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Interview: Julia Franck suchte nach der Oma

Interview : Julia Franck suchte nach der Oma

Julia Franck hat für "Die Mittagsfrau" als besten Roman des Jahres 2007 den Deutschen Buchpreis bekommen. In dieser Woche ist die 37-jährige Schriftstellerin auf zwei Lesungen in Düsseldorf und Krefeld zu hören und zu erleben.

Beim Schreiben leben Sie mit den Figuren. Fällt das Loslassen da schwer, wenn das Buch abgeschlossen ist?

Franck Eigentlich nicht. Ich erlebe bei all meinen Büchern, dass mir die Figuren beim Schreiben sehr nahe sind, so wie alte Bekannte. Ich sehe sie auch so, wie ich Personen sehe, die ich kenne. Und sie bleiben in meinem Gedächtnis verankert wie reale Menschen.

Passiert es, dass diese Figuren bald ein Eigenleben entwickeln?

Franck In meinen Romanen gibt es fast immer ein bis zwei zentrale Charaktere, für die ich jeweils eine eigene Perspektive aufbaue. In der "Mittagsfrau" sind es die Schwestern Helene und Martha, wie auch Peter, Helenes Sohn. Sie sind von mir als Autorin geformt — und ich nehme mit ihnen Sicht auf die Welt. Die Figur der Martha habe ich mehr geformt als Helene den Wilhelm formt. Das mag seltsam klingen. Was ich meine: Wilhelm hat etwas Holzschnittartiges. Das ist auf Helenes Perspektive geschuldet. Ich gehe als Autorin nahe ran und nehme immer dichter Helenes Perspektive ein. Sie sieht nicht mehr in die Tiefe, interessiert sich für den Menschen Wilhelm nicht, sie sperrt sich dagegen, und ich als Autorin sperre mich mit ihr.

Wo beginnen Sie mit Ihren Romanen — beim ersten Kapitel, irgendwo mittendrin oder mit dem Schluss?

Was steht hinter diesem Interesse?

Franck Mich interessiert die Frage, wie Erfahrung sich vererbt. Behauptete Erinnerungslücken entstehen da, wo die Biografie bricht und die Identifikation schwierig wird. Darum ist im Roman auch das Bild des Verstummens so wichtig. Meine andere Großmutter war so genannte Halbjüdin, geboren 1915. Religion spielte in ihrer Familie keine tragende Rolle. Aber im Dritten Reich wurde sie zurückgeworfen auf eine Identifikation, die sie sich nicht gesucht hatte. Auch das beschäftigt mich.

Sie schreiben, um sich eigene Fragen zu beantworten?

Franck Im Grunde stimmt das, ich verdeutliche mir meine Fragen und die möglichen Antworten. Es gibt immer mehr als eine, das liegt an der dialektischen Arbeitsweise eines Schriftstellers.

Gibt es Themen, über die Sie nie schreiben würden?

Aber Sie sind eine Viel-Leserin?

Franck Ja. Es ist erschreckend, aber Bücher sind mir so wichtig wie Freundschaften, und oft ziehe ich ein Buch einer Einladung vor. Mein Leben — abseits der Termine — läuft nach der 2:5-Proportion: Ich habe an einem Abend eine Veranstaltung, an einem Abend treffe ich Freunde, an fünf Abenden lese ich.

Wann entscheiden Sie, ob ein Buch gut ist — nach den ersten zehn Seiten?

Franck Mir ist es wichtig, dass ein Buch mich etwas empfinden lässt. Dass der Autor mich in eine Welt führt, von der ich etwas erfahre, ohne dass er mir eine Interpretation liefert. Bücher, die auf den ersten Seiten schwerer zugänglich sind, sind oft die, die ich nach einem halben Jahr noch mal hervorhole. Aber ich liebe Bücher, die sofort und unmittelbar Bilder entstehen lassen und deren Erkenntnis nicht auf der Textoberfläche erklärt wird, sondern in den Bildern und Geschichten umso eindringlicher enthalten sind. Natalia Ginzburgs, Imre Kertész' und Agota Kristofs Bücher zum Beispiel.

(RP)