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Jasmin Grande: Wissens- und Bildungshunger in Düsseldorf ist groß

Urbanitätsforscherin Jasmin Grande aus Düsseldorf : „Die Bürger-Uni weist in die Zukunft“

Die Urbanitätsforscherin spricht über die Sehnsucht der Düsseldorfer, sich mit ihrer Stadt auseinanderzusetzen.

Jasmin Grande ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Und sie ist die stellvertretende Leiterin des Instituts Moderne im Rheinland an der Heinrich-Heine-Universität. Eines ihrer Forschungsgebiete ist die Urbanitätsforschung.

Was macht für Sie den Reiz von Düsseldorf aus?

Jasmin Grande In Düsseldorf laufen ungeheuer viele Strömungen zusammen. Abgesehen davon, dass sich in der Architektur, Stadtentwicklung und beim demografischen Wandel enorm viel tut, sich vieles wandelt, ist folgender Aspekt für mich am faszinierendsten: die Urbanität. Sie hat eine eigene und besondere Dimension in dieser Stadt.

Welches Beispiel fällt Ihnen ein, wenn wir über Urbanität sprechen?

Grande Uni-Rektorin Anja Steinbeck definierte die renommierte Heinrich-Heine-Universität als Bürger-Uni. Das ist in meinen Augen ein zukunftsweisendes Prinzip. Wir stellen uns die Frage neu, wo Wissen generiert wird. Und das ist nicht mehr nur an der Uni. Wir gehen raus aus dem Uni-Komplex und rein in die Stadt, zu den Bürgern. Dabei geht es nicht darum, Vorträge zu halten, sondern auch darum, gemeinsam Fragen für die Zukunft zu stellen und nach Antworten zu suchen. Das verändert unser Verständnis von „Wissen“ als einen Prozess, der an den Institutionen stattfindet hin zu einem Miteinander. Das ist ziemlich innovativ – auch im internationalen Vergleich – und weckt und fördert auch das urbane Potenzial der Stadt.

Was macht das Prinzip der Bürger-Uni noch aus?

Grande Nehmen wir die Nacht der Wissenschaft auf dem Schadowplatz. Das Ganze geschah in Kooperation mit anderen führenden Instituten wie dem Haus der Universität, der Fachhochschule und der Robert-Schumann-Hochschule. Beim Science-Slam stand ich auch mit einem Kurzvortrag auf der Bühne. Die Nacht war völlig überlaufen, wir spüren, dass es einen großen Wissens- und Bildungshunger gibt – auch abseits vom Geschehen an der Uni, und wir wollen die Menschen da abholen.

Wird es die Wissenschaftsnacht auch 2020 geben und vielleicht noch weitere spannende Aktionen?

Grande Auf jeden Fall ist dieses Wissens-Event erneut in Planung. Es findet bisher alle zwei bis drei Jahre statt, aber der Erfolg 2019 zeigt, dass es regelmäßig stattfinden kann. Auch die Ringvorlesungen zur „Bonner Republik“, in der die Forschungsgruppe „Bonner Republik“ der Philosophischen Fakultät seit 2016 ihre Arbeit der Öffentlichkeit präsentiert und diskutiert, kommt gut an, auch hier verlassen wir den angestammten Ort und bewegen uns an neuralgische Orte in der Stadt. Die Vorlesungen finden zum Beispiel im Kulturbahnhof Eller oder auch im FFT statt. Auch große Museen leben dieses Prinzip: Das NRW-Forum hat 2019 seine Veranstaltungsräume für Vereine und Wissenschaft geöffnet – Partizipation ist hier das Stichwort. Kirchen springen ebenfalls auf diesen Zug auf. Unser Institut veranstaltete kürzlich einen Literatur-Workshop in der Berger-Kirche in der Düsseldorfer Altstadt, das hatte einen ganz eigenen Reiz. Die Stadtbüchereien geben ordentlich Gas, um ihr Publikum zu erreichen. Auch die Tatsache, dass die Stadt an über 100 Hotspots in ihren Einrichtungen freies WLAN anbietet, zeigt einen Trend zur Offenheit.

