Jugendkriminalität: Junge Kriminelle: Gelbe Karte wirkt

Jugendkriminalität : Junge Kriminelle: Gelbe Karte wirkt

Knapp 6000 der im vergangenen Jahr ermittelten Verdächtigen waren bei ihren Straftaten jünger als 21 Jahre, also Kinder, Jugendliche oder Heranwachsende. Das sind 0,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Dennoch sind die Jugendfahnder der Polizei optimistisch.

Es ist vor allem das fremde Eigentum, das junge Menschen dazu bringt, Grenzen zu überschreiten. Das Computerspiel im Geschäft, das Handy des Klassenkameraden, die Handtasche der alten Dame auf dem Fahrrad — vom Ladendiebstahl bis zum Raub, nicht selten einhergehend mit Gewalt sind die jungen Kriminellen besonders stark vertreten.

Kinder unter 14 Jahren fielen vor allem als Fahrraddiebe auf und stellen auch 7,8 Prozent aller Ladendiebe. Weil die Kleinen nicht strafmündig sind, hat die Justiz gegen sie kaum eine Handhabe — das ist einer der Gründe, warum die internationalen Diebesbanden Kinder immer öfter gezielt zum Stehlen anlernen und nach Deutschland schicken. Aber es gibt auch genügend Düsseldorfer Verdächtige, die ihr Alter vor der Strafverfolgung schützt. Und vor allem die hat Wolfgang Wierich, seit Oktober Leiter des Jugendkommissariats im Blick. Seit neuestem werden die lieben Kleinen nicht mehr einfach bloß in der Polizeiwache den Eltern übergeben, sondern anschließend noch einmal zur Kripo vorgeladen. Da dürfen sie zwar nicht als Beschuldigte vernommen werden — aber das Recht, ein Kind zu befragen, hat die Polizei durchaus.

"Und das wirkt", sagt Wierich. Die meisten der bislang befragten Kinder kamen in Begleitung ihrer Eltern, seien sichtlich "beeindruckt" von dem Aufwand gewesen, den sie mit ihrer Straftat provoziert haben. Mancher, hofft Wierig, werde durch die Prozedur nachhaltig abgeschreckt.

In den seltenen Fällen, in denen ein Kind ohne Eltern zur Befragung kommt, geben die Ermittler einen Tipp ans Jugendamt. "Das könnte schon ein Indiz dafür sein, dass im Elternhaus etwas nicht stimmt." Und da ist es nützlich, dass die Polizei nicht bloß mit Justiz und Wohlfahrtsträgern eng vernetzt ist, sondern vor allem auch mit Jugend- und Sozialbehörden.

Ein Beleg dafür sind die Fallkonferenzen, in denen alle Netzwerker über einzelne Jungkriminelle reden — und darüber, was für ihn oder sie die richtige Maßnahme ist. In sechs Fällen entschied die Konferenz im vergangenen Jahr für Haft. 15 Akten wurden zunächst vorläufig geschlossen, weil die Jugendlichen keine Taten mehr begangen hatten. Es kann mit der ersten Liebe zu tun haben, dass ein Jugendlicher seine kriminelle Karriere beendet, mit einem Schulwechsel oder mit dem Beginn einer Ausbildung. Auf ersteres hat die Fallkonferenz keinen Einfluss, an den beruflichen Perspektiven dagegen kann das Expertenteam drehen. Denn auch die freien Träger von Berufsbildungsprojekten sind mit dabei, eröffnen den jungen Tätern neue Wege.

"Wir sind auf einem guten Weg", sagt Wierich. Die Konzepte, die seit 2004 weiterentwickelt werden, hätten sich bewährt. Dass sein Kommissariat seit einiger Zeit zentral arbeitet, sei ebenfalls von Vorteil: Viel schneller seien so besorgniserregende Entwicklungen zu erkennen. Dann fährt der Einsatztrupp dorthin und macht den jungen Leuten deutlich, dass sie unter Beobachtung stehen.

Seit dem Start der konzertierten Jugendarbeit ist die Zahl der jungen Intensivtäter um fast die Hälfte gesunken. 2006 gab es noch mehr als 200, die innerhalb eines Jahres mehr als fünf Taten, darunter auch Gewaltdelikte begingen. 2011 waren es nur noch 117, die besonders im Fokus der Fahnder stehen.

Die "Gelbe Karte" ist eines der Mittel, mit denen Polizei und Justiz dafür sorgen, dass es erst gar nicht so weit kommt. 496 junge Täter wurden seit ihrer Einführung vor fünf Jahren von Polizei, Staatsanwaltschaft und Jugendamt in einem deutlichen Gespräch verwarnt —ganz ähnlich wie in einer Gerichtsverhandlung. Und fast 70 Prozent von ihnen ließen sich danach nie wieder etwas zu schulden kommen.

Bei solchen Terminen, aber auch in Vernehmungen, stellt Wierich immer öfter fest, was eine der Ursachen der Jugendkriminalität ist: "Viele sind nicht mehr in der Lage, ein vernünftiges Gespräch zu führen, kennen keine Achtung vor ihrem Gegenüber. Die schlagen stattdessen zu." Bei Gewalttätern kann ein schnell verhängter Jugendarrest durchaus Einsicht bewirken. Wer keine Zeit hat, muss im Wiederholungsfall mit Gefängnis rechnen. "Wir machen viele Angebote", sagt Wierich. "Aber die Polizei muss schließlich auch die Allgemeinheit schützen."

(sg)
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