Düsseldorf: Ideen für die Zukunft der Kiefernstraße

Düsseldorf : Ideen für die Zukunft der Kiefernstraße

Aus der ehemaligen Hausbesetzer-Szene der Kiefernstraße sind längst Mieter geworden. Sie fordern eine Sanierung ihrer Häuser.

Manchmal machen hier Reisebusse Halt. Die Fahrgäste, meist Japaner, springen kurz raus, fotografieren, als sei das hier ein soziologisches Biotop, das man unbedingt gesehen haben muss. Dann sind sie wieder weg. Die Bewohner der Kiefernstraße haben sich mittlerweile an die Blitz-Besucher gewöhnt. Sie haben andere Sorgen. Die formulieren sie gerade auf Transparenten, die von einer bemalte Fassade hängen, über die riesige Käfer krabbeln. Ihre Forderung: "Sanierung jetzt!"

Betti Tielker (49) und Norbert Machinek (54) waren von Anfang an dabei, zogen Mitte der 80-er Jahre in die frisch besetzten Häuser, mischten mit bei den damaligen Verhandlungen mit der Stadt, die schließlich den Forderungen der Szene nachgab: Die Häuser wurden nicht, wie geplant, abgerissen, aus Besetzern wurden Mieter — mit Verträgen. Seither leben sie hier, Norbert Machinek in Hausnummer 1, Betti Tielker in Nummer 5 (das mit den Käfern), in dem neun Frauen zuhause sind, die ihre Wohnungstüren nicht abschließen, die Kohlen aus dem Keller hoch schleppen und die sich ein Gemeinschaftsbad teilen. Ein Bad für neun Frauen? Betti Tielker begegnet der Frage mit Gelassenheit: "Ach, das geht sehr gut, wir wollen gar keine eigenen Bäder."

Was die Mieter wollen, lässt sich kurz zusammenfassen: "Wir kämpfen schon lange für eine Sanierung, um die Bausubstanz zu erhalten." Mitte der 90er Jahren wurden die Dächer und Fenster erneuert. Aber längst seien neue Abwasserleitungen fällig, eine Grundisolierung der Mauern und vor allem Brandschutz. Deshalb hat die Stadt schon vor Jahren Architekten mit einem Konzept beauftragt. Betti Tielker: "Es gibt viele Pläne, passiert ist nichts."

Vor einem Jahr haben dann die Anwohner ein eigenes Konzept verfasst. Darin schlagen sie vor, dass die Häuser, in Abstimmung mit den Mietern "und nicht nach irgendwelchen Normen" saniert werden. Auch mit höheren Mieten seien sie einverstanden, wenn im Gegenzug diese Einnahmen wieder in künftige Instandhaltung gesteckt werden. "Früher haben wir immer gesagt, was wir nicht wollen, heute formulieren wir das anders", meint Norbert Machinek.

Dabei hat die Straße zwei unterschiedliche Gesichter. In den Häusern mit den ungraden Nummern —durch ihre einzigartigen Fassadenbilder beliebte Fotomotive nicht nur für Reisegruppen — wohnen bis heute viele Künstler und Musiker. Machinek: "Hier ist eine Menge Kreativität." Die andere Seite wirkt wie die vergessene, hässliche Schwester, die Fassaden schwarz-graue Tristesse, hier leben viele Migrantenfamilien. "Aber wir kommen alle ganz gut miteinander klar", versichert Betti Tielker, das Zusammenleben vieler Nationen sei durchweg friedlich. "Außerdem sind wir hier alle erprobt im Konfliktlösen."

Es sei bis heute ein besonderes Lebensgefühl auf der Kiefernstraße. Die beiden Mieter beschreiben das so: "Wenn man Milch braucht, geht man eine Tür weiter. Wenn man ein Problem hat, findet sich immer jemand zum Reden." Vieles wird gemeinsam angepackt, ob ein Dachboden entrümpelt oder über einen neuen Mieter entschieden wird. Könnten sie sich vorstellen, irgendwo anders zu leben? Doppeltes Kopfschütteln. Aber allmählich machen sie sich Gedanken darüber, wie sie hier alt werden wollen. Irgendwann könnte das Kohlenschleppen beschwerlich werden, dann wäre eine Zentralheizung vielleicht doch ganz angenehm.

Mitte Januar ist der nächste Termin mit der Städtischen Wohnungsgesellschaft. Dann wird sich (vielleicht) entscheiden, ob saniert wird. Und ob die Bewohner ihre Protesttransparente wieder einrollen können.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das sind Düsseldorfs bemalte Häuser

(RP/jco)
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