Schule : Wo Kinder nicht genug vom Lernen kriegen

In der internationalen Klasse an der Hauptschule Bernburger Straße steht das eigenverantwortliche Handeln im Vordergrund.

Es ist zehn nach acht. In fünf Minuten beginnt an der Gemeinschaftshauptschule Bernburger Straße der Unterricht. Die Schüler der internationalen Klasse sind bereits vollzählig vor ihrem Klassenraum versammelt und warten geduldig auf die Lehrerin. Ist der Raum aufgeschlossen, begeben sie sich schnurstracks zu ihren Plätzen. Hier herrschen nicht nur Ruhe und Ordnung, es ist auch eine große Begeisterung fürs Lernen erkennbar. „Mir macht am Unterricht alles Spaß“, erzählt der zwölfjährige Hazm, „besonders die Tests, die sind so leicht!“

Die 14 Schüler der internationalen Klasse sind zwischen zehn und 15 Jahre alt. Die meisten von ihnen sind syrischer oder kurdischer Herkunft, manche stammen aus Osteuropa. Ihre Sprachniveaus und Lerngewohnheiten sind so vielfältig wie ihre Herkunftsländer. Dass hier dennoch eine produktive Lernatmosphäre herrscht, liegt am Unterrichtskonzept, das Lehrerin Anja Segovia für die Klasse entwickelt hat. Es beruht auf drei Säulen: einem täglichen Arbeitsplan, fünf Lernstationen und einem individuellen Lerntagebuch.

Zu Beginn des Unterrichts fragen sich die Kinder gegenseitig ab: Welcher Tag ist heute? Welche Jahreszeit haben wir? Wie ist das Wetter draußen? Währenddessen strecken alle Schüler eifrig ihre Finger in die Luft. Danach erhält jeder seinen individuellen Arbeitsplan für den jeweiligen Tag – und zwar unausgefüllt. Jetzt dürfen die Schüler eigenständig festlegen, was sie heute schaffen wollen.

Sind die Ziele abgesteckt, geht es an die Arbeitsbücher. Jeder arbeitet in dem Buch, das seinen Fähigkeiten entspricht. In dieser Zeit geht Segovia herum, beantwortet Fragen und hilft den Schülern bei Schwierigkeiten. Unterstützt wird sie dabei von ehrenamtlichen Helfern der Diakonie. Kleine Verständnisprobleme können mithilfe der Muttersprache schnell beseitigt werden. Sherzad zum Beispiel hat Probleme mit dem Unterschied zwischen wir und ihr. „Was heißt das denn auf Kurdisch?“, fragt seine Lehrerin. Schon geht dem Zwölfjährigen ein Licht auf.

In dieser 45-minütigen Unterrichtsphase kommen auch die Lernstationen ins Spiel. Wenn sie in ihren Lehrbüchern ein bestimmtes Symbol entdecken, dürfen die Schüler sich zu den im und vor dem Klassenraum verstreuten Stationen Hören, Lesen, Sprechen, Lernen und Spielen begeben. Hier können sie auf einem CD-Spieler Gesprächen zuhören, sich gegenseitig Texte vorlesen, miteinander Dialoge führen oder an einem Laptop Vokabeln nachschlagen. Wer sein Tagespensum bewältigt hat, darf an die Spielstation. Doch die ist nicht das oberste Ziel der Kinder. Vielmehr wollen sie so viele Aufgaben wie möglich erledigen. „Wir haben nur noch zehn Minuten“, stellt der elfjährige Renas mit Blick auf die Uhr fest, „schnell, ich muss noch diese Seite schaffen“. Zum Abschluss der Unterrichtsstunde kleben die Schüler ihren Arbeitsplan in ihr Lerntagebuch und erzählen sich gegenseitig, was sie heute gelernt haben, was mehr und was weniger gut funktioniert hat.

Als Anja Segovia vor 15 Jahren ihre erste internationale Klasse unterrichtete, teilte sie die Kinder noch gemäß ihrem sprachlichen Fähigkeiten in Gruppen ein und hastete Stunde für Stunde von Gruppe zu Gruppe, um so viele Fragen wie möglich zu beantworten. „Ich fühlte mich wie ein Ping-Pong-Ball“, stellt sie rückblickend fest. Das jetzige Konzept ermöglicht ihr, sich auf die individuellen Lernprozesse der Schüler einzulassen. „Währenddessen behalte ich die pädagogische Diagnostik im Hinterkopf und kann den Kindern immer den nächsten Schritt anbieten, sobald sie bereit sind“, erklärt Segovia. Das schafft eine positive Lernatmosphäre. „Die Kinder werden durch diesen Unterricht selbstbewusster, gleichzeitig entstehen viel weniger Reibereien“, erzählt die Lehrerin. „Und sie sind hochmotiviert: Oft erzählen sie mir, was sie zu Hause noch alles freiwillig geübt und nachgeschlagen haben.“

Doch in der internationalen Klasse sollen die Schüler nicht nur Deutsch lernen, sondern sich auch in Deutschland einleben. Dazu unternimmt die Klasse jeden Monat gemeinsam einen Ausflug. Als nächstes geht es zum Bowling. „Auf der Flucht haben die Kinder verschiedene Phasen von Anspannung und Angst durchlebt“, erklärt Segovia. „Jetzt sollen sie einfach mal runterfahren und ankommen dürfen.“