Düsseldorf: Herr Katz besucht sich im Museum

Düsseldorf: Herr Katz besucht sich im Museum

Als Kind wurde Tom Katz aus Düsseldorf vertrieben. Seine Geschichte wird in der neuen Schau in der Mahn- und Gedenkstätte erzählