Düsseldorf: Hilfe gegen Tabu-Krankheit Inkontinenz

Düsseldorf : Hilfe gegen Tabu-Krankheit Inkontinenz

Am Florence-Nightingale-Krankenhaus ist das NRW-weit einzige zertifizierte interdisziplinäre Zentrum für Patientinnen mit Kontinenz- und Beckenbodenerkrankungen untergebracht. Bundesweit gibt es nur elf Anlaufstellen dieser Art.

Gabriele Pilawa erinnert sich nicht gerne an die Zeit zurück, als sie oft ungewollt Urin verlor, weil sie ihre Blase nicht kontrollieren konnte, und deswegen ohne Binden das Haus nicht verlassen konnte. "Das war eine schwierige, belastende Zeit", sagt die 51-Jährige. Über ihre Inkontinenz zu sprechen, sei ihr lange Zeit schwer gefallen.

Doch seit Kurzem hat Pilawa ihr altes, unbeschwertes Leben zurück: Ärzte des Florence-Nightingale-Krankenhauses haben ein Kunststoff-Netz unter ihre Harnröhre, die sich nicht richtig schließen ließ, implantiert. Wenn Pilawa jetzt hustet, lacht, Sport treibt oder in einer Stresssituation ist, verliert sie keinen Tropfen Urin mehr.

Am Kaiserswerther Krankenhaus ist das landesweit einzige Kontinenz- und Beckenbodenzentrum untergebracht, das vom internationalen Zertifizierungsinstitut Clacert für seine fachübergreifende und überdurchschnittliche Kompetenz bei der Behandlung von Harn- und Stuhlinkontinenz- sowie Beckenboden-Erkrankungen ausgezeichnet worden ist. "Bei der Diagnostik und Therapie arbeiten wir fachübergreifend mit Gynäkologen, Urologen und Chirurgen zusammen.

Auch eine Physiotherapeutin, die auf die Behandlung von Beckenbodenschwäche spezialisiert ist und die Patientinnen regelmäßig berät, gehört zum Team", sagt Chefarzt Björn Lampe. Für Patientinnen mit hochkomplexen Krankheitsbildern gibt es eine Sprechstunde mit einem externen Experten. "In einer Spezialsprechstunde mit Jacek Kociszewski, Chefarzt der gynäkologischen Abteilung am Evangelischen Krankenhaus Hagen-Haspe, der als einer der landesweit anerkannten Spezialisten auf diesem Gebiet gilt, können besonders schwierige Fälle besprochen werden", sagt Lampe.

320 Frauen haben sich im vergangenen Jahr an die Kaiserswerther Experten gewandt. "Und viele von ihnen hatten einen langen Leidensweg hinter sich, haben lange gezögert, bis sie sich einem Arzt anvertrauten. Dabei hat die Medizin inzwischen viele Behandlungsmöglichkeiten - vom Beckenbodentraining über sogenannte Pessare aus Hartgummi, die in die Scheide eingeführt werden und dort die Senkung der Gebärmutter abfangen, bis zum operativen Eingriff", sagt Oberärztin Anca Dizdar.

Die Ursachen für Beckenboden- und Inkontinenz-Erkrankungen sind unterschiedlich. Oft setzen Schwangerschaften, Geburten und die hormonelle Umstellung in den Wechseljahren dem Muskelkorsett, das den Schließmuskel der Blase unterstützt, zu: Der Schließmechanismus der Harnröhre funktioniert dann nicht mehr, und es kommt zum unkontrollierten Harndrang.

Viele Patientinnen sind in der Regel 50 Jahre alt oder älter. Doch auch jüngere Patientinnen haben Probleme mit der Tabu-Krankheit Inkontinenz. So zum Beispiel Annegret Strepp. "Ich war gerade Mitte 40, und nach meiner Entfernung der Gebärmutter verschlimmerten sich meine Inkontinenz-Probleme", sagt die 55-Jährige. Doch lange habe sie ihre Erkrankung nicht wahrhaben wollen. "Inkontinenz - das ist doch ein Problem alter Frauen", sagt Strepp. So ging sie lange Zeit auf ihre Art mit dem Problem um. "Ich zog mich immer mehr zurück, weil es mir sehr unangenehm war, unkontrolliert Urin zu verlieren. Ich machte keinen Sport, stellte meine sozialen Kontakte immer weiter ein, wurde immer dicker und vor allem unglücklicher", sagt die 55-Jährige.

Als sie sich dann einem Arzt anvertraute, dauerte es nicht lange, bis es ihr besser ging: "Die Ärzte gingen sensibel auf meine Sorgen und Ängste ein, und wir entschieden uns für einen operativen Eingriff, bei dem ich ein Kunststoff-Band eingesetzt bekam." Nach dem rund 20-minütigen Eingriff mit lokaler Betäubung sei es ihr schnell besser gegangen. Inzwischen treibt sie wieder Sport, trifft sich sorglos mit Freunden und Bekannten. "Es waren ein paar Minuten Operation, doch sie haben mein Leben verändert", sagt Annegret Strepp.

(RP)