JVA Düsseldorf: Viele Gefangene sind psychisch krank - Interview mit Leiterin

Leiterin der JVA Düsseldorf im Gespräch : „Immer wieder finden wir mit Kot verschmierte Hafträume vor“

Wahnvorstellungen, Depressionen und Suizidgedanken - viele Gefangene in der JVA Düsseldorf sind psychisch krank. Die Leiterin Beate Peters erklärt, wie die Anstalt damit umgeht und welche Herausforderungen es sonst noch gibt.

Finden Sie es nicht auch manchmal surreal, an so einem schönen Frühlingstag hier anzukommen und hinter diesen dicken Mauern zu verschwinden?

Beate Peters Doch, das Gefühl habe ich manchmal schon noch. Nicht mehr so oft, es ist ja schon die vierte Haftanstalt, die ich leite. Aber wenn, dann empfinde ich es in der Weihnachtszeit als besonders krass, weil das auch hier drin eine sehr emotionale Zeit ist.

Aber es feiern doch nicht alle Gefangenen Weihnachten?

Peters Wir haben derzeit 66 Nationalitäten hier, und der überwiegende Teil ist christlich geprägt. Aber auch Nicht-Christen entziehen sich der Weihnachtsstimmung nicht. Und die Pfarrer nehmen sowieso alle mit.

Beate Peters leitet seit Ende Juli die Justizvollzugsanstalt Düsseldorf, die an der Oberhausener Straße auf Ratinger Gebiet liegt. Foto: Hans-Juergen Bauer (hjba)

Es gibt aber auch einen Imam.

Peters Ja, alle 14 Tage kommt ein Imam zum deutschsprachigen Freitagsgebet. Und er klärt über den Islam auf, das ist auch ganz wichtig. Denn nicht selten haben gerade die, die die Fahne des Islam besonders hochhalten, keine oder wenig Ahnung davon.

Reicht das Angebot?

Peters Aktuell durchlaufen noch zwei Bewerber, die unseren Imam unterstützen könnten, die Sicherheitsüberprüfungen.

Wie funktioniert das?

Peters Neben den üblichen Verfahren der Sicherheitsbehörden haben wir einen Islamwissenschaftler bei den Gesprächen dabei. Der stellt die richtigen Fragen.

Welche Rolle spielt denn die Religion hier?

Peters Das hat mir neulich erst ein Inhaftierter gesagt, als das Schauspielhaus mit „Nathan to go“ bei uns gewesen ist. „Religion spielt hier keine Rolle, unser gemeinsames Thema ist die Haft.“

Aber für Sie spielt es schon eine Rolle, etwa wenn es um Integration geht.

Peters Für uns ist natürlich entscheidend, dass ein Inhaftierter hier klarkommt. Wir machen Crashkurse nicht nur für die Sprache, sondern auch in Sachen Gesellschaftsbild, Gleichberechtigung und so weiter. Das sind viele kleine Bausteine.

Und wenn sich jemand weigert?

Peters Es ist schwer erkennbar, ob jemand nicht will oder es nicht kann. Wir haben hier oft mit psychischen Störungen zu tun.

Wie oft?

Peters Gut zehn Prozent der Inhaftierten sind davon betroffen. Und das bringt uns an unsere Grenzen. Da gibt es Menschen mit Wahnvorstellungen, andere, denen jegliches Einsichtsvermögen fehlt. Die einen suchen ständig und über die Maßen das Gespräch mit den Bediensteten, andere greifen die Vollzugsbeamten an. Immer wieder finden wir mit Kot verschmierte oder sonstwie verwüstete Hafträume vor.

Sollten psychisch auffällige Gefangene nicht eigentlich in der Forensik untergebracht sein?

