In Düsseldorf packen Eltern symbolisch Koffer für den Lebensweg ihrer Kinder

Mitmach-Projekt : Wenn Eltern ihren Kindern einen Koffer für das Leben packen

Wer seinem Kind etwas für den Weg ins Leben mitgeben möchte, sollte Fantasie und Zeit investieren. Bei einer Mitmach-Aktion lassen Eltern, Paten und Großeltern Symbole sprechen.

Eltern packen den Koffer für ihre Kinder, nicht für die Urlaubsreise, sondern fürs Leben. Und hinein kommen nicht Badesachen, T-Shirts und kurze Hosen, sondern Wünsche, Sehnsüchte und Botschaften. Was möchte ich meinem Kind mitgeben, was meiner Enkelin oder meinem Patensohn? Denn bei dem Mitmach-Projekt in vier katholischen Kitas des Seelsorgebereichs Angerland-Kaiserswerth waren auch Großeltern, Tanten und Onkel eingeladen, den Koffer für die Kinder zu packen. Begleitet wurde das Projekt, das zusammen mit dem ASG Bildungsforum und dem katholischen Familienzentrum umsetzt wurde, von der Museumspädagogin Irina Wistoff. Sie kommt aus Königswinter und bietet das Kofferpacken schon seit vier Jahren in Kitas im gesamten Erzbistum Köln an. Die vierte und letzte Station war die Kita St. Remigius in Wittlaer.

An diesem Mittag warten Irina Wistoff und Birgit Romich vom Familienzentrum auf weitere Eltern. Es werden welche kommen, schon am Vortag sei es voll geworden. Die Resonanz, sagen sie, ist groß. In dem „Packraum“ liegen auf einem großen, flachen Tisch unzählige Gegenstände: altes Spielzeug, Figürchen, Dekoartikel wie ein kleiner Leuchtturm, Nippeskram, Karten, Fotos und auch Tüten mit Gummibären und glatte Kieselsteinchen. Sie alle können ein Symbol sein. Für was sie aber stehen, das liegt in der Hand derjenigen, die den Koffer packen.

Manches erschließt sich scheinbar schnell, ein Hufeisen könnte für Glück stehen, oder? „Eine Mutter hat es als Symbol für die Leidenschaft zum Reiten genommen“, berichtet Irina Wistoff. Und ein kleiner Plastikhai, bei dem man das Gebiss öffnen kann? „Es heißt vielleicht, auch mal zubeißen zu können.“

Mutter Sabine Balster hat sich wie andere Eltern eben auch viele Gedanken gemacht. Im Vorfeld, zu Hause, in ruhigen Minuten. Das geht nicht spontan, sagt sie, und das hat man dann auch nicht alles im Kopf, aber die Aktion sei wie ein kleiner Anstoß. Sie hat alles notiert, was sie ihren beiden Kindern, die die Kita St. Remigius besuchen, einpacken möchte. Jetzt sucht sie zunächst den passenden Kofferinhalt für den fünfjährigen Leonard, später für die dreijährige Victoria, und schaut dabei immer wieder auf die Liste in ihrem Handy. Sie möchte nicht alles preisgeben. Aber nun suche sie tatsächlich nach etwas wie Schwimmflügeln. „Sie sollen zeigen, dass man auch mal gegen den Strom schwimmen muss.“ Sie grübelt zusammen mit Irina Wistoff. Die Museumspädagogin steht immer bereit, mit Eltern etwas auszuknobeln. Die Lösung: Ein Foto von Pipi Langstrumpf könnte den abstrakten Begriff Selbstbestimmtheit symbolisieren – diese Figur von Astrid Lindgren, die eben macht, was ihr gefällt.

Selbst das Packen ist am Ende nur symbolisch. Wenn der etwa schuhkartongroße Koffer gefüllt ist, macht Irina Wistoff davon ein Foto, das später auf DIN-A4 vergrößert wird. Dann kommt alles wieder raus und wieder auf den Tisch – für die nächsten Eltern. Mit dem Packen alleine ist es aber nicht getan. Das Entscheidende ist die Packliste. Es gibt letztlich zwei. Eine öffentliche, für die Ausstellung, denn die Fotos der gepackten Koffer werden in den Kitas gezeigt. Und die wahre Liste, in der die Eltern ihren Kindern gewissermaßen hinterlassen, warum sie welche Sachen für sie eingepackt haben. Die Wünsche nach Liebe, nach Geborgenheit und Familie, nach Erfüllung, auch nach Leichtigkeit, wie sie womöglich Seifenblasen verkörpern, werden oft genannt. Väter griffen auch häufig zum kleinen Modell des Millennium-Falken aus „Krieg der Sterne“. Jeder Sechsjährige weiß, was das ist. Und er kann stehen für Freiheit, Weltraum, Abenteuer.

Ein Begriff aber fällt selten, sagen Wistoff und Romich: beruflicher Erfolg. Gewiss möchten Eltern auch, dass ihre Kinder den Traumjob finden, doch Geld und Karriere, das sei offenbar nicht so wichtig. Bleibt die Frage, wann die Kita-Kinder, die jetzt im Alter zwischen ein und sechs Jahren sind, ihre Koffer auspacken? Sabine Balster will das Kofferfoto schön gerahmt irgendwo zu Hause aufhängen – und die wahre Packliste dahinter verstecken. „Für den Tag X, mal schauen, wenn sie 18 werden...“ Irina Wistoff hat erst jüngst einen solchen Koffer für ihre bereits 18-jährige Tochter gepackt – und ihn gleich öffnen lassen. „Wir hatten danach eines der besten Gespräche überhaupt.“