Bedeutet das im Umkehrschluss, dass die Düsseldorfer nicht festgefahren sind?

Grande Die Stadt hat ein breites Handlungsprofil, sie kann viel bewegen. Die Sehnsucht der Düsseldorfer, sich mit ihrer Stadt auseinanderzusetzen, ist herausragend. Dabei ist es sehr interessant, auf die sozialen Medien zu schauen. Dort sehen wir beispielsweise auf Instagram, wie die Menschen ihre Stadt wahrnehmen, die Hashtags – also Schlagworte – die verwendet werden, sind vielfältig und kreativ. Das alles belegt eine intensive Auseinandersetzung mit dem Ort, an dem ich lebe, arbeite, meine Freunde treffe, Familienleben führe. Das bedeutet Urbanität, die Menschen nutzen den Raum, in dem sie leben, und dokumentieren ihre Faszination oder Begeisterung oder auch einmal ihren Ärger. Zumindest erhalten Menschen auswärts einen Eindruck von relevanten Aktivitäten in Düsseldorf – auch in den Stadtteilen.

Welche Rolle spielt das Geschehen in den Stadtteilen?

Grande Die digitale Kommunikation zum Beispiel auf Facebook oder Instagram spielt eine wichtige Rolle. Einer der lobenswerten Stadtteil-Accounts etwa ist @bilkOrama für Bilk. Da geht es um viele Dinge: Pflanzaktionen, Kaffee trinken, intellektuellen Austausch. Die Leute diskutieren über Fridays for Future, Nachhaltigkeit. Der Account gibt dem Viertel ein Gesicht, ein Profil, die Menschen entwickeln ein Gefühl der Dazugehörigkeit, ihr Stadtteil wird für sie griffig. Dank der Digitalisierung ist der Prozess besonders in Metropolen wie Düsseldorf folgender: Es sind nicht mehr Verwaltungen oder Behörden, die die Erlebbarkeit eines Stadtteils oder einer Stadt oktroyieren, es sind die Menschen selber, die sagen, was reizvoll ist oder nicht. Die sozialen Medien wie Twitter, Instagram oder Facebook tragen zu einem Demokratisierungsprozess bei.

Wo lässt die Stadt eiegntlich ihre Reize in Ihren Augen noch brachliegen?

Grande Sie verfügt über beeindruckende Kunst- und Geschichts-Archive. Allein das Stadt-, das Theaterarchiv und die Uni-Bibliothek beherbergen einmalige Schätze. Die Förderung des Glasgedächtnisses liegt mir sehr am Herzen, Düsseldorf war ja eine der Hochburgen in der Glasproduktion, und immer noch gibt es zahlreiche Firmen, die stark sind in dieser Industrie. Nicht zuletzt ist Düsseldorf der Standort der größten internationalen Glasmesse Glasstec und mit dem Glasmuseum Hentrich im Museum Kunstpalast haben wir auch ein Museum, das deutlich macht, dass Glas ein über die Generationen hoch emotionalisierendes Thema für Menschen ist. Aktuell zeigt die Pop-up-Galerie Glashaus in der Altstadt, wie beeindruckend dieses Material sein kann.

Eine Stadt und ihre Menschen sind auch eng verknüpft mit ihren Leuchttürmen. Dazu zählt die Oper, für die es verschiedene Pläne gibt. Einer davon sieht vor, die neue Oper am Rhein zu platzieren, in der Alu-Fassade soll sich der Rhein spiegeln. Was halten Sie von der Idee?

Grande Ich fände es spannend. Ich habe den Eindruck, dass auch das für mehr Offenheit den Bürgern gegenüber steht. Natürlich ist das Avantgarde, das war die Elbphilharmonie in Hamburg auch, heute ist sie ein vieldiskutierter Hotspot und steigert das Ansehen der Stadt. Ich würde das für Düsseldorf sehr begrüßen.