Hillsong Church in Düsseldorf: Zu Besuch im Gottesdienst der Freikirche

Hillsong Church in Düsseldorf: Party mit Jesus

Christliche Popsongs: Ein Besuch bei der Hillsong-Gemeinde in Düsseldorf

Im "Theater der Träume" in Heerdt treffen sich jeden Sonntag hunderte junge Menschen, um gemeinsam Jesus zu feiern. Die Freikirche Hillsong Düsseldorf wird immer beliebter. Doch in der modernen Verpackung stecken konservative Inhalte.

Sein Leib ist ein Fladenbrot, sein Blut ist Traubensaft im Plastik-Pinnchen. Und er liebt kompromisslos. Das singt die Band, die auf der schwarzen Bühne steht, inmitten einer Neonröhren-Lichtshow. Zwei E-Gitarren, ein Keyboard, ein Schlagzeug, drei Sänger, mitreißende Pop-Töne. Und vierhundert junge Menschen im Publikum. Jesus, du liebst mich, alles das was ich brauch', ist in dir, dir, dir. Sie reißen die Arme nach oben, springen, tanzen, singen. Sie sind gekommen, um Jesus zu feiern.

Pastor Freimut Haverkamp trägt eine ausgewaschene Jeansjacke über dem Kapuzenpulli, Tattoos auf den Unterarmen und eine beigefarbene Kappe. Die Bibelverse zum Abendmahl liest er von seinem Smartphone ab. Dann ermutigt er seine Church zu beten, frei, jeder für sich. Was auf dem Herzen liegt, darf ausgesprochen werden. Stimmenwirrwarr, einige schließen die Augen, halten eine Hand aufs Herz oder in den Himmel, dazu rhythmische Sounds der Bassgitarre.

Haverkamp ist der "Lead Pastor Germany". Er ist 38 Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder. Er ist der deutsche Pionier der Hillsong-Kirche. Vor zwölf Jahren hat er die Freikirche nach Konstanz gebracht. Ihren Ursprung hat die Kirche 1983 in Australien.

In insgesamt 19 Ländern gibt es Gemeinden. Auch Prominente sind angetan - Justin Bieber, zum Beispiel, gibt an, durch Hillsong zu Gott gefunden zu haben. In Deutschland gibt es drei Standorte: Konstanz, München und seit 2012 Düsseldorf. Nach eigenen Angaben besuchen rund 100.000 Menschen weltweit jede Woche Hillsong-Gottesdienste. In Düsseldorf kommen sonntags insgesamt rund 800 Menschen zu den Gottesdiensten um 11 und 17 Uhr.

Haverkamps Gesicht ist auf einer Großleinwand zu sehen. Er spricht von einem Gott, der liebt, der zur Seite steht, wenn nichts so läuft, wie es laufen soll. Haverkamp kann sein Publikum mit Worten umarmen. Dabei spricht er so schnell, als sprudele diese frohe Botschaft vor lauter Begeisterung und Zuversicht aus ihm heraus.

Hunderte junge Menschen, die ihren Glauben aktiv leben - das Konzept Hillsong kommt an. Was sie anzieht, ist leicht zu verstehen. 90 Minuten dauert der Gottesdienst, keine davon ist langweilig. Schon beim Reinkommen wird jeder Besucher begrüßt. "Willkommen, schön, dass du da bist." High Five. Hier bleibt niemand anonym. Latte Macchiato vom Barista gibt es zum Warmwerden in einem Zelt neben dem Theater. Daneben eine stylische Sitzecke, einen Verkaufsstand mit christlichen Büchern, Postkarten.

Alles ist dynamisch, freundlich, jung. Diese Kirche passt zum Leben ihrer Besucher: Die christliche Pop-Musik geht ins Ohr und ins Herz. Die Predigt gibt's im Anschluss als Podcast, Fotos vom Gottesdienst auf Instagram: Bilder von jungen, strahlenden Christen.

Viele andere Gemeinden können von dieser Anziehungskraft für junge Menschen nur träumen. "Neue Freikirchen wie Hillsong gehören zum bunten Bild des Christentums dazu. Wenn man sich deren Zuspruch anschaut, muss man sagen, dass uns diese Gemeinden etwas voraus haben", sagt Andrew Schäfer vom Landespfarramt für Weltanschauungsfragen der evangelischen Kirche im Rheinland. "Sie werfen 2000 Jahre Tradition und Liturgie zumindest zum Teil einfach ab, sind anscheinend näher am Puls der Zeit, und das kommt bei jungen Menschen an."

Durch eine Art christliche Spiritualität werde das Erlebnisbedürfnis der Besucher gestillt. Die Hillsong Church Germany gehört dem Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) an. Die Zahl dieser Gemeinden wächst: Insgesamt 820 Gemeinden gehörten 2017 dem Bund an. Zum Vergleich: 2007 waren es 603 Gemeinden. Laut BFP gab es alleine in diesem Jahr 98 Gemeindeneugründungen.

Die Predigt kommt an diesem Tag von Joanna Haverkamp, als "bestlooking preacher in the world" ruft sie ihr Mann auf die Bühne. Applaus, ein Kuss. "Falls ihr es nicht wisst: Wir sind verheiratet. Freimut küsst nicht alle Prediger", sagt sie auf Englisch und lacht. Schwarze Lederjacke, dunkle Haare, strahlendes Lächeln. Das Thema ist Freude. Die Freude in der Bibel sei so mächtig, sagt sie. Wer Jesus folgt, wer seinen Fokus auf Gott legt, wird Freude erfahren, sagt sie.

Der rhythmische Bass wird lauter, das Keyboard setzt ein. Joanna Haverkamp steht im Scheinwerferlicht, sie hält das Mikro gekonnt in der Hand. Sie schließt die Augen, sie singt. "In my fathers house, there's a place for me. I'm a child of god, yes I am." Die Pastorin könnte auch ein Popstar sein.

Kein Sex vor der Ehe

Das Ehepaar hat sich am Hillsong-College in Sydney kennengelernt, wo beide Theologie studiert haben. Die Engländerin ging mit ihm zurück nach Konstanz. Für den gemeinsamen Traum, in Deutschland eine Gemeinde aufzubauen. Hier haben sie auch als Paar Vorbildfunktion. Glücklicher, so scheint es, kann eine Ehe kaum sein. Und zu diesem Glück trägt laut Haverkamp auch eines bei: jungfräulich in die Ehe zu gehen. "Ich finde, Sex ist was Geniales, aber ich glaube, Gott hat da einen sicheren Rahmen für geschaffen, und das ist die Ehe", sagt er. Der Pastor ermutigt die jungen Besucher, sich ruhig auch mal nach dem Gottesdienst umzugucken: "Es sind sehr viele gut aussehende Singles in diesem Raum", ruft er und lacht.

Diese Haltung betrachtet der evangelische Landespfarrer Andrew Schäfer kritisch: "Hillsong verbindet eine sehr moderne Aufmachung mit einer eher konservativen und rigiden Moral und einer fundamentalistischen Weltsicht", sagt er. "Homosexualität wird in vielen neuen Freikirchen als Sünde oder sogar als dämonisch angesehen. Sex vor der Ehe wird meist abgelehnt."

In der Rheinischen Kirche sei das anders: "Sexualität gehört als gute Gabe Gottes zur Ganzheitlichkeit des Menschen. Wir halten es für wichtig, die eigene Sexualität kennenzulernen und diese verantwortungsbewusst zu leben." Offiziell heißt es von Hillsong, schwule oder lesbische Menschen seien in der Kirche willkommen. Grundsätzlich werde ein homosexueller Lebensstil jedoch nicht befürwortet.

Hillsong sammelt Spenden

Wer Teil der Hillsong-Gemeinde werden möchte, kann einfach vorbeikommen. Beim Gottesdienst. Bei Gruppentreffen unter der Woche. "Komm so wie du bist", heißt das Motto. Kirche soll Gemeinschaft sein, Halt bieten, dabei helfen, eine persönliche Beziehung zu Gott aufzubauen, sagt Haverkamp. Die 21-jährige Skye kommt genau dafür jeden Sonntag in die Kirche: "Es ist eine unvergleichliche Atmosphäre", findet sie. Gottes Gegenwart sei hier spürbar. Robert (22) hat seine engsten Freunde bei Hillsong kennengelernt. "Es ist toll, wenn man seinen Glauben hier lebendig leben kann", sagt er.

Wer sich dazu entschließt, sein Leben mit Jesus zu gehen, kann sich in der Hillsong-Kirche taufen lassen. Auch zum zweiten Mal. Glaubenstaufe heißt das. Die bewusste, eigene Entscheidung für den Glauben. Und wer Teil der Kirche werden möchte, der sollte auch bereit sein, etwas zurückzugeben. Hillsong glaubt an das Prinzip des biblischen zehnten Teils: Zehn Prozent des Einkommens sollen an die Kirche gegeben werden. Die Umschläge für das Geld liegen auf jedem Platz im Theater der Träume. Wer es digital mag, kann aber auch online oder per App spenden.

"Habt 'ne hammer Woche", wünscht Freimut Haverkamp zum Abschied. Noch einmal spielt die Band ein ruhigeres Lied. I am chosen, not forsaken, I am who you say I am. Die schwarzen Silhouetten vieler Hände ragen in die Luft, gen Himmel. Suchend. Hallo? Gott? Vielleicht haben sie gefunden.

(tak)