IHK-Geschäftsführer Düsseldorf zur Situation des Handels

Ulrich Biedendorf: Erreichbarkeit ist entscheidend

Der IHK-Geschäftsführer über die Situation des Handels in der Landeshauptstadt, den Umgang mit den Klagen gegen verkaufsoffene Sonntage und die Bedeutung eines Diesel-Fahrverbots.

Der Wandel im Einzelhandel ist allgegenwärtig. Auf den prominenten Einkaufsstraßen des Stadtzentrums gibt es ständig Neueröffnungen, die Kö-Bogen-Baustelle entwickelt sich, der neue Zurheide-Markt an der Berliner Allee ist so gut wie fertig. Gleichzeitig entwickeln die stationären Geschäfte Modelle, wie sie auch vom wachsenden Online-Handel profitieren können. Mit dem für Handel zuständigen IHK-Geschäftsführer Ulrich Biedendorf haben wir über die Herausforderungen und die Stärken des Düsseldorfer Handels gesprochen.

Herr Biedendorf, was wird die größte Herausforderung des neuen Jahres für den Düsseldorfer Handel sein?

Ulrich Biedendorf Ein entscheidendes Thema wird sicherlich die verkehrliche Erreichbarkeit der Innenstadt in der Zukunft werden. Wir reden über ein Diesel-Fahrverbot, und wer weiß, ob es eine Blaue Plakette für Diesel-Autos geben wird. Auf jeden Fall wird es für die Einzelhändler unvermeidlich, sich damit auseinanderzusetzen, denn eine bestimmte Gruppe von Kunden wird weiter mit dem Auto kommen. Schließlich hat Düsseldorf eine überregionale Bedeutung. Es geht ja nicht darum, nur von Benrath oder Gerresheim in die Innenstadt zu kommen, sondern etwa auch vom Niederrhein. Und die kommen nicht nur mit Bus und Bahn, sondern auch mit dem Auto.

Und auch nicht mit dem Fahrrad...?

Biedendorf Wir sagen ja nicht, dass Kunden nicht auch mit dem Fahrrad kommen. Es ist aber eben so, dass beispielsweise an der Kö viele Kunden schon wegen der Wertigkeit der gekauften Waren immer mit dem eigenen Auto anreisen werden.

Trotz des teils schlechten Wetters sind die Bilanzen des Weihnachtsgeschäftes überall gut ausgefallen. Sticht Düsseldorf da besonders heraus?

Biedendorf Man kann auf jeden Fall sagen, dass der Handel nicht nur mit dem Weihnachtsgeschäft, sondern mit dem ganzen Jahr 2017 sehr zufrieden war. Der Umsatzanstieg von fünf Prozent gilt definitiv mindestens auch für Düsseldorf. Man darf aber nicht vergessen, dass vor allem auch der Online-Handel ein Wachstumstreiber der Branche ist.

Man hatte zuletzt den Eindruck, dass das Internetgeschäft wegen überlasteter Paketzusteller an seine Grenzen stößt - und der stationäre Handel wieder profitieren könnte.

Biedendorf Es mag ja sein, dass der eine oder andere Zustelldienst besonders im Weihnachtsgeschäft angesichts der Masse an Sendungen seine Kapazitäten erreicht hatte. Aber viele KEP-Dienstleister (Kurier-, Express- und Paket) finden neue moderne Lösungen zum Beispiel für die Innenstadt-Logistik mit Elektro-Autos und neuen Verteilsystemen. Zudem ist es ja so, dass auch der stationäre Handel tatsächlich von Online-Angeboten profitiert, weil viele Händler die Zeichen der Zeit erkannt haben und ihre Waren auch verschicken, um sich für die Zukunft besser aufzustellen.

Also sind die Düsseldorfer Händler nicht so schlecht darin, sich Neues auszudenken?

Biedendorf Man sieht sogar besonders viel Innovatives. Aldi verkauft Weine in einem Pop-up-Store auf dem Schadowplatz. Seat stellt seine Autos in einem Container am Kö-Bogen aus - übrigens eine tolle Sache, um eine Großbaustelle so zu kaschieren, dass die Menschen sich noch wohlfühlen im Umfeld rund um den Kö-Bogen. Zudem wird der Flächenbedarf der Händler geringer, und die durchschnittliche Mietdauer von Geschäften sinkt, weil die Unternehmer flexibel sein wollen. Wer sich da vernünftig bewegt, hat eine gute Zukunft.

Welche Auswirklungen wird das denn haben?

Biedendorf Wenn so ein Vertrag nach einer für die Branche eher kurzen Spanne wie nach drei Jahren ausläuft, dann wird es ja auch für die Kunden wieder spannender und abwechslungsreicher. Die fragen sich: Was finde ich morgen vielleicht wieder Neues? Das erhöht den Reiz. Auf der anderen Seite gibt es natürlich immer auch die Angebote, die dem Kunden fehlen, wenn sie plötzlich wegfallen - vieles hat eben zwei Seiten.

Hilft diese Entwicklung denn auch, künftig wieder mehr inhabergeführte Geschäfte in die Stadt zu bekommen?

Biedendorf Zunächst einmal ist der Anteil der Ketten in Düsseldorf auch nicht höher als in anderen Städten. In den wenigsten werden Sie noch viele inhabergeführte Geschäfte finden. Aber für spannende Start-ups ist die Entwicklung tatsächlich vorteilhaft, weil sie die Chance haben, in einer Testphase ihr Konzept auszuprobieren, ohne sich gleich für zehn Jahre binden zu müssen. Und wenn es schiefgeht, können sie danach ohne Probleme aufhören oder sich eben um eine Verlängerung bemühen.

