Rosenmontagszug-Wagen Wie Tilly dem Wulff ein Ei ins Nest legt

Düsseldorf · Nur wenige Stunden vor dem Rosenmontag wurde der mit Spannung erwartete Wulff-Wagen fertig. Bevor der Zug sich in Bewegung setzte, begutachtete Wagenbauer Jacques Tilly nochmals seine Werke. "Das ist unsere Jahresausstellung", sagt der Künstler. Und nach dem Zoch ist vor dem Zoch.

Jacques Tilly und seine Wagen
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Die rostbraune Perücke, Modell Coco, sitzt, der rote Overall, der längst sein Markenzeichen ist, wenngleich er ihn nicht als solches definiert haben will, auch. Jacques Tilly ist ausgehfertig für den wichtigsten Tag des Jahres. Für Schminke hat's nicht mehr gereicht. "Die Farbe ging für die Wagen drauf", grinst Düsseldorfs oberster Wagenbauer. Außerdem kommt's, da ist er ganz Künstler, ja auch nicht darauf an, dass er perfekt kostümiert ist, sondern, dass mit seinen Wagen alles in bester Ordnung ist.

Tilly ist optimistisch, als er mit Leitern, zwei Fotoapparaten und einem Erste-Hilfe-Flick-Set von seinem Zuhause in Oberkassel aufbricht, dass auch sein 30. Düsseldorfer Rosenmontagszug von Anerkennung und Zuspruch gekrönt sein wird. Und wer sollte daran Zweifel haben, als er verrät, dass der am sehnsüchtigsten erwartete Wagen, der "Wulff-Wagen" erst am Sonntagabend um fünf vor Zwölf fertig wurde.

Je später, desto besser, darauf hat Tilly bei seinen politischen Wagen in den vergangenen Jahren immer gesetzt — und immer richtig gelegen. Er hatte im Vorfeld des Rosenmontags die Kölner für ihren viel zu früh entworfenen Wulff-Wagen kritisiert und sich damit unter Zugzwang gesetzt. "Jetzt muss'te auch liefern", wusste er. Als ihn am Sonntagabend die Nachricht erreicht, dass sich die Parteien in Berlin auf Joachim Gauck als Bundespräsidenten-Kandidaten verständigt haben, wird die Meßlatte noch ein bisschen höher gelegt. Tilly ist sofort klar: Nicht nur Wulff, nein, auch der Gauck muss mit.

Am Ende seines letzten Arbeitstages vor Rosenmontag legt er dem wie Ikarus vom Himmel gestürzten Ex-Präsidenten Wulff ein Ei ins Nest. Ein Ei, aus dem, das verrät die Aufschrift, Gauck schlüpfen wird. Am Ende des rund fünfstündigen Rosenmontagsausflugs wird er für seine Aktualität und seinen liebevoll-bissigen Humor bewundernde Anerkennung ernten. Das Ei des Kolumbus, das gibt's also doch. Und wer hat's gefunden? Jacques Tilly. "Glückwunsch", wird Lothar Hörning, Präsident der KG Regenbogen, nach dem Zug sagen, als er ihn am Rathaus trifft: "Das war ganz großes Kino!"

Drei Wochen hat Jacques Tilly mit seinem zuletzt aus 15 Leuten bestehenden Team in der Wagenbauhalle an den Mottowagen der diesjährigen Session gearbeitet. Jetzt will er sie alle in vollem Glanz und voller Ausdehnung sehen und für sich, seine Mitarbeiter und die ein oder andere Karnevalsgesellschaft festhalten. Die Leiter hat er links geschultert, in der rechten Hand schleppt er einen alten leeren Wasserkasten über die Oberkasseler Brücke zum Aufstellungsweg am Joseph-Beuys-Ufer. Im Rucksack sind Proviant (Schokokekse und eine mit Killepitsch gefüllte kleine Mineralwasserflasche) und ein Fotoapparat verstaut, in seiner Jackentasche führt er noch eine kleine Digital-Kamera mit. Tilly will möglichst viele seiner Wagen und auch die Gesellschaftswagen, die unter seiner Anleitung oder mit seiner Hilfe entstanden sind, im Foto festhalten. Und das lässt sich am besten vor Beginn des Zuges regeln.

