In Düsseldorf: St.Martin bedeutender als Karneval

Düsseldorfer Geschichte(n) : St. Martin ist und bleibt Brauchtum Nummer 1

Das Martinsfest war lange vor Karneval, Schützenwesen und Radschlägern ein Düsseldorfer Original.

Denkt man an Düsseldorfer Brauchtum, denkt man an Karneval, Schützenfest und Radschlagen. Dann erst – und mit Abstand – an St. Martin. Eigentlich zu Unrecht. In Düsseldorf gibt es 139 Martinszüge, aber „nur“ zwölf Karnevalszüge, 34 Schützenparaden und ein einziges Radschlägerturnier. Dem Martinsfest haftete das Etikett „Original Düsseldorfer Brauchtum“ bereits an, als Karneval, Schützenwesen und Radschlagen noch weit davon entfernt waren, identitätsstiftendes Brauchtum für die Stadt Düsseldorf zu sein. Mag es heute auch nur schwer vorstellbar sein: Rosenmontagszug, Rheinkirmes und Radschlägerturnier waren Düsseldorf nicht in die Wiege gelegt. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden sie neben dem Martinszug zum lokalen Brauchtum erklärt.

Dessen Anfänge liegen im Dunkeln. Der heilige Martin, römischer Offizier, Bischof von Tours, Mantelteiler, Schutzheiliger der Reisenden, Bettler, Soldaten, Flüchtlinge, Abstinenzler und Schneider, Schrecken aller Gänse, genoss von alters her am Unterlauf der Düssel hohes Ansehen. Lange vor der Stadterhebung Düsseldorfs wurde ihm die Kirche in Bilk gewidmet. Aus den liturgischen Kalendern des Düsseldorfer Stiftes geht hervor, dass schon im 15. Jahrhundert sein Gedenktag am 11. November in besonderer Weise begangen wurde. Eine Rechnung des Pilgerhospizes an der Ratinger Straße aus dem Jahr 1431 belegt, dass das Martinsfest auch außerhalb der Kirche gefeiert wurde. Wo und wie ist leider unbekannt.

Als Straßen- und Lichterfest für Kinder ist der Martinsabend in Düsseldorf seit dem 18. Jahrhundert bezeugt. 1781 sah die Verwaltung sich gezwungen, der „abends mit Flambauen auf den Straßen herumlaufenden Stadtjugend“ den Gebrauch solcher Fackeln und das Schlagen damit auf Türen und „sonstige Ausschweifungen“ zu verbieten. Statt „Flambauen“ sollten die Kinder kleine Handlaternen vor sich hertragen.

1946 Martinslampenausstellung in der Festhalle der Schule an der Essener Straße. Foto: Stadtarchiv Düsseldorf

Laternen waren teuer. Ersatzweise wurden Rüben oder Kürbisse ausgehöhlt, kunstvolle Verzierungen in die Schale geschnitten und mit Kerzen erleuchtet. Später kamen Papierlampions  an Stöcken auf. Schon 1880 ist die Rede davon, dass „in Düsseldorf seit undenklichen Zeiten der Martinsabend gefeiert“ wird, „ein Kinder-Volksfest, einzig in seiner Art“. Düsseldorf stand im Ruf, „die Feier des Martinsabend, wenn auch durch den Lauf der Jahre verändert, am umfassendsten festgehalten zu haben“. Laut Düsseldorfer Volksblatt kamen 1873 am Martinsabend „Tausende von großen und kleinen Kindern zum bunten Laternenfeste“. Auf Flinger- und Bolkerstraße und am Markt „vereinigt sich Alt und Jung, ohne Unterschied der Confession in schönster Eintracht, um die Freude der mit bunten Lichtern gerüsteten Kinder zu theilen“. Pathetisch schließt der Artikel: „Keine Rohheit stört ungestraft die kindliche Freude, kein geschäftlicher Verkehr hemmt irgend den Schritt der kleinen Lichtträger, und so gestaltet sich der Martinsabend zu einer der poetischen Seiten des Volkslebens“.

