Karneval in Düsseldorf: Das etwas andere Prinzenpaar

Karneval in Düsseldorf : Das etwas andere Prinzenpaar

Der Veedelszoch der Werkstatt für angepasste Arbeit zieht morgen durch den Südpark. Mit 200 Beteiligten und einer Zuglänge von 600 Metern ist er wahrscheinliche der kleinste Karnevalszug in der Stadt.

Er ist der erste der zahlreichen Veedelszüge in der Stadt und zieht schon morgen um kurz nach 10 Uhr los. "Wir sind wahrscheinlich auch der kleinste Umzug in der ganzen Stadt", vermutet Andrea Schmidt, Öffentlichkeitsarbeiterin der Werkstatt für angepasste Arbeit (WfaA). Dem Charme tut das keinen Abbruch. Im Gegenteil.

Wie jedes Jahr zieht der Zoch durch den Südpark. Dort arbeitet auch Johannes Schiefer, und der hat gute Laune. "Schönes Wetter heute", sagt er. Schiefer ist einer von rund 270 Menschen mit und ohne Behinderung, die in der Betriebsstätte der Werkstatt für angepasste Arbeit im Südpark beschäftigt sind. Er arbeitet wie die meisten im Gartenbau, kümmert sich unter Anleitung eines ausgebildeten Gärtners um die Pflegearbeiten im Südpark.

Davon abgesehen herrscht auf dem Areal am südlichen Parkende reges Treiben. In der Bäckerei wird ebenso gearbeitet wie im Hofladen, der Deko-Werkstatt und dem Streichelzoo. 240 der 270 Angestellten haben eine Behinderung. Das kann ein körperliches Handycap sein, aber auch ein geistiges oder eine psychische Erkrankung.

Vor der Betriebsstätten-Kantine macht Anne Sebastian gerade eine Zigarettenpause. Die 28-Jährige ist die diesjährige Venetia. Der Prinz an ihrer Seite heißt mit Vornamen zufällig wie sein Pendant der Landeshauptstadt. Christian. Christian I. Er lässt sich entschuldigen. Fußballtraining. Die Mannschaft trainiert im Sportpark Niederheid.

Wenige Tage vor dem Karnevalsumzug, der in diesem Jahr unter dem Motto "Uns kritt nix klein - tierisch gute Laune, die darf sein!" steht, ist bei Venetia Anne alles wie immer. Seit 2008 arbeitet sie in der Werkstatt. Erst war sie im Gartenbau. Mittlerweile ist sie in die Deko-Werkstatt gewechselt. "Wegen der Schmerzen an der Hand", erklärt sie. "Ich wurde zwei Mal operiert." Gemeinsam mit ihren fünf Kollegen aus der Deko-Werkstatt ist Anne Sebastian gerade dabei, Blumenschmuck für die Staatskanzlei herzustellen. Wenn Hannelore Kraft dort zu größeren Besprechungen einlädt, kommt die Tisch-Deko aus dem Südpark.

Mit ihrem Bürstenhaarschnitt, den sie unter einer schwarzen Mütze versteckt, dem groben Schuhwerk und den Arbeitshosen wirkt Anne Sebastian eher androgyn. Ein Gegenentwurf zur klassischen Venetia. Sie freue sich auf die Aufgabe, sagt sie: "Ich wollte das immer schon mal machen." Erst zwei Wochen vor dem Karnevalszug hat sie erfahren, dass ihr Wunsch dieses Jahr in Erfüllung geht.

Wer Venetia wird, entscheidet bei der WfaA das Los. Und auch sonst ist vieles ganz anders. Die Vorbereitungen für Kostüme und Wagenbau starten maximal drei Wochen vor dem großen Tag. Der Zugweg vom Haus Deichgraf zum Höfchen ist gerade einmal 600 Meter lang. Der Zug besteht aus rund 200 Menschen, von denen der überwiegende Teil zu Fuß unterwegs ist. Und die Kamelle werden nicht geworfen, sondern übergeben, so dass möglichst wenig auf dem Boden landet. "Ist in unserem eigenen Interesse", sagt Andrea Schmidt lachend, "so sparen wir uns Aufräumarbeit."

Bei den Kostümen betreiben die Menschen aus dem Südpark aber mindestens genauso viel Aufwand wie jene, die Teil des Rosenmontagszugs sind: Die Tierpfleger zum Beispiel, die sich um die Ziegen, Schafe, Schweine, Kaninchen und Gänse kümmern, gehen in diesem Jahr als Krümelmonster. Auf blauen Afro-Perücken haben sie mit Hilfe von Draht Augen befestigt. Dietrich Lüpke freut sich schon. Lüpke arbeitet bei der Tierpfleger-Gruppe und ist gerade dabei, die Verpackungen, die Besucher am Automaten ziehen können, mit Futter zu befüllen. Vor dem Karnevalsumzug wartet noch eine Herausforderung auf ihn. Ein Bühnenauftritt, dabei leidet er doch unter ausgeprägtem Lampenfieber.

Venetia Anne sitzt derweil auf der Bank im Kräutergarten. Vor einigen Tagen war sie, so erzählt sie, zur Kostümanprobe im Akki. Aus dem dortigen Fundus stammt die Garderobe des Prinzenpaars. Auf Männerstrumpfhosen, Lackschuhe und lustige Federn am Hut verzichtet man beim Südpark-Karneval.

Auf dem Prinzenpaar-Wagen, einem von drei Elektromobilen im Zug, wird Anne I. einen langen Reifrock tragen nebst dazu passendem Oberteil. Farbkombination orange-beige-weiß. Die Garderobe sei ein bisschen ungewohnt, gibt die 28-Jährige zu. So was trage sie sonst nur bei Feierlichkeiten. Trotzdem scheint es, als habe Venetia Blut geleckt. Sie würde gerne mal im Rosenmontagszug mitgehen, gesteht sie zum Abschied. Vorher nimmt sie morgen im Südpark die Helau-Rufe entgegen.

(RP)