Katja Bornemann: Das ist die Marie Kondo von Düsseldorf

Aufräumen mit professioneller Hilfe : Das ist die Marie Kondo Düsseldorfs

Katja Bornemann ist Aufräumcoach - ähnlich wie die Japanerin Marie Kondo, die derzeit Netflix erobert. Was sie ihren Klienten beibringt: Entscheidungen treffen und Loslassen.

Sie ist vielleicht so etwas wie eine deutsche Marie Kondo. Und dennoch kann man sich bei der Düsseldorferin Katja Bornemann nur schwer vorstellen, dass sie in ein chaotisches Zimmer hüpft, in die Hände klatscht und ruft „Ich liebe Chaos“ - so wie das die zierliche Japanerin in der Netflix-Serie „Aufräumen mit Marie Kondo“ macht. Bornemann ist da ein bisschen pragmatischer. Ein bisschen deutscher vielleicht.

Doch trotzdem ist das Grundprinzip das Gleiche. Beide Frauen kann man engagieren, wenn zu Hause Unordnung ist. Und sie helfen, das Chaos zu bezwingen, auszumisten und eine neue Ordnung zu schaffen. „Leute rufen mich an, weil sie eine Schublade, ein Zimmer, ein Haus aufräumen wollen“, berichtet Bornemann. Es gehe hier nicht um Messies oder pathologische Sammler. Eher um Menschen, die durch zu viel Arbeit und wenig Zeit - oder vielleicht durch eine Erkrankung - den Überblick über ihre Sachen verloren haben und dann nicht wissen, wo sie anfangen sollen.

„In den USA ist das ein ganz normaler Beruf - professional organizer - hier gibt es das noch nicht so häufig. Aber es ist im Kommen“, sagt Bornemann, die ihren Job seit 2014 ausübt. Dabei ist Aufräumen in Deutschland offenbar sehr beliebt. Einer Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov von Anfang des Jahres zufolge gibt fast jeder Deutsche an, immer wieder mal auszumisten. 9 Prozent der Befragten tun das häufiger im Monat, 13 Prozent monatlich, 27 Prozent halbjährlich.

Das sind wohl eher nicht die Kunden der Düsseldorferin Bornemann und ihren Kollegen, die ähnliches anbieten. Ihre Hauptaufgabe: Menschen dabei helfen, Entscheidungen zu treffen. Was brauche ich noch - und was nicht mehr? Das Loslassen falle vielen schwer, sagt die Aufräum-Expertin. Manche bräuchten eine neutrale Person, die ihnen dabei hilft. „Sich von Dingen zu trennen, führt Menschen ihre eigene Begrenztheit vor“, sagt der Soziologe und Psychotherapeut Hermann Schulte-Vennbur. Überspitzt formuliert stellt sich die Frage: Werde ich irgendwann auch nicht mehr gebraucht - so wie die zu enge Jeans mit dem kaputten Reißverschluss?

Zum Thema Chaos und Unordnung gebe es sehr unterschiedliche Einstellungen, sagt der Experte aus Hennef. Jeder Mensch habe ein eigenes Ordnungssystem, manche könnten sich auch in ihrem Chaos wohlfühlen. Problematisch ist allerdings, wenn das eigene Ordnungssystem im Kopf nicht dem der Realität entspricht. Das führe zu einer Dissonanz, die unglücklich machen kann. Man fühle sich nicht im Einklang mit seiner Umgebung. Oft seien andere Probleme mit verantwortlich für so eine Unordnung, die nicht zu bewältigen scheint - krankhaftes Aufschieben zum Beispiel.

Dass bei ihren Kunden oft noch andere Dinge im Argen liegen, als ein unordentlicher Keller oder ein vollgestopfter Kleiderschrank, merkt Katja Bornemann bei ihrer Arbeit oft. „Ich fühle mich manchmal ein bisschen wie eine Psychiaterin“, sagt sie lachend. Zu 80 Prozent, so schätzt sie, gehe es um Arbeit auf der seelischen Ebene. Das Ausmisten sei bei vielen ihrer Kunden auch eine Reise zu sich selbst. „Das kann mal lustig sein. Oder auch schmerzhaft“, sagt sie.

Hinterher fühlten sich viele aber befreit. Überspitzt wird das auch in der Netflix-Serie gezeigt. Ist dort erst einmal das Haus aufgeräumt, werden die Beziehungen wieder enger, familiäre Probleme lösen sich auf - ein bisschen amerikanische heile Welt. Darüber muss Bornemann oft schmunzeln. Und dennoch hat sie das auch schon erlebt. „Ich habe oft den Eindruck: Je mehr im Haus geordnet wird, desto klarer wird vielen, was sie wollen“, sagt sie. Auch sie habe schon Kunden gehabt, die später auch andere Baustellen in ihrem Leben anpacken und lösen konnten.

Psychotherapeut Schulte-Vennbur hat dafür eine Erklärung. Der therapeutische Effekt des Aufräumens entstehe durch die Erfahrung der Selbstwirksamkeit, sagt er. „Man ist nicht mehr Opfer seines Chaos, sondern lernt, Entscheidungen zu treffen.“ Das Selbstwertgefühl profitiere, weil man spüre, dass man das Problem selbst in die Hand nehmen und aktiv etwas daran ändern kann. Und das könne sich dann auf andere Lebensbereiche übertragen.

(ham/dpa)
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