: Kaugummis überall, klebrig, eklig, flächendeckend. Der Fotograf begann damit, die breitgetretenen Verschmutzungen abzulichten, „eher aus einem Sammeltrieb heraus, so richtig etwas damit anzufangen, wusste ich anfangs nicht“, sagt Neuse. Das änderte sich, als der in Hellerhof lebende Düsseldorfer sich mit den Büchern „Ansichten der Natur“ von Alexander von Humboldt, beschäftigte, worin dieser von „Erde und Gummi genießenden Menschen“ schreibt. Neuses Blick war fortan geschärft, gerade in der Innenstadt fand er ein breites Betätigungsfeld: Schadowstraße, Bismarckstraße, Blumenstraße. Die dokumentarischen Fotos hat der 70-Jährige mit digitalen Mitteln überarbeitet, verfremdet, Farbe hinzugegeben, Kontraste geschärft, mehrere Ebenen eingebaut, „sodass der Betrachter zunächst gar nicht so richtig begreift, was er vor sich hat“. Auf viele Großstädte hat Neuse sein Projekt ausgedehnt, Paris, Barcelona, Berlin, Amsterdam, zuletzt war er in Israel unterwegs. Eine Auswahl dieser Werke sind jetzt in der Galerie „Park Kultur“ an der Oststraße zu sehen.

„Es lässt mich nicht mehr so recht los“, sagt Neuse und stellt damit in Aussicht, dass seinen Kaugummi-Bildern weitere folgen werden. „Natürlich versuche ich immer ein wenig, den Stil zu ändern, sonst wird’s langweilig, fehlt es an Dynamik“, so der Künstler. Seit Israel (Stipendiat 2017) sind auf den konstruktiv veredelten Fotos sogar Menschen zu sehen, wenn auch nur gürtelabwärts. Aber genau darum geht es ja, um das, was unten ist, am Boden klebt, wir gar nicht wahrnehmen. „Wir treten die ausgespuckten Kaugummis sogar unbewusst noch fester in Beton und Teer hinein“, sagt Neuse. Als Moralapostel will er sich deswegen noch lange nicht aufspielen, daher sind seine Arbeiten immer auch mit einer gehörigen Prise Ironie und kleinen Gemeinheiten versehen.

Auf die Spitze treibt Wilfred Neuse dieses Spiel mit dem Titel „Habbu Babbu“, natürlich eine Anspielung auf die Wrigley-Kaugummiblasen-Legende, „ich habe einfach jeweils die Vokale ausgetauscht“. Zur Ausstellung ist ein bildreicher Katalog erschienen, zu dem Thomas Schubert Texte beigesteuert hat („Der große Hubba Bubba verkündet...“). Dabei gibt es jede Menge amüsante Wortspielereien rund um den Kaugummi (Kino: Forest Gum, Western: Kau-Boy, Geografie: Der Kau Kasus, Rechtsextremismus: Geistige Gumerziehung).

Selten blicken wir nach unten auf den Asphalt. Wilfred Neuse macht das ununterbrochen und drückt auf den Auslöser – wie hier auf der Blumenstraße. Foto: Marc Ingel

Doch wo ist das Problem mit den ausgespuckten Kaugummis denn nun am größten? „Auf Parkplätzen großer Supermärkte“, sagt Neuse. Und auf der Reeperbahn, hat er sich erzählen lassen, „angeblich 300 Stück pro Quadratmeter“. Denn bei allem Spaß an der leicht verformbaren Masse im Mund bleiben Kaugummis natürlich ein ernst zu nehmendes Problem. „Wir wollen ein sauberes Düsseldorf – und dafür wollen wir die Bürger sensibilisieren. Das geht am besten mit kreativen Ideen, die zum Nachdenken und bewussterem Hinschauen anregen“, sagt Bezirksbürgermeisterin Marina Spillner, Schirmfrau der Ausstellung. Das Thema soll mittelfristig in einer Aufklärungskampagne münden, auch an Führungen für Kinder ist gedacht. Eine mögliche Variante zur Lösung des Problems ist übrigens direkt vor der Galerie positioniert. An der Gum Wall können ausgelutschte Kaugummis entsorgt werden, sie werden dann sogar recycelt.

„Park Kultur“, Oststraße 118, Dienstag bis Samstag, 13 bis 20 Uhr und nach Vereinbarung unter Telefon 93679960, bis 19. Oktober; im Rahmen der Kunstpunkte sind an diesem Wochenende auch Arbeiten von Karin Dörre in der Galerie zu sehen; www.dmitte.de.

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