Interview mit Superintendentin Henrike Tetz: In Menschen investieren, nicht in Steine

Interview mit Superintendentin Henrike Tetz : In Menschen investieren, nicht in Steine

Die evangelische Superintendentin glaubt nicht an eine Einheitskirche. Sparprogramme und Gemeindefusionen hält Henrike Tetz für unausweichlich. Mit Freude blickt die Pfarrerin auf das Fest morgen zum Reformationsjubiläum in der Tonhalle.

Frau Tetz, rund ein Jahr lang haben wir - auch in Düsseldorf - 500 Jahre Reformation gefeiert. Wann feiern wir die "Wiedervereinigung" der beiden großen christlichen Kirchen?

Tetz Eine Einheitskirche sehe ich nicht. Hier sollten wir Verschiedenheit akzeptieren und nicht einfach etwas in Aussicht stellen.

Liegt das auch am schwierigen Thema des gemeinsamen Abendmahls?

Tetz Ja. Das ist eine offene Wunde, die auch mich jedes Mal schmerzt, wenn ich an Gottesdiensten teilnehme, bei denen ich dann im entscheidenden Moment in der Bank sitzen bleiben muss. Vielen Christen geht das so. Denken Sie nur an die konfessionsverbindenden Ehen. Sie gehen als Paar in das Haus Gottes und erleben doch einen Moment der Trennung. Bei diesem Thema halte ich weitere Fortschritte für denkbar und wünschenswert.

War das auf ein Jahr angelegte Jubiläum ein Erfolg? Zumindest auf Bundesebene sind ja auch kritische Anmerkungen zu hören.

Tetz Für Düsseldorf lautet die Antwort: Ja. Das Jubiläum war ein guter Anlass, zu erzählen, was evangelisch ist. Wir haben mit einem Programm der Kirchengemeinden - mit Gottesdiensten, Predigtreihen, Konzerten, Vorträgen und Glaubenskursen - gemerkt, wie groß das Interesse an der Reformation innerhalb und außerhalb unserer Kirche ist. Es gab sehr fruchtbare Kooperationen.

Mit wem?

Tetz Mit vielen in der Stadt: zum Beispiel der Universitätsbibliothek, dem Goethe-Museum, dem Museum Kunstpalast und dem Stadtmuseum, wo eine besonders innovative Ausstellung noch bis Anfang Dezember zu sehen ist.

Was zählte für Sie zu den Höhepunkten?

Tetz Die Entdeckung sind die Frauen der Reformation. Wir konnten zeigen, wie viele Frauen an der reformatorischen Bewegung beteiligt waren, unter anderem durch eine Ausstellung im Haus der Kirche. Fasziniert hat mich auch die Cranach-Ausstellung, die ein echter Publikumsmagnet war.

Morgen wird in der Tonhalle groß gefeiert. Welchen Charakter soll diese Veranstaltung haben?

Tetz Es ist ein Fest, auf das wir uns sehr freuen und bei dem der evangelischen Tradition entsprechend die Musik eine große Rolle spielt. 400 Sänger treten auf, es wird ein "Lied für Düsseldorf" uraufgeführt. Es ist ein Abend, der in die Stadtgesellschaft hineinwirken soll.

Wenn die letzten hellen Töne dieses Abends verklungen sind, beginnt wieder ganz rasch der Alltag, zu dem Sparprogramme, Gemeindefusionen, Pfarrermangel und die Aufgabe von Kirchengebäuden zählen. Überraschend hat sich das Presbyterium der Kirchengemeinde Urdenbach gegen das Zusammengehen der fünf Kirchengemeinden im Stadt-Süden ausgesprochen und damit die Fusion - vorerst jedenfalls - scheitern lassen.

Tetz Eine Mehrheit für das Zusammengehen der fünf Gemeinden hätte es gegeben. Was nicht erreicht wurde, war das vorgeschriebene Quorum von zwei Dritteln der Stimmen eines Presbyteriums. Schauen Sie: Menschen tun sich mit Veränderungen manchmal schwer, besonders dann, wenn sie sich in einer Gemeinschaft beheimatet fühlen. Wird diese Heimat auch noch mit einem bestimmten Gebäude verbunden, wird es noch schwieriger. Es geht hier auch um Identität.

Hat die Kirche es versäumt, die Gemeindeglieder mitzunehmen?

Tetz Ich denke nicht. Wir haben viel und lange kommuniziert - auf allen möglichen Ebenen und mit möglichst vielen Beteiligten. Wir haben darüber hinaus jeder betroffenen Gemeinde eine professionelle Begleitung, also einen Moderator, zur Seite gestellt.

