Holger Jahn ist Tagesvater in Oberkassel.

Kinder-Betreuung : Vom Informatiker zum Chef der Kinderlounge

Holger Jahn war Versicherungsexperte in Frankfurt. In seinem Haus in Oberkassel betreut er heute als Tagesvater  kleine Kinder. Seine eigenen Jungs haben ihn auf den Berufswechsel gut vorbereitet.

Tischchen, Stühlchen, Bettchen, die Einrichtung bei Tagesvater Holger Jahn ist klein. Nur das Haus nicht. Das ist groß, ein mehrstöckiges Einfamilienhaus in Oberkassel, erbaut Anfang des vergangenen Jahrhunderts im Stil der Gründerzeit, mit Stuck an den hohen Decken. In den lichtdurchfluteten Räumen im Parterre könnte man sich auch gut ein mondänes Wohnzimmer samt großzügigem Essbereich vorstellen. So wurde es aber schon lange nicht mehr genutzt.

Einst habe sein Schwiegervater, der Steuerberater war, in einem Teil des Erdgeschosses sein Büro gehabt, erzählt der 46-jährige Tagesvater, der auch Familienvater ist. Jetzt ist es eine Kinderwelt, mit bunten Teppichen auf dem Parkett, Kisten voller Spielzeug und hinter der mächtigen Schiebetür, die die beiden großen Räume trennt, stehen sechs Bettchen für den Mittagsschlaf. Es ist aktuell das Reich von Caspar, Lotti, Arseleo, Amalia, Amelie und Karl-Friedrich, den aber alle nur Fritz nennen und der mit seinen drei Jahren der Älteste der Gruppe ist. Nesthäkchen ist Caspar, noch kein Jahr alt und derzeit in der Eingewöhnung. Sie alle sind von montags bis donnerstags bei Holger Jahn gewissermaßen zu Gast, gebracht werden sie gegen halb neun, abgeholt dann wieder am frühen Nachmittag.„Kita-Lounge“ nennt Holger Jahn seine Tagespflege für U-3-Kinder, einen wirklichen Namen hat sie noch nicht. – Fünf Kinder hat Holger Jahn dann um sich herum, aber derzeit sechs Verträge, manch ein Kind kommt nur tageweise. Sie wollen dann vieles – und vieles auch gleichzeitig. Frühstücken, ankommen, auf den Arm genommen werden, im Morgenkreis singen, basteln oder spielen, bei gutem Wetter draußen im Garten – und aufs Töpfchen gehen die meisten ja auch noch nicht. Wickeln ist angesagt. Mittags geht es dann oft zusammen in die Küche, Kochen, schon mal Pfannkuchen werfen. Und dann sind alle müde, wollen in ihr Bettchen, mit dem richtigen Kuscheltier selbstredend. Das alles hört sich nach Stress an. Aber wenn Holger Jahn seinen Arbeitsalltag vorstellt, dann klingt es so, als sei alles nur ein großer Spaß – „und das ist es auch“, versichert er und lacht dieses Lachen, das beides hat, etwas Sonnyboy und etwas Lausbub.

Holger Jahn ist von Haus aus kein Erzieher, kommt aus der Finanz- und Versicherungsbranche in Frankfurt, seiner Geburtsstadt. Er ist Fachmann für Versicherungsprodukte, Informatiker, hat aber auch Ahnung vom Vertrieb. Er sei ein „Mix“ aus mehreren Bereichen. Das machte ihn erfolgreich und begehrt. So sehr, dass er zwei Mal länger Elternzeit nehmen kann, ohne den Karriereknick zu riskieren.

Er und seine Frau Christiane, die Juristin ist, haben zwei Söhne, zwölf und neun Jahre sind sie heute. Und Tim und Tom heißen sie. Wirklich. Und Holger Jahn lacht, wenn er das erzählt. Weil er diesen leicht irritierten Blick kennt. Die Namen habe er auswählen dürfen, weil seine Frau abends in einer Kneipe ja das Würfeln um den Familiennamen gewonnen habe. Seither heiße er eben auch Jahn.

Als Holger Jahn 40 wird, hat er genug von seinem Business. „Ich musste einfach etwas anderes machen.“ Zu dem Zeitpunkt wohnen er und seine Frau schon in Düsseldorf, er arbeitet zunächst in seinem alten Beruf weiter, erst in Köln, dann in Düsseldorf. Einige Zeit sind sie noch zwischen Frankfurt und Düsseldorf gependelt, um die Schwiegereltern, die mittlerweile verstorben sind, zu unterstützen. 2001 geht es dann endgültig vom Main an den Rhein. Seine Frau Christiane kommt schließlich von hier, erst haben sie eine Wohnung, später ziehen sie in ihr Elternhaus in Oberkassel. Als sie es renovieren lassen, kommt ihm die Idee, die schon in der Wohnung begonnene Tagespflege größer aufzuziehen.

Mit Kindern konnte er schon immer gut, sagt Holger Jahn. Mit Tim und Tom ist er in vielen Krabbelgruppen gewesen. Zunächst hat er sich überlegt, auch eine aufzumachen. Doch dann stand für ihn fest: „Ich werde Tages-Mami“. Und er absolviert in kurzer Zeit die notwendige Qualifikation. Ganz allein unter Frauen sei er nicht, er kenne mittlerweile einige Tagesväter in Düsseldorf. Und bei der Betreuung hat er auch weibliche Hilfe, Erzieherin Birgit, die selbst zwei Kinder hat, kommt an drei Tagen die Woche vormittags vorbei.

Als Holger Jahn sich für die Tagespflege entscheidet, mehren sich Berichte über Missbrauchsvorfälle in verschiedenen Einrichtungen wie in der Odenwaldschule. Da habe er sich schon gefragt, ob Eltern ihr Kind einem Mann anvertrauen würden. Heute muss Holger Jahn längst eine Warteliste führen. Und er ist überdies zusammen mit einem karitativen Träger noch der Betreiber zweier Großtagespflegen, so heißen Einrichtungen, in der bis zu neun Kinder von zwei Erzieherinnen oder auch mehr betreut werden. Und noch ein Vorurteil möchte Jahn ausräumen, nämlich jenes, dass die Tagespflege den Kindern nicht guttue. Das Gegenteil sei der Fall. „Sie lernen schnell und voneinander, und die Kleinsten lernen am schnellsten.“

So ab halb vier wird es wieder ruhig in den hohen Räumen in Oberkassel. Holger Jahn packt Lego und anderes zusammen, säubert, was schmutzig geworden ist. Bereut hat er seine Entscheidung nie. Nur eines ärgert ihn. Die Tagespflege werde finanziell stiefmütterlich behandelt, sei abgekoppelt von der automatischen Erhöhung von Zuweisungen, die Kitas erhielten. Da bestehe noch Handlungsbedarf. Ansonsten freue er sich immer auf den nächsten Tag.

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