Den Wasserkasten befestigt Tilly vorerst mit einem Fahrradschloss an einem Begrenzungsgitter an der Tonhalle. "Den brauche ich später für die Tribüne am Rathaus. Da stelle ich mich dann drauf, um einen besseren Blick zu haben." Zunächst geht's mit Leiter und Zugnummernliste, fein säuberlich thematisch und chronologisch sortiert, an allen aufgestellten Wagen entlang. Merkel und Sarkozy, kurz Merkozy, sind die ersten, die Tilly unter freiem Himmel entdeckt. "Das ist für mich das schönste Motiv", frohlockt er, während er — mit und ohne Leiter — um den Mottowagen Nummer 4 herumstreicht, um die beste Position für sein Foto zu finden. Merkel hat es ihm angetan in diesem Jahr, stellt er bei der Begutachtung seiner Liste fest. "Die haben wir gleich viermal gebaut." Sei's drum, im vergangenen Jahr, war sie gar nicht dabei.

Eigenlob liegt dem Künstler fern, die Auseinandersetzung mit den Botschaften seiner Wagen ist ihm aber extrem wichtig. Das gilt vor allem für die Wagen, die in die Kategorie "dreidimensionale Karikaturen" fallen. Der Ahmadinedschad-Wagen gehört dazu. "Der ist mein Punching-Ball", erläutert Tilly. "Es gibt keinen unsympathischeren Politiker. Er ist ein skrupelloser Blutsauger." Ohne das Thema Religion geht's bei Tilly nicht. Besonders stolz ist er auf seinen "Islamisierungswagen". Und das, obwohl der erst im dritten Anlauf gelang.

"Die zwei ersten Entwürfe waren viel zu harmlos", sagt Tilly, während er die Islam-Kröte und den schönen Schmetterling des arabischen Frühlings zufrieden betrachtet. "Darüber werden sich sicher wieder einige draußen aufregen."

Am Koalitions-Tandem (Merkel fährt, das FDP-Gerippe hängt schlapp im Sattel) trifft er Stefan Reinhold, einen alten Schulfreund mit seiner Familie, ein paar Meter weiter den früheren Wagenbauleiter Theo Undorf. Da muss die Leiter kurz mal wieder abgestellt werden, denn: Fotos mit dem Künstler gehen vor. Der inzwischen 81-jährige Undorf ist der, dem Düsseldorf den Tilly zu verdanken hat. "Der Theo hat mich eingestellt", bemerkt Tilly. Doch Zeit für längeres Erinnerungsgeplänkel hat er nicht. Sein Handy klingelt. Nicht zum ersten mal an diesem Vormittag will ein Sender sich noch kurzfristig mit ihm verabreden. Dem Radiokollegen muss er aber einen Korb geben. "Live zuschalten, das geht nicht. Ich kann ja nicht garantieren, dass man mich während des Zuges am Telefon überhaupt versteht." Die Fernsehsender bedient er dann doch noch. Gerne direkt am Gauck-Ei. Da ist Tilly ganz Medienprofi: Wenn es Düsseldorf ins Fernsehen schaffen will, dann doch damit.

Im Sauseschritt geht es schließlich zur Tribüne des Rathauses. Die Leiter hat Tilly angekettet, dafür den Wasserkasten im Schlepptau, und der macht die Arbeit am Ende leichter. "Beste Sicht auf die Ereignisse", wird er in den nächsten drei Stunden mehrfach betonen. Und unermüdlich immer wieder auf seinen Kasten klettern, wenn wieder einer seiner Wagen um die Ecke biegt. Zu reparieren gab es nichts, und bis auf ein paar unwesentliche Kleinigkeiten hat er auch nichts zu mäkeln. "Es ist weitestgehend alles heil geblieben", bilanziert Tilly. Am meisten Arbeit hat übrigens der Prinzenwagen gemacht. Den Entwurf mit den Berlinern, Keksen und Brezeln hatte er schon im Sommer fertig. "Karneval ist inzwischen ein Ganzjahresgeschäft. Und das hier unsere Jahresausstellung." Immerhin gibt es ab Morgen eine kleine Pause. Bis zum Wochenende. Dann wird Tilly samt Familie nach Basel reisen. Zur Fasnacht.

(RP/jco)