Nach den Ausschreitungen in Düsseldorf  Juden und Muslime setzen auf Freundschaft

Düsseldorf · Ataman Yildirim hat nach den antisemitischen Ausschreitungen eine Dialogaktion gestartet. Dabei bekennen Menschen aus beiden Religionen, wie wichtig ihnen ihre Freundschaft ist.

 Ataman Yildirim (links) und Wilfried Johnen wollen ein sichtbares Zeichen für die Freundschaft zwischen Muslimen und Juden in Düsseldorf setzen.

Ataman Yildirim (links) und Wilfried Johnen wollen ein sichtbares Zeichen für die Freundschaft zwischen Muslimen und Juden in Düsseldorf setzen.

Foto: Barbara Schmitz

Düsseldorfer Muslime und Juden setzen auf Freundschaft und gemeinsame Werte. „Wir lassen uns nicht spalten“, sagt Ataman Yildirim und hat unter dem gleichnamigen Hashtag gleich auch eine Initiative im Internet gestartet. Fotos mit drei jüdischen Freunden hatte der 43-Jährige mit türkischen Wurzeln zuvor auf verschiedenen Plattformen gepostet. Auf denen ist er mit Amit-Elias Marcus, Valentin Agadzanov und Wilfried Johnen zu sehen. Gemeinsam halten sie ein grünes Pappschild mit einer klaren Botschaft in der Hand: „Wir stehen auf der Seite der jüdisch-muslimischen Freundschaft.“

Geschockt sind die Freunde über das, was in den vergangenen Tagen in Düsseldorf und darüber hinaus passiert ist. Dass Gedenktafeln und Israel-Flaggen im Herzen der Landeshauptstadt angezündet werden, hat Spuren hinterlassen. „Aber wir lassen uns nicht spalten. Und wir werden den Provokateuren bei Demonstrationen wie der in Gelsenkirchen nicht das Feld überlassen“, sagt der Sozialarbeiter.

Wie tief die Verunsicherung geht, zeigt die Einschätzung seines Freundes Wilfried Johnen. Seit 45 Jahren lebt der 70-Jährige in Düsseldorf. „Als wir in den 1970er Jahren hier herzogen, standen noch drei große Übersee-Koffer im Keller, für den Fall, dass wir das Land doch einmal plötzlich verlassen müssen“, erinnert sich der frühere Geschäftsführer der jüdischen Gemeinden in Nordrhein. Zehn Jahre später habe die Familie diese Koffer verkauft. Weil man sich sicher gefühlt habe, meint Johnen. Doch jetzt sei alles anders. „Wir fragen uns, ob wir die Koffer nicht besser behalten hätten“, sagt er. Tief sitze die Furcht inzwischen wieder. „Mein Sohn baut gerade ein Haus und ich bin nicht sicher, ob diese Festlegung am Ende richtig ist“, sagt der gebürtige Krefelder, der davor warnt, beim Thema Judenfeindlichkeit alle Muslime über einen Kamm zu scheren. „Vor einigen Jahren lernte ich bei einem Gespräch im Landtag Dalinc Dereköy vom Kreis der Düsseldorfer Muslime kennen. Heute sind wir enge Freunde.“ Auch ganz praktische Solidarität hat er erlebt. „Als das Thema aufkam, ob ich Angst haben müsste, mit der Kippa durch Bilk zu laufen, erklärten Muslime aus der Nachbarschaft, das sei nicht nötig, sie würden schon auf mich aufpassen – und so war es dann auch“, sagt Johnen. Für diejenigen aus den Zuwanderermilieus, die ihrem Hass gegen Israel und alles Jüdische freien Lauf lassen, wünscht er sich mehr praktische Projekte. Es werde viel geredet, aber am Tun hapere es häufig noch. Die Gesellschaft müsse mehr in konkrete Bildungs- und Sozialprojekte investieren, um diese Milieus zu erreichen.

Über das Ausmaß des Hasses und den Umgang damit, ist Yildirim erschüttert. Nachdem er seine Friedens- und Versöhnungsbotschaft auf einer Facebook-Seite mit vielen Tausend Mitgliedern gepostet hatte, gab es binnen weniger Stunden Hunderte Likes und eine große Zahl positiver Kommentare. Doch wie in den Sozialen Medien üblich, ließen auch antisemitische Hasskommentare nicht lange auf sich warten. „Gelöscht wurden aber nicht nur diese unsäglichen Entgleisungen, sondern der gesamte Post, ich fand das schade und habe auch mit dem Administrator darüber diskutiert, ob das wirklich der einzig mögliche Weg war“, sagt Yildirim Die hasserfüllten Parolen von Gelsenkirchen hätten ihn innerlich verletzt, sagt der Muslim, der sich für den Toleranzwagen von Christen, Juden und Muslimen engagiert und Vorsitzender der Karnevalsgesellschaft „Okzident-Orient-Express – Diversität 3.0 Rheinische Heimatgesellschaft“ ist. „Wie können Muslime so etwas tun, wo sie doch – wie zuletzt ihn Hanau – selbst häufig Opfer einer extremen Menschenfeindlichkeit geworden sind“, sagt er.

(jj)