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Düsseldorfer Elternkolumne: Ich will meine Welt zurück

Düsseldorfer Elternkolumne : Ich will meine Welt zurück

Homeoffice und verordnete Familienzeit haben unsere Kolumnistin (wie so viele) kalt erwischt. Plötzlich tauchen altmodische Wünsche auf.

Am Ende ging es schneller, als man je zu träumen wagte. Zu alp-träumen, um genau zu sein. Plötzlich war sie da, die Pandemie, die vorher noch die anderen hatten. Die Chinesen. Das Lieblingsurlaubsland Italien. Und jetzt wir. Und mit uns der Rest der Welt. Und seitdem sieht alles ganz genau so aus, wie es sonst auch aussah. Der Frühling bahnt sich an, die Vögel zwitschern, die Sonne hat schon Kraft, die Bäume treiben aus. Das Virus sieht man nicht. Unsichtbar hat es sich zwischen uns ausgebreitet, und jetzt haben Schulen und Kindergärten zu, und wir sitzen zu Hause und können unsere Freunde nicht mehr sehen.

Social distancing. Tag 1. Die Kinder sind begeistert. „Juhu, fünf Wochen Ferien!“ Ich versuche, ihnen den Spaß erstmal nicht zu nehmen: Warum auch? Besser gut gelaunte Kinder in der Situation. Der Rest ist eh ein Experiment. Wir werden herausfinden müssen, wie das am besten geht: fünf Wochen ohne Alltag. Mindestens. Fünf Wochen Homeoffice. „Darf ich den ganzen Tag im Schlafanzug bleiben?“, fragt der kleine Sohn. „Bloß nicht!“, sage ich. Die Etikette muss gewahrt werden. Das ist mir sofort klar. Wir werden versuchen, so viel Normalität wie möglich zu behaupten. „Zieh dich an!“ Auch der Große hat konkrete Vorstellungen: „Super, zocken, so lang ich will!“ „Nein.“ „Warum nicht?“ „Äh...“.

„Wir machen ein Wochenende alles, was ihr euch schon immer gewünscht habt, in einem Leben ohne Schule, Kindergarten und ohne dass Mama und Papa arbeiten gehen und dann schau’n wir mal, ok?“ – „Mama,“ sagt der Große mit roten Augen nach dem Wochende, ich muss an die frische Luft.“ „Der Junge muss an die frische Luft!“, rufe ich, ein Filmtitel, der mir kurz die Tränen in die Augen treibt. Als der Film im Kino lief, war noch alles gut. Ich will meine alte Welt zurück. Krieg ich auch. Nur älter, als ich mir vorgestellt hatte. „Wir könnten wandern gehen.“ Der Vorschlag kommt von meinem Mann. Verzweiflung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Wir müssen raus.

Wandern ist normalerweise ein Vorschlag, für den ich Spott ernten würde. „Das ist total veraltet.“ Finde ich ja selber auch. „Na gut!“ sagt mein Sohn, noch bevor ich meine Überredungskunst eingesetzt habe. „Dann machen wir ein Picknick!“ freut sich der kleine Sohn.

Was soll ich sagen: Es war schön. In der Eifel gibt es Burgen, Bäume, Wanderwege, klare Bäche, Steine und jede Menge frische Luft. Gar nicht so schlecht. Back to the roots. Es kann auch erleichternd sein, wenn das Angebot bescheiden ist. Da muss man sich nicht entscheiden, da muss man sich was ausdenken. „Und?“, frage ich meine Söhne, „hat es euch Spaß gemacht?“ „Den Umständen entsprechend“, sagen sie. Ihre Freunde wollen sie trotzdem so bald wie möglich wieder sehen. Ich auch. Wir vermissen sie. Die nahen und die fernen. Sie sind durch gar nichts zu ersetzen. Hoffen wir, das dieser Alptraum bald ein Ende hat.

Autorin Die Düsseldorferin Mareile Blendl ist Schauspielerin und Mutter zweier Söhne
Foto: H.-J. Bauer