Relikte des Zweiten Weltkriegs: Hightech für Bomben-Experten

Relikte des Zweiten Weltkriegs : Hightech für Bomben-Experten

Immer noch werden jährlich Hunderte schwerer Geschosse aus dem Zweiten Weltkrieg im Boden gefunden. Der Kampfmittelräumdienst zeigte gestern in Düsseldorf, wie Fachleute die Bomben entschärfen.

Düsseldorf Sprengmeister Wolfgang Schiefers legt seine Hand auf die GP 500, eine typische Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Briten hatten sie über Deutschland abgeworfen. Die GP 500 ist einer von immer noch vielen Blindgängern in NRW. Im vergangenen Jahr haben die beiden Leitstellen des Kampfmittelräumdienstes in Düsseldorf und Arnsberg allein 155 schwere Bomben über 50 Kilogramm gefunden und entfernt — mit alten Luftaufnahmen und Hightech.

Gestern besuchte NRW-Innenminister Ingo Wolf die neue Zentrale im Norden der Landeshauptstadt, in der der Kampfmittelräumdienst seit Mai residiert. Der Innenminister ließ sich die neuesten Methoden zum Auffinden von Blindgängern und zur Entschärfung erklären. Und Schiefers, Truppführer beim Kampfmittelräumdienst in Düsseldorf, stellte ein neues Fernentschärfungsgerät vor: Mit "Knabo" können er und seine Kollegen britische und amerikanische Geschosse sicher zerstören. "Knabo" ist ein Kurzwort, gebildet aus den Namen seiner Erfinder. "Bomben müssen wir vor Ort entschärfen", erklärt Truppführer Schiefers: "Ein Transport wäre zu gefährlich."

Dazu nutzen die Experten Entschärfungsgeräte wie Knabo: Sie lösen die Bombenbuchse aus dem Geschoss. Diese enthält den Sprengstoff sowie den Zünder und könnte während eines Transports in die Luft gehen. Knabo hat — im Gegensatz zu seinen Vorgängern — einen Elektromotor und dreht die Buchse heraus. Für die Kampfmittelräumer bedeutet die neue Fernentschärfung ein Mehr an Sicherheit: Denn per Hand entschärfen sie die Bomben nur noch in Ausnahmesituationen — trotzdem bleibt es ein gefährlicher Job.

Der Entschärfung selbst gehen einige Arbeitsschritte voraus: Dazu gehört die Auswertung von Luftbildern aus dem Zweiten Weltkrieg, die Messung des Erdmagnetfelds und schließlich kontrollierte Detonation und Räumung der Bombe.

Wolf lobte den Einsatz der Bombenexperten, wies aber zugleich auch auf die zahlreichen Bomben im Boden hin, die noch entschärft werden müssen: "Ein Ende dieser Aufgabe ist noch nicht in Sicht." Allein im vergangenen Jahr investierte die Landesregierung 14 Millionen Euro in die Beseitigung von Blindgängern, die Fachleute des Räumdienstes entschäften 1589 Bomben aller Art, 116 550 Granaten und 86 Minen — allein in NRW.

Daher werden vor anstehenden Baumaßnahmen die Experten des Räumdienstes zu Rate gezogen. Sie überprüfen systematisch den Untergrund. Dazu digitalisieren die Mitarbeiter derzeit Tausende von Aufklärungsfotos der Alliierten und werten sie dreidimensional aus. Die Bilder zeigen etwa Größe und Lage von Eisenkörpern im Bereich des Neusser Hafens. Außerdem lassen materielle Strukturen erkennen, wo schon einmal eine Sprengung stattgefunden hat — wie bei der wiedererrichteten Oberkasseler Brücke.

Wo Gefahr droht, untersuchen die Bomben-Entschärfer mit so genannten Magnetometern das Magnetfeld der Erde. Störungen weisen auf Eisenteile hin, nach denen sie dann gezielt bohren können. "Je nach Lage des Bombenkörpers müssen wir dann entscheiden, mit welchen Methoden wir die Bombe entschärfen", erklärt Schiefers. Seinen Leuten sei zum Glück noch nie etwas passiert. Unfälle lassen sich allerdings nie ganz ausschließen: Anfang Juni war in einem Munitionszerlegebetrieb in Hünxe ein 49-Jähriger aus Neukirchen-Vluyn ums Leben gekommen, als eine russische Handgranate aus den 70er Jahren explodierte. In dem Betrieb werden transportable Sprengsätze entschärft und vernichtet.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Bombe am Düsseldorfer Flughafen entschärft

(RP)
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