Jens Singer (dä Schofför der Kanzlerin): Beamter und Büttenredner

Doppelleben zwischen Berlin und Rheinland : Dieser Mann ist Bundestags-Beamter - und Büttenredner

Regierungsdirektor Jens Singer ist promovierter Jurist - und professioneller Büttenredner. Als "dä Schofför der Kanzlerin" verkörpert er einen Rheinländer in Berlin. Auch das Düsseldorfer Publikum mag seinen schrägen Humor.

Er ist promovierter Jurist und arbeitet als Regierungsdirektor in der Bundestagsverwaltung. Als Spezialist für Sicherheitsbehörden hat er Zugang zu Verschlusssachen, die als streng geheim eingestuft sind. Derzeit etwa befasst er sich mit der NSA-Affäre. "Ich trenne das sehr sorgfältig", sagt Jens Singer. Damit spielt er auf seinen zweiten Beruf an: Singer ist nämlich nicht nur Geheimnisträger, sondern auch Büttenredner. Wobei er Letzteres eher als halbprofessionelles Hobby betreibt. Eine bewusste Entscheidung, wie er betont: "Das ganze Jahr über den Narren zu geben, ist nicht gesund."

Beim "organisierten" Kneipenkarneval der Düsseldorfer Originale war er kürzlich dabei. Am 28. Januar lotsen ihn die Knaasköpp hierher. Im Quartier Bohème tritt er auf Einladung der Närrischen Wehrhähne am 3. Februar auf. Und schon längst hat er Anfragen für 2019 und auch schon die folgende Session.

Obwohl er sich als Büttenredner das Spielerische bewahren will, seine karnevalistische Ausbildung beim Literarischen Komitee des Festkomitees Kölner Karneval hat er durchaus ernst genommen: "Drei Jahre lang bin ich jeden Samstag mit der Frühmaschine von Berlin nach Köln geflogen." Dort lernte er nicht nur, wie man Witze schreibt, Pointen entwickelt und sich auf der Bühne präsentiert, sondern auch, wie man Schminke aufträgt und Kostüme zusammenstellt.

Als Büttenredner pendelt er weiterhin regelmäßig ins Rheinische zum dortigen Karneval - den Berliner Fasching hält er für vollkommen indiskutabel: "Nää!", antwortet er verächtlich auf die Frage, ob er auch in der Hauptstadt auftrete. Zwar wohnt Singer in Berlin, aufgewachsen ist er aber "in einem Waldgebiet zwischen Leverkusen und Köln". Schon als Schüler und Student war er karnevalistisch aktiv. Vor rund zehn Jahren entwickelte der 50-Jährige die Figur, mit der bis heute auftritt - den Chauffeur der Kanzlerin (Eigenschreibweise: "Dä Schofför"). Ihm schwebte ein Rheinländer in Berlin vor, "nah dran an der Politik, aber im Grunde zu den kleinen Leuten gehörend".

Singer hat Angela Merkel schon häufiger persönlich getroffen und geht davon aus, dass sie von seinem närrischen Treiben weiß. Allerdings vermutet er auch, dass es sie nicht besonders interessiert: "Mit Karneval kann die Kanzlerin gar nix anfangen - sie ist mehr für das Strukturierte und nicht so sehr für das Anarchische."

Aber auch im rheinischen Karneval stößt er mit seiner Figur nicht überall auf Interesse: "Bei Damensitzungen bin ich eher falsch, die hören lieber Musik - da geht man als Redner durch schweres Wetter." Ebenfalls schwierig für Redner sei Köln: "Die dortigen Musikgruppen beschallen mit riesigen Boxen den Saal, dass es kracht." In diesem Umfeld sei es schwer, zum Zuhören zu animieren. In Bonn und vor allem in Düsseldorf sei es als Redner leichter: "Düsseldorf hört fantastisch zu und hat eine stolze Rednertradition." Allerdings sei auch hier die Uhrzeit entscheidend: "Wenn es spät ist und die Leute schon 20 Alt intus haben, funktioniert nur noch der Holzhammer."

Singer findet, dass dem heutigen Karneval der "fein ziselierte Humor" etwas abhandengekommen sei, vermutlich weil die Reizschwelle beim Publikum durch die allgegenwärtigen Comedians mittlerweile einfach höher sei: "Das Florett ist nicht mehr möglich - der Säbel muss sein; und dann brutal drauf." Er gibt aber zu, auch selbst nicht immer davor gefeit zu sein, ins Grobe zu verfallen. So verglich er bei der ersten SPD-Karnevalssitzung neulich in Düsseldorf etwa den CDU-Politiker Peter Altmaier mit dem Glöckner von Notre-Dame. Das sei schon grenzwertig gewesen, räumt er ein - und klingt dabei, als ob er das auch wirklich so meint.

(bs)