Wieso hakt es dann?

Tetz Weil solche Veränderungsprozesse komplex sind, und weil es in einigen Gemeinden eine lange Tradition der Abgrenzung von anderen Gemeinden gibt - auch das ist halt evangelisch.

Sind die Fusionen alternativlos?

Tetz Wenn wir uns Spielräume erhalten wollen: Ja. Und mit Blick auf den Abschied von Gebäuden gilt: Wir investieren das weniger werdende Geld lieber in Menschen statt in Steine.

Apropos Geld. Wie viel Geld aus der Kirchensteuer steht Ihnen zur Verfügung?

Tetz Abzüglich dessen, was wir an die Landeskirche abführen müssen, waren es für den Kirchenkreis Düsseldorf im vergangenen Jahr rund 21 Millionen Euro. Die Prognosen für 2018 gehen von etwa der gleichen Summe aus.

Was zahlen Sie denn davon?

Tetz Vereinfacht gesagt: alles. Also auch die Gehälter der Pfarrer und Pfarrerinnen und die Schulung und Begleitung der Ehrenamtlichen sowie auch die Kindertagesstätten und den Unterhalt von Gebäuden.

Wie viel müssen Sie sparen?

Tetz Für den Zeitraum 2012 bis 2020 haben wir zehn Prozent vereinbart. Wir müssen die allgemeinen Ausgaben schon deshalb senken, weil wir erheblich steigende Personalkosten haben. Nur wenn wir sparen, bekommen wir den Gesamt-Haushalt auch finanziert.

Mit dem Prozess "Zukunft Kirche" stellt sich der Kirchenkreis auf landeskirchliche Entwicklungen für den Zeitraum bis 2030 ein. Dabei geht es auch um Pfarrstellen. Was kommt auf Düsseldorf zu?

Tetz Insgesamt werden im Rheinland rund 50 Prozent der Pfarrstellen eingespart. Das betrifft selbstverständlich auch Düsseldorf.

Und wie bleibt man nah an den Menschen?

Tetz Das gelingt mit Hilfe von Gemeindeteams. Sicher werden wir verstärkt Diakone und Diakoninnen ordinieren. Auch die Rolle der Prädikanten, die als Ehrenamtler Gottesdienste gestalten, wird an Bedeutung gewinnen.

Noch gibt es knapp 113.000 Protestanten in Düsseldorf. Die Zahl schrumpft von Jahr zu Jahr.

Tetz Im Schnitt verlieren wir im Jahr rund 1500 Gemeindeglieder durch Tod und Austritt. 250 treten wieder in unsere Kirche ein.

Die Volkskirche geht. Was halten Sie vom Modell einer Kirche der Aufrechten? Motto: Besser eine hoch engagierte Minderheit als lauter "Taufschein-Christen" ohne innere Glaubensbindung.

Tetz Ich halte nichts von solchen Modellen, von einem Entweder-Oder. Tatsache ist: Immer noch ist ein Fünftel aller Düsseldorfer Protestanten. Ich will auch nicht darüber urteilen, wer davon im Herzen ein Christenmensch ist und wer nur die Statistik füllt. Als Kirche machen wir allen, die sich mit Gott beschäftigen, ein Angebot. Das setzt voraus, dass man sich nicht in elitäre Kleingruppen zurückzieht, sondern Angebote in der ganzen Breite erhält.

Jesus sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich. Passt ein solches Wort aus dem Evangelium, das einen Wahrheitsanspruch formuliert, noch in unser post-modernes, relativistisch geprägtes Denken?

Tetz Wir reden hier von einer Wahrheit, die sich auf meinem ganz eigenen Weg zeigt und ergibt. Selbstverständlich hat Glauben etwas mit Überzeugung zu tun. Und selbstverständlich gibt es eine Glaubenswahrheit, die trägt, die ich mit einer Gemeinschaft teile, durch die ich gehalten werde.

Kann der Anspruch, die Wahrheit zu kennen und zu leben, nicht zum Problem werden? Denken Sie an die fundamentalistischen Ränder von Religionen.

Tetz Gewalt im Namen Gottes ist niemals und durch nichts zu rechtfertigen. Ein absolutes Urteil über andere Religionen und Wege zu Gott steht uns nicht zu. Ich kann den Grund, auf dem ich persönlich stehe, durchaus als Glaubenswahrheit leben. Aber ich darf nicht darüber urteilen, wie Gott sich anderen Menschen zeigt und offenbart.

DAS INTERVIEW FÜHRTE JÖRG JANSSEN.

(RP)
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