Peters Bei uns betrifft das vor allem Untersuchungs-Gefangene, die also noch nicht im Rahmen eines Strafverfahrens begutachtet wurden. Das ist ein großes Problem. Denn die Zahl der psychischen Auffälligkeiten steigt. Die Betroffenen kommen dann nach Fröndenberg ins NRW-Justizkrankenhaus, werden dort therapiert und medikamentös eingestellt und kommen wieder zu uns. Nur hier setzen sie dann, weil es ihnen ja wieder gut geht, die Medikamente ab und alles geht von vorn los. Viele müssen in den Hafträumen beobachtet werden, um Selbstverletzung oder Suizid zu verhindern. Das bindet sehr viel Personal.

Gibt es da eine Lösung?

Peters Zumindest gibt es nach dem Todesfall in Kleve eine Expertenkommission, die sich auch mit der Frage der forensischen Betreuung befasst. Wir brauchen dringend mehr Anbindung an die psychiatrischen Kliniken. Fröndenberg kann die hohe Fallzahl nicht dauerhaft alleine stemmen.

Es gibt ja noch einige andere Faktoren wie die Hauptverhandlungshaft und die aufwändigen Terroristen-Prozesse, die Ihr Personal zusätzlich belasten. Wie viele Bedienstete haben Sie hier vor Ort zurzeit?

Peters Von unseren 269 Planstellen im Vollzugsdienst sind 20 frei. Die müssen wir dringend besetzen, aber das ist nicht einfach. Etliche Bewerber fallen schon beim Deutschtest durch - und wir sind schon wirklich großzügig mit der Zeichensetzung (lacht). Oft ziehen Kandidaten ihre Bewerbung aber auch nach einem Rundgang durchs Haus zurück, weil sie sich dann doch nicht vorstellen können, hier zu arbeiten. Und wieder anderen ist auch das egal, die wollen nur einen sicheren Job im Öffentlichen Dienst, und die können wir auch nicht brauchen. Am Ende bleiben dann von 25 Bewerbern nur drei. Das würde ich gern ändern. Es ist schließlich ein verantwortungsvoller und abwechslungsreicher Beruf, der die Resozialisierung der Gefangenen und die Sicherheit der Gesellschaft zum Thema hat.

Die JVA Düsseldorf ist ein Männergefängnis. Nehmen Sie denn auch Bewerberinnen?

Peters Das ist längst Standard. Wir haben 87 Frauen im Team, hätten gerne mehr. Man darf ja auch durchaus feststellen: Bei uns geht es oft um Deeskalation. Und das ist ein weibliches Thema.

Wenn Sie sich was wünschen dürften, außer geeigneten Bewerbern ...

Peters … dann auf jeden Fall eine bessere Auslastung unserer Eigenbetriebe. Denn in denen bieten wir nicht nur Arbeitstherapien, sondern vor allem berufliche Qualifikationen an. Das ist ganz wichtig. Derzeit baut unsere Schreinerei die Möbel für die Justiz in NRW, die Schneiderei verkauft Produkte über den Online-Knastladen. Aber wir brauchen unbedingt mehr Aufträge von außen, um Menschen zu qualifizieren, die arbeiten können, aber eben keine Lehre haben.

Wie oft hören Sie noch das Wort „Ulmer Höh’“?

Peters Täglich. Gefangene, die die alte Anstalt noch kannten, vermissen sie, die Mitarbeiter finden das neue Haus in vieler Hinsicht besser.

In welcher denn nicht?

Peters Die Wege sind weiter. Und in einer Abteilung ist ein Beamter für 52 Gefangene zuständig. Das ist nicht so persönlich wie in der „Ulmer Höh“.

Sie sind jetzt seit einem Dreivierteljahr im Dienst. Was haben Sie sich vorgenommen?

Peters Ich würde gern alle insgesamt 350 Mitarbeiter persönlich kennenlernen, das hab’ ich noch nicht ganz geschafft. Und unseren hohen Krankenstand von 14 Prozent möchte ich angehen, indem ich die Gründe dafür finde und abstelle. Und möglichst keine ,besonderen Vorkommnisse’ erleben.

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