Aus Spaß wurde Brauchtum. Schon 1900 bedauerte das Volksblatt: „Das Fest ist gegen früher sehr verändert“. Ursprünglich gab es weder Umzug noch Reglementierungen, in den Straßen der Altstadt liefen die Kinder mit ihren Laternen einfach nur auf und ab und sangen „plattdeutsche Märtenslieder“. Zu Hause gab es „Mäteskuchen“ (Buchweizen-Pfannkuchen) mit Korinthen. Um 1890 nahmen dann Komitees die Vorbereitung von „Zint Mätes“ in die Hand und „modernisierten“ das „altherkömmliche Martinsfest“: Die Kinder wurden in geschlossenen Zügen zusammengeführt. Musikkapellen wurden eingereiht, plötzlich ritt St. Martin auf einem Pferd mit, theatralisch wurde die Szene der Mantelteilung nachgestellt. Danach schwärmten die Kinder in die Nachbarschaft aus und gripschten Äpfel, Nüsse und Printen. Zum Ärger der Brauchtumshüter boten die Düsseldorfer Bäcker den Weckmann, den es nur an Nikolaus gab, schon zu St. Martin zum Verkauf, „wiewohl für ihn am Martinsfeste gar kein Raum ist“. Die Kritik an der Kommerzialisierung des Martinsfestes wurde von Jahr zu Jahr lauter.

Martinszug auf dem Schulhof der Schule am Hermannplatz, 1928. Foto: Stadtarchiv Düsseldorf

Nach dem Ersten Weltkrieg nahm die „Modernisierung“ groteske Formen an. In den Martinszügen, die nun in allen Stadtteilen stattfanden, wurden Transparente und Banner mitgeführt, nicht wenige mit Werbeaufschriften oder politischen Parolen. Märchenwagen mit Motiven aus Hänsel und Gretel, Dornröschen und Schneewittchen fuhren mit. Die „feine Gesellschaft“ veranstaltete „Martinsbälle“. Im Ballkleid und Smoking wurde zum Spaß gegripscht, Martinslieder von Unterhaltungskapellen gespielt, „sogar im Jazz-Rhythmus, bei dessen Klängen das Tanzbein geschwungen wird“. Als das Martinsfest immer mehr zu „verwildern“ drohte, nahm 1926 die „Vereinigung der Freunde des Martinsfestes“ die „Führung des Festes entschlossen in die Hand“, um es „in geordnete Bahnen“ zurückzuführen.

Kaum hatten die Martinsfreunde, die aus der Bürgergesellschaft „Alde Düsseldorfer“ entstanden waren, das Fest von „unerwünschten Auswüchsen“ befreit, brachte die Machtübernahme der Nationalsozialisten neue Veränderungen. Schon 1932 hatte sich die Düsseldorfer ­NSDAP zum Gralshüter des Martinsfestes ernannt und verkündete in der Volksparole: „Wir Nationalsozialisten werden stets (...) dieses althergebrachte Volksfest stützen“. Ob aus Überzeugung oder Opportunismus erklärten die Martinsfreunde ein Jahr später: „Die Bestrebungen, das schönste Kinder- und Volksfest Düsseldorfs zu erhalten und zu fördern, liegt im Sinne unseres großen Volkskanzlers Adolf Hitler, dessen Wille es ist, den alten Volksbräuchen und Sitten wieder Geltung zu verschaffen“. Ab 1933 marschierte die HJ, „die schon wochenlang fleißig Kürbisse bastelte und Martinslieder übte“, an der Spitze fast aller Düsseldorfer Martinszüge. Die SA stand Spalier und sicherte den Zugweg. In den Schulen mussten die Lehrer das Martinsfest als „altgermanisches Kultfest“ im „christlichen Mantel“ verkaufen, und den  „reitenden Martin“ entsprechend als einst „reitenden Wotan“.

1936 entriss das Düsseldorfer Winterhilfswerk (WHW) den Martinsfreunden die Organisation: So wie sich Martin dem Bettler zuwendet, wandte sich nun das WHW den „notleidenden Volksgenossen“ zu. Am Eingang zum Planetarium, wo traditionell die Martinslaternen ausgestellt waren, verkündete ein Transparent: „Was Martin tat in alter Zeit, das macht das WHW nun heut‘; er gab den Armen Kleidung, Brot, das WHW hilft jeder Not“. Die Propaganda kolportierte beachtliche Zahlen. Demnach beteiligten sich 1938 am Düsseldorfer Martinszug 60.000 Kinder, das WHW verteilte 75.000 Martinstüten, am Weg standen 100.000 Besucher.

Verschwiegen wurde, dass der Martinszug „eine Stunde nach Beendigung der SA-Maßnahmen gegen die Juden“ begann. Rückblickend schrieb die Rheinische Post am 10. November 1945: „Trippelnde Kinderfüße schritten um die Hausrathaufen herum, scheu klang der Gesang. Das Gedenken an jenen Heiligen, der seinen Mantel mit einem Bedürftigen teilte, war der reinste Hohn angesichts des Geschehens“.

Ein Jahr später war Krieg. Das Martinsfest 1939 musste entfallen, da „das Mitführen von aber tausend von Fackeln und Lampen“ die Verdunkelung gefährdet hätte und „die Zusammenballung von über 70000 Kindern wegen der Gefahr eines Luftangriffes nicht zu verantworten“ war. St. Martin konnte bis Kriegsende nur in der Familie gefeiert werden. Wie ein Foto aus dem Jahr 1941 belegt, kam man trotzdem auch im Finsteren am Rathaus zusammen.

Nach Kriegsende lebte St. Martin als erstes Düsseldorfer Brauchtumsfest wieder auf. Die Stadt lag noch in Schutt und Asche, da genehmigte die britische Militärregierung die Abhaltung von Martinsumzügen. 1945 gab es 15 Züge in den Quartieren und den Umzug durch die Altstadt. 60.000 Kinder wurden beschert, ganz ohne Propagandagerassel. In der Kunsthalle hatten die Martinsfreunde eine Lampenausstellung improvisiert, obwohl es „große Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Buntpapier, Bastelmaterial und Kerzen“ gab. Die Not wurde noch schlimmer. 1946 schrieb die RP zum Martinsfest: „Noch nie waren wir auf den Mantel mitfühlender Brüderlichkeit so sehr angewiesen wie heute. Wir alle sind heute hineingestellt in die Gemeinschaft der Bedürftigen.“ Nach dem Umzug hielt Oberbürgermeister Karl Arnold eine bewegende Ansprache: „Geist und Beispiel des heiligen Mannes leben und wirken weiter. Sankt Martin spricht zu den Staatsmännern und Völkern Europas, dem Geist des Unfriedens und des Hasses Einhalt zu gebieten, damit neue Lebenshoffnung und Zuversicht gedeihen. Er wird seine mächtige Fürbitte beim Herrgott einlegen für alle Menschen dieser Stadt, für unser Volk und für die Völker der Welt“. Der Rosenmontagszug fand erst 1947 wieder statt, die Rheinkirmes 1948.

In den folgenden Jahrzehnten wurden die Martinslampen immer bunter, die Gripschtüten immer voller; nur die leuchtenden Kinderaugen sind bis heute gleich geblieben. 2013 versuchte die Linkspartei, muslimische Kinder vor dem Aufdrängen christlicher Traditionen zu schützen und erfand als Alternative zum Martinsfest das „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“. Einen Platz im Düsseldorfer Brauchtumskalender hat dieses Fest nicht. Der Heilige Martin bleibt die Nummer 1.

Info Die Termine aller Düsseldorfer Martinszüge finden Sie unter www.rp-online.de/duesseldorf und in einer der nächsten Ausgaben Ihrer Zeitung.

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