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Lesung in Düsseldorf: Joachim Gauck „kann die AfD nicht ab“

Lesung in Düsseldorf : Joachim Gauck „kann die AfD nicht ab“

Er findet aber trotzdem, dass man sich mit ihr auseinandersetzen sollte – das gehört für ihn zur Toleranz dazu. Von ihr handelt sein aktuelles Buch. Der ehemalige Bundespräsident las bei der Handwerkskammer.

Sein erster Gang war zum Büchertisch. Als Bundespräsident a. D. Joachim Gauck die Räumlichkeiten der Handwerkskammer in Bilk betrat, drückte er herzlich die Hände der Paulus-Schwestern, die unter anderem sein aktuelles Buch „Toleranz – einfach schwer“ im Angebot hatten.

Zusammen mit dem ASG-Bildungsforum hatte die Handwerkskammer Gauck eingeladen, um aus seinem Essay vorzulesen. Er hätte es sich vor 20 Jahren nicht träumen lassen, in dieser Demokratie noch einmal über Toleranz nachdenken zu müssen, sagte Gauck über sein Buch, das im Sommer 2019 erschien. Den Anstoß gegeben habe die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten 2016. Seitdem ist das Thema noch wichtiger geworden.

Toleranz beschreibt Gauck als das Gegenteil von Trägheit oder Gleichgültigkeit, als zivilisatorische Tugend, als „gewolltes Wagnis“. Eine Gesellschaft der Vielfalt könne nur mit Toleranz existieren, so Gauck: „Wir werden nicht mehr zurückkehren zu einer homogenen Gruppe, in der alle das Gleiche denken, alle gleich aussehen.“ Vielfalt könne es nur mit Toleranz geben – und Toleranz nur mit Vielfalt. Dabei plädiert Gauck für Toleranz auch gegenüber den Intoleranten. „1968 hätte man Toleranz gegenüber den Linken fordern müssen. Heute empfinden viele Menschen die Zuwanderung als Problem. Und auch gegenüber Rechts braucht es eine erweiterte Toleranz.“ Genau diese Haltung habe bei einigen Irritationen hervorgerufen, die ihm vorgeworfen hätten, er sympathisiere mit der AfD. „Ich kann die nicht ab“, stellt er klar. „Aber ich kann es auch nicht ab, wenn man alle Wähler der AfD als Faschisten bezeichnet.“

Was sagt Joachim Gauck also zu der Düsseldorfer Debatte über den Umgang mit der AfD im Kommunalwahlkampf? Die Oberbürgermeister-Kandidaten der CDU und SPD hatten von vornherein ausgeschlossen, mit dem AfD-Kandidaten auf ein Podium zu gehen; kurz darauf schloss sich auch der grüne Kandidat an. Die FDP-Kandidatin hat nun kaum eine Wahl, wenn sie nicht mit der Alternative für Deutschland auf dem Podium allein sein will.

„Ich will von mir sprechen“, sagt Gauck auf diese Frage: Er habe ausgeschlossen, mit AfD-Chef Alexander Gauland auf ein Podium zu gehen, „weil er sich von Kräften stützen lässt, die ich als undemokratisch verachte“. Zugleich habe er aber dafür plädiert, einen AfD-Vizepräsidenten im Bundestag zu akzeptieren, und es kritisch gefunden, die AfD vom Evangelischen Kirchentag auszuladen. „Solange diese Partei nicht verboten ist, müssen wir sie am Diskurs teilhaben lassen. Sonst gibt es einen Solidarisierungseffekt gerade unter denen, die nicht politisch denken.“

Gauck wirkt gelassen, wenn er über Toleranz in Deutschland, Europa, der Welt des Jahres 2020 spricht. Eher besorgte Töne schlug Handwerkskammerpräsident Andreas Ehlert in seinem Grußwort an. Die politische Mitte wirke unsicher, die politischen Ränder erstarkten, sagte er zu Beginn der Veranstaltung. Das Land brauche mehr Gelassenheit und Selbstsicherheit, so Ehlert. „Nur aus einem positiven Selbstverständnis heraus kann Toleranz erwachsen.“