Interview Glücksspielsucht

Interview: Die Sucht kommt nach dem Gewinn

Die Leiterin einer Beratungsstelle für süchtige Frauen sagt: Glücksspiel kann süchtig machen wie Drogen.

Frau Verhoeven, ist das Glücksspielproblem wirklich so ernst?

Verhoeven Ja, ist es. In Deutschland wird die Zahl der von Glücksspiel Abhängigen oder Gefährdeten auf 500.000 Menschen geschätzt, 80.000 davon in NRW, dazu wahrscheinlich eine sehr hohe Dunkelziffer. Trotzdem wird das Thema in der Gesellschaft nicht wahrgenommen, es gibt sehr wenig Präventionsangebote.

Wie kommen Menschen mit Glücksspiel in Kontakt?

Verhoeven Meist per Zufall. Oft werfen sie ein paar Münzen in den Automaten in der Kneipe oder im Imbiss. Für viele junge Männer – der Großteil der Spielsüchtigen ist jung und männlich – ist das Spiel auch eine Art Initiationsritual. Spielotheken sind dunkel und geheimnisvoll, und wer da rein darf, ist ein Mann.

Und wie geht es dann weiter? Es wird ja nicht jeder süchtig, der einmal gespielt hat.

Verhoeven Das stimmt. Ein alter Spruch heißt: „Wer Pech hat, gewinnt am Anfang.“ Zu Beginn der Spielsucht steht fast immer ein hoher Gewinn, und der Spieler denkt, Kontrolle über das Spiel zu haben und durch eigene Fähigkeiten zu gewinnen. Das ist ein Trugschluss, auf Dauer verliert fast jeder Spieler, und zwar deutlich.

Anders als beispielsweise die Sucht nach Alkohol hat die Spielsucht ja keine körperlichen Auswirkungen.

Verhoeven Die psychische Komponente ist trotzdem gleich. Das Spiel, nicht nur der Gewinn, stimulieren unsere Belohnungszentren im Gehirn. Natürlich sind die Folgen anders: Spielsüchtige haben keine Zeit – und vor allem kein Geld. Das endet meist entweder in Überschuldung oder sogar in Beschaffungskriminalität.

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Wie ist die Situation in Düsseldorf?

Verhoeven Es gibt viele Glücksspielangebote in der Stadt, ein Zentrum liegt rund um den Hauptbahnhof. Ich beobachte aber auch in anderen Stadtteilen, dass sich neue Wettbüros und Spielotheken ansiedeln, zum Beispiel in Rath. In freigewordenen Ladenlokalen haben sich im Laufe der Jahre vor allem Spielhallen und Sportwettcafés angesiedelt. Für Vermieter sind diese Geschäfte interessant, da diese in der Lage sind, relativ kleine Ladenlokale zu beziehen und hohe Mieten zu zahlen.

Wie wird gespielt?

Verhoeven Die häufigsten Medien sind Sportwetten und Automatenspiele. Sportwetten, weil sie einem vorgaukeln, mit Wissen gewinnen zu können, und Automatenwetten, weil die Frequenz dort sehr hoch ist und man sich damit zum Beispiel Wartezeit in einem Schnellrestaurant vertreiben kann. Sportwetten werden auch vom Handy aus gespielt, während der Arbeit, als kleine Pause zwischendurch.

Wie kann der Weg aus der Glücksspielsucht aussehen?

Verhoeven Der erste Schritt ist, sich selbst einzugestehen, dass man Hilfe braucht. Spielsüchtige sind in der Regel recht gut darin, ihre Probleme zu verbergen. Erst mit steigenden Schulden beginnt die Suche nach Hilfe. Dann gibt es Beratungsstellen und Hilfsangebote. Alleine aus der Sucht zu kommen, ist sehr schwierig.

In Düsseldorf prangt das Wort „Spiel“ groß über der Arena. Was halten sie davon?

Verhoeven Nicht viel. Die Werbefläche ist natürlich perfekt, da sie nah an der Zielgruppe ist und durch den Bezug zum Fußball quasi zum Wetten auffordert. Aber dass die Stadt so auffällig für Glücksspiel wirbt, halte ich für unglücklich – zweifellos eine wirtschaftlich motivierte Entscheidung. Ich würde mir wünschen, dass als Ausgleich auch mehr für die Prävention getan würde.

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