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Wir haben in der Vorweihnachtszeit gesehen, dass Ketten weniger bereit sind, sich an lokalen Aktionen wie Weihnachtsbeleuchtung zu beteiligen. Brauchen wir da neue Konzepte?

Biedendorf Natürlich hat ein Filialleiter einer Kette eine ganz andere Bindung an die Stadt als ein Unternehmer, der sich bewusst hier niedergelassen hat. Diese Diskussion gab es immer wieder, auch wenn es um Straßenfeste geht. Man muss aber sagen, dass es da solche und solche gibt. Ein Beispiel für ein Konzept, bei dem Immobilienbesitzer und Händler sich gemeinsam erfolgreich engagieren, ist die ISG Graf-Adolf-Straße. Gerade diese hat - neben den städtischen Investitionen - viel eigenes Geld in die Hand genommen, um die Straße aufzuwerten. Solche Standortgemeinschaften sind für uns als IHK wertvoll.

Die ISG Graf-Adolf-Straße dürfte sich schon freuen, dass im ehemaligen Kaufhof mit dem Zurheide-Markt im März wieder neues Leben an die Straße kommt...

Biedendorf Das ist eine tolle Entwicklung, die auch die erfreulich hohe Investitionsbereitschaft des Einzelhandels in der Innenstadt belegt. Da wird ein dichtes Netz für die Versorgung der Menschen geknüpft. Dazu gehört auch Aldi im Kö-Bogen und demnächst ja vielleicht ein Discounter bei Karstadt. Zurheide wird auch vieles verändern, weil die Menschen dort essen können. Im gesamten Bereich vom Hauptbahnhof bis mindestens zur Königsallee werden sich die Leute dafür begeistern.

Der Zurheide gilt aber auch als potenzielle Konkurrenz für den Carlsplatz.

Biedendorf Das wird man sehen. Für die Standbetreiber wird es eine Herausforderung, aber an Herausforderungen kann man wachsen. Und wenn man das positiv aufnimmt, kann man Konzepte aufbauen, die damit zusammen passen.

Im vergangenen Jahr hat Verdi gegen viele verkaufsoffene Sonntage geklagt. Wie kann man damit künftig umgehen?

Biedendorf Zunächst muss man sehen, wie sich Verdi künftig verhält - ich vermute aber, die werden ihrer Linie treu bleiben, weil dahinter ja auch eine Idee steckt. Die setzten sich für ihre Mitglieder ein, was legitim und nachvollziehbar ist. Wir haben aber einen anderen Ansatz, indem wir sagen: Es soll wenige Ausnahmen für verkaufsoffene Sonntage geben. Stadtteile können auch künftig Sonntagsöffnungen haben, wenn sie den Anlass vernünftig nachweisen. Dazu kommt: Das Land arbeitet ja, nicht zuletzt auf Initiative der IHKs, an einer Änderung des Ladenöffnungsgesetztes. Kommunen sollen die Möglichkeit haben, bei öffentlichem Interesse verkaufsoffene Sonntage zu ermöglichen. Das wird auch nicht zu einer Explosion der Zahl führen, schließlich rechnen auch die Händler und wollen nicht jeden Sonntag öffnen.

Geht es den Stadtteilen denn in Düsseldorf noch gut?

Biedendorf Ja. Die Nordstraße ist einer der Bereiche, die gut funktionieren, ebenso Benrath. Über die Luegallee kann man sich streiten - einige sagen, die hat an Zugkraft verloren, weil es da auch Leerstände gibt. Gar nicht mehr funktionieren die vier kleinen Einkaufszentren in Garath um das große drumherum. Da muss man darüber nachdenken, ob man diese Bereiche nicht handelstechnisch einfach aufgibt und überplant. In Unterrath ist der Verkaufsbereich auch zu lang, hier müsste man sich konzentrieren. Und Kaiserswerth täte ein weiterer Lebensmittler wirklich gut.

Und Aldi im Kö-Bogen? Ist das eine gute Entscheidung?

Biedendorf Aldi entwickelt sich ja weiter und ich rechne damit, dass man keine klassische Filiale wie auf dem Land dort installieren wird. Die werden sich schon etwas überlegen in dieser Lage an der Schadowstraße. Und was drumherum passiert, werden wir abwarten müssen.

Und in der restlichen Schadowstraße mit Kaufhof und Karstadt. Wird da etwas passieren?

Biedendorf In der Kaufhaus-Szene passiert ja eine Menge, und die Frage ist, ob Karstadt langfristig einen Turnaround schafft. Wenn ja, wird Düsseldorf sicher eines der Häuser sein, die im Konzern Zukunft haben. Aber es hat ja auch schon eine Diskussion gegeben, sogar beide Kaufhäuser an der Straße gemeinsam umzufunktionieren und ein hochwertiges Einkaufszentrum als östlichen Eingang der Innenstadt zu schaffen. Ob das kommt, hängt natürlich mit den Konzernen ebenso wie mit den Hauseigentümern zusammen. Ich denke aber, dass es dort keinen großen prominenten Leerstand geben darf. Das würde der Schadowstraße einen schweren Schaden zufügen.

NICOLE LANGE FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(RP)
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