Etikette ist wieder in: „Höfliche Menschen sind gelassen“

Etikette ist wieder in: „Höfliche Menschen sind gelassen“

Etikette ist wieder in, auch bei der Jugend. Wir sprachen mit dem Düsseldorfer Moritz Freiherr Knigge, einem Nachfahren des Verfechters guter Manieren, wie man bei Galas, Bällen, aber auch im Alltag eine möglichst gute Figur macht.

Sie sind Freiherr, also Baron, wie redet man Sie richtig an?

Knigge Gemäß der klassischen Konvention als Baron Knigge. Laut deutschem Namensrecht ist der Adelstitel Teil des Namens, also Herr Freiherr Knigge. Es ist aber nicht wert, eine Kommunikation gleich zu Beginn zu stören, indem man auf eine bestimmte Anrede besteht. Und es gibt Menschen, die sich durch Adelstitel verunsichern lassen. Reden Sie mich also so an, wie Sie sich am wohlsten fühlen. So lange das Wort Knigge vorkommt, fühle ich mich angesprochen.

Ist Gelassenheit der erste Schritt zu guten Manieren?

Knigge Für mich ist Gelassenheit eine wichtige Säule der Höflichkeit. Menschen, die nicht gelassen sind, sind in der Regel auch nicht höflich. Der höfliche Mensch hat immer ein bisschen Zeit für die anderen — um die Tür aufzuhalten, in den Mantel zu helfen, den Brotkorb weiterzureichen, Wasser nachzuschenken. Diese Sekunde, die man dem Gegenüber zukommen lässt, ist das, was Höflichkeit ausmacht.

Ist Lügen aus Höflichkeit erlaubt?

Knigge Es gibt ein schönes Zitat: "Lüge nie, aber lerne die Kunst der Wahrheit." Die Frage ist, was Wahrheit ist und was Lüge. Es wird propagiert, man müsse ehrlich sein. Damit werden aber oft Gefühle verletzt. Ich finde, dass man Menschen nicht die persönliche Wahrheit ins Gesicht schleudern muss. Vor allen nicht, wenn es um Geschmack geht, also etwa die Art sich zu kleiden.

Düsseldorf ist diese Woche Schauplatz einer großen Gala, der Bambi-Verleihung. Wir befinden uns mitten in der Ballsaison. Worauf sollte man an solchen Abenden achten, um einen guten Eindruck zu hinterlassen?

Knigge Man sollte wissen, dass Kommunikation nicht erst anfängt, wenn man den Mund aufmacht. Die Kleidung, das Auftreten, ein Blick, die Begrüßung — all das ist Kommunikation und wird von anderen Menschen gewertet. Man sollte also freundlich sein, und zwar nicht nur zum Promi XY, sondern auch zum Kellner, zur Garderobiere, zum Taxifahrer. Wenn man jemanden begrüßt, sollte man ihn auch angucken. Und wenn jemand eine Rede hält, sollte man ruhig sein und sich nicht unterhalten — auch wenn es vielleicht langweilig ist.

Wie wichtig ist denn Kleidung?

Knigge Wenn man falsch angezogen ist, egal in welche Richtung, fühlt man sich unwohl. Schon um sich selbst einen Gefallen zu tun, sollte man bei solchen Veranstaltungen nachfragen, welche Kleidung angemessen ist. Die Dresscodes auf Einladungen versteht nicht jeder.

Ein Beispiel: Jemand trifft auf so einer Veranstaltung seinen Chef nebst Gattin. Wen begrüßt man zuerst?

Knigge Laut klassischer Etikette die Gattin, laut Business-Etikette den Chef. Ich würde denjenigen, der näher dran steht, zuerst begrüßen.

Und wer stellt wen wem vor?

Knigge Das wird meiner Ansicht nach zu hoch gehängt. Viele sind dadurch verunsichert und machen lieber gar nichts. Das ist aber das Falscheste. Ich glaube, wenn jemand zu einer Runde stößt und freundlich grüßt, wird es das Gegenüber auch tun. Man kann aber auch seine Unsicherheit verbalisieren und offen sagen, dass man die Regeln gar nicht kennt. Das entspannt die Situation.

Was ist der Unterschied zwischen klassischer und Business-Etikette?

Knigge Die klassische Etikette orientiert sich noch am traditionellen Rollenverständnis: Die Dame immer zuerst. Beim Business-Benimm sind Hierarchien das Kriterium. Was es aber auch schwieriger macht. In einem Raum voll unbekannter Menschen lassen sich Hierarchien nur schwer zuordnen.

Was ist das größte Missverständnis beim Thema Benimm?

Knigge Ich finde es Humbug, dass man nicht mehr Gesundheit wünschen soll, wenn jemand niest. Das zeigt doch Aufmerksamkeit und ist generell etwas Nettes. Natürlich nicht, wenn ein Kollege wegen einer Allergie 50-mal niest. Ähnlich ist es mit der Regel, dass Junge für Alte aufstehen sollen. Es gibt junggebliebene Alte, die sich dadurch beleidigt fühlen könnten. Wenn sie gelassen sind, würden sie allerdings einfach dankend ablehnen statt beleidigt zu sein. All das ist eben immer eine Abwägungssache.

Düsseldorf ist nicht nur Stadt des Lackschuh-Karnevals, sondern auch der Mode und des Business. Verlangt das besondere Manieren?

Knigge Es gibt kein spezifisches Düsseldorf-Benehmen, sondern nur eins, mit dem man in der globalisierten Welt zurecht kommt. Das heißt, aufmerksam sein, sich nicht auf Erfolg ausruhen, sondern gerade dann noch einen Tick freundlicher sein. Viele besonders Erfolgreiche denken, sie hätten es nicht mehr nötig. Das Gegenteil ist der Fall: Je höher man steigt, desto mehr wird schlechtes Benehmen registriert.

Eine weitere Spezialität Düsseldorfs ist die starke japanische Gemeinde. Sollte man sich landestypische Manieren aneignen?

Knigge Ich übersetze Etikette mit Kulturtechnik. Wenn ich also weiß, dass ich etwa beruflich oft auf Japaner treffe, kann es nicht schaden, mir bestimmte Sitten anzueignen. Damit signalisiert man, dass man die andere Kultur respektiert. Das wird sehr positiv auffallen.

Verpflichtet Adel bei guten Manieren?

Knigge Sicherlich. Insbesondere bei mir, mit meinem prominenten Vorfahr schauen die Leute besonders drauf. Wobei Freiherr Adolph Knigge fälschlicherweise als Benimm-Papst angesehen wird. Dabei ging es auch ihm vor allem um Kommunikation und den zwischenmenschlichen Umgang.

Benehmen Sie sich auch daneben?

Knigge Natürlich. Ich neige dazu, mich relativ schnell irgendwohin zu flätzen. Und mir passiert immer wieder, dass ich mit vollem Mund rede. Dabei halte ich diese Regel für besonders wichtig, weil das zum einen wirklich unangenehm werden kann und einem das Aufkauen auch die Zeit gibt, darüber nachzudenken, was man sagen will.

Denisa Richters führte das Interview

(RP)
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