Notaufnahme Düsseldorf - der erste Patient an Altweiber war ein Tiger

Notaufnahme an Karneval : Der erste Patient war ein Tiger

Die Notaufnahme des Marienhospitals in Düsseldorf ist an Altweiber auf einen Ansturm vorbereitet. Abends kommt auch ein Sicherheitsmann: Manchmal werden die kostümierten Patienten aggressiv. Wir waren beim Dienst dabei.

Altweiber, schönes Wetter, das lässt einiges befürchten in der Notaufnahme des Marienhospitals. Das Krankenhaus an der Rochusstraße ist für Rettungswagen, die in der Altstadt Patienten aufnehmen, schnell zu erreichen. „Vom Hofgarten sind’s nur ein paar Meter bis zu uns, wir sitzen quasi am Ende der längsten Theke“, sagt Georg Welty, Leitender Arzt und Chef der Notaufnahme. Am Donnerstag geht es in der Altstadt zunächst relativ gesittet zu. Kurz vor 12.30 Uhr kommt der Zuruf: „Der Erste ist da, es ist ein Tiger.“

Mit halb geschlossenen Augen  liegt der Tiger auf der Seite, als ihn die Sanitäter auf eine Art Feldbett legen. Welty untersucht ihn und ordnet isotonische Infusionen an. Der junge Mann im Ganzkörperkostüm, immerhin noch ansprechbar, dürfte bei 1,8 Promille liegen, schätzt der erfahrene Mediziner, der von Haus aus Chirurg ist. Die Infusionen sorgen für eine Senkung des Blutalkoholspiegels, Welty sagt, dass es drei bis vier Stunden dauert, bis der Tiger wieder aufstehen kann. Der Gorilla, der ihn begleitet hat, guckt ihn mitleidig an. Der Tiger-Vater ist informiert, er soll seinen Jungen später ins heimische Gehege bringen. Da hätte er auch jetzt schon sein können, merkt der Mediziner an. Rauf aufs Sofa, ein Eimer daneben, ausnüchtern – wie früher.

So ergeht es später zwei  Frauen, denen schlecht ist. Sie stützen sich gegenseitig, als sie über den Parkplatz ins Krankenhaus wanken. Aber in die Notaufnahme gehören sie ebenso wenig wie auf eine Station. Also torkeln sie von dannen. An Altweiber dominieren die Frauen nicht nur beim Rathaussturm, sondern auch bei den Alkoholproblemen, das ist die Erfahrung der letzten Jahre. Deswegen sind in der Aufnahmestation, wo die akuten Alkoholfälle an diesem Tag behandelt werden, acht Betten für Frauen  reserviert, nebenan, für Männer, sind es nur sechs. Am Wochenende und am Rosenmontag ist es andersherum.

Früher wurden die Betrunkenen an Karneval in einem Zelt neben dem Marienhospital betreut. Als Welty nach zehn Jahren in der Notaufnahme des Aachener Klinikums 2011 nach Düsseldorf wechselte, änderte er diese Praxis. Ärzte und Betreuer seien der Gefahr ausgesetzt worden, in der Kälte selbst krank zu werden, zudem sei das Zelt ein teures Vergnügen gewesen. Also wurden Räume im Krankenhaus gefunden, wo nun zwei Rettungssanitäter und vier Rettungshelfer des Roten Kreuzes agieren, von 12 bis Mitternacht an Altweiber, am Samstag von 22 bis 4 und Rosenmontag von 14 bis 22 Uhr. Abends kommt auch ein Sicherheitsmann. Manchmal werden Patienten aggressiv.

In der Notaufnahme selbst arbeitet Welty mit einem Chirurgen, einem Neurologen, einem Internisten und einem Urologen zusammen, an Karneval gibt es eine doppelte Besetzung. Hinzu kommen drei Pflegekräfte, die triagieren können. Sie sind dafür ausgebildet, nach bestimmten Kriterien zu ermessen, in welchem Zustand sich Patienten befinden und wie schnell ein Arzt sie anschauen muss. Die Aussage des Hausarztes ist für die Akutsituation sekundär, sagt Welty. „Sobald die Schwelle des Krankenhauses überschritten ist, entscheiden wir, was zu tun ist“, sagt der Leitende Arzt.

Das gelte auch für den Fall Peter Königs, der vor einigen Wochen mit seinem Vater in der Notaufnahme des Marienhospitals gekommen war. Der Hausarzt, ein Internist, hatte einen Verdacht auf Schlaganfall diagnostiziert. Zwei Stunden habe der Vater keinen Arzt gesehen, die Königs verließen unter Protest das Krankenhaus. Welty sagt, dass man medizinisch alles richtig gemacht habe, es habe kein Schlaganfall vorgelegen, die Kommunikation jedoch hätte besser sein können. Parallel habe man jedoch zu diesem Zeitpunkt zwölf neurologische und vier internistische Notfälle betreuen müssen.

20.000 Notfälle sind es im Jahr in der Notaufnahme, 50 bis 60 am Tag;  Karneval und vor Feiertagen können es mehr als 80 sein. Elf teils sehr gut ausgestattete Räume stehen für die Patienten bereit.

Den großen  Stress gibt es am Altweibertag diesmal  nicht. Die Situation ist insgesamt besser, seit es das Glasverbot gibt. „Das war das Beste, was die Stadt für ihre Bevölkerung tun konnte“, sagt Welty, der von schlimmen Szenen, blutüberströmten Menschen und Tagen berichtet, an deren Abend er nur noch dachte: „Ich muss jetzt hier raus“.

Einweisungen von Ärzten sind an diesem Donnerstag  eher selten, bis 16 Uhr sind 14 junge Männer und sechs Frauen eingeliefert worden. Svenja (21) erzählt, als sie wieder aufrecht sitzen kann, dass sie mit ihrer besten Freundin 25 Klopfer in einer Stunde gekippt habe. Das sei wohl zu viel gewesen, bestimmt der Stress – letztes Jahr hätten sie mehr als 40 geschafft. Die Eltern holen sie ab. Das Krankenhaus benachrichtigt stets Angehörige, manchmal kann es dauern, bis jemand kommt. „Es feiern viele Auswärtige in Düsseldorf“, sagt Welty.

Georg Welty, Leiter der Notaufnahme des Marienhospitals, untersucht eine Patientin. Foto: Bretz, Andreas (abr)
Ein junger Mann, der sich als Nonne verkleidet hat, wird gegen 16 Uhr vom DRK eingeliefert. Foto: Bretz, Andreas (abr)
Nette Geste: Die Rettungssanitäter Georg Simon (l.) und Maximilian Schmidt machen Suppenpause. Foto: Bretz, Andreas (abr)

Am frühen Abend steuern immer mehr Krankenwagen das Marienhospital an. Mit dem Tiger hat Welty auf dem Flur erste Gehversuche gemacht. Der hochgewachsene 17-Jährige („nächste Woche werde ich 18“) erzählt von zu viel Bier und Berentzen. Erst jetzt sehen alle, dass er gar kein Tiger ist. Sondern eine Giraffe.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Marien-Hospital in Düsseldorf - Notaufnahme an Altweiber 2019

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