Vorlesung an der Heinrich-Heine-Universität: Joachim Gauck spricht über Einwanderung

Vorlesung an der Heinrich-Heine-Universität : Joachim Gauck spricht über Einwanderung

Der frühere Bundespräsident hielt seine zweite Vorlesung an der Heinrich-Heine-Universität.

Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck hat in einer Vorlesung an der Heinrich-Heine-Universität für ein tolerantes Miteinander von Deutschen und Zuwanderern plädiert.

Man werde also Regeln aushandeln müssen, die weder der Mehrheit noch der Minderheit als Zumutung erscheinen, sagte der diesjährige Heine-Gastprofessor: "Und wir werden uns gegenseitige Toleranz abverlangen müssen: Den Einen zugestehen, dass sie Kopftuch tragen und Tiere schächten, und den Anderen zugestehen, dass sie Minirock tragen, eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft leben oder an Ramadan nicht fasten, obwohl sie Muslime sind."

Auch an der zweiten Vorlesung Gaucks im Rahmen seiner Gastprofessur an der Uni war das Interesse groß. Der Konrad-Henkel-Hörsaal, der 633 Plätze bietet, war komplett gefüllt, Studenten saßen neben Professoren, Hochschul-Mitarbeitern und bekannten Vertretern der Stadtgesellschaft. Der Vortrag war überschrieben mit: "Das Eigene und das Fremde: Überlegungen zu Deutschland als Einwanderungsland". Darin hob Gauck die Chancen der Zuwanderung hervor, thematisierte aber auch deren Herausforderungen. Mehr als die Hälfte der Deutschen spreche sich inzwischen für eine Begrenzung bei der Flüchtlingsaufnahme aus, sagte er. Und fügte hinzu: Eine Begrenzung, wie sie von der Politik inzwischen gewollt sei, könne eine Maßnahme gegen die Radikalisierung jener sein, die sich durch die Zuwanderung bedroht sehen: "Eine Maßnahme zum Erhalt der Demokratie."

Dem so entstehenden Dilemma sei nicht zu entkommen: "Wir können unsere humanitäre und menschenrechtliche Verpflichtung nur in dem Maße erfüllen, in dem die Mehrheit dies nicht als Verlust eigener Beheimatung begreift." Wer ernsthaft über Begrenzung nachdenke, müsse kein Gegner menschenrechtlicher Politik sein: "Vielmehr kann er geleitet sein von dem Bestreben, größtmögliche Zustimmung für Schutzbedürftige in einer herausfordernden Situation zu erzielen."

Leider habe es sich nicht bewahrheitet, so Gauck, dass jede neue Generation von Einwanderern näher an die Mehrheitsgesellschaft rücke. "In Deutschland und anderen europäischen Ländern ist unter muslimischen Einwanderern sogar eine Rückbesinnung auf Religion und Politik der Herkunftsländer zu verzeichnen. Begünstigt durch Internet und Satellitenschüsseln, verlängern sich die Konflikte aus dem Ausland auf deutsche Straßen." Ohne den Integrationswillen von Eingewanderten aber könne eine neue Gemeinschaft ebenso wenig entstehen wie ohne die Offenheit der Mehrheitsgesellschaft. Letztere müsse bei der Integration aktiv helfen: "Ist es doch eine uralte Erfahrung, dass Menschen neue Wurzeln schlagen können, wenn sie sich von der neuen Umgebung angenommen, respektiert und bejaht fühlen."

Gauck verwies auch auf die zahlreichen Einwanderer, die durch eigene Anstrengung und ohne jede staatliche Unterstützung ihren Weg in die Gesellschaft gefunden hätten. "Einwanderer haben unser Land also auch reicher, stärker, vielfältiger gemacht. Mit ihrem Unternehmergeist, mit ihrer Literatur, ihrer Musik, ihren Filmen, ihrem sportlichen Können und ihren Gerichten, mit ihrem anderen Blick und ihren anderen Traditionen."

Für Gaucks Vortrag gab es langen Applaus. Und einen kleinen Begeisterungssturm für sein spontanes Bekenntnis in der Fragerunde, er sei "auf meine alten Tage ein richtiger Anhänger unseres Landes geworden". Deutschland habe die Wandlung zu einer Nation vollzogen, die heute für viele andere ein Rollenmodell sei. Präsidial, fügte er anschließend verschmitzt hinzu, sei diese Bemerkung vielleicht nicht gewesen: "Manchmal ist es aber hilfreich, nicht mehr Präsident zu sein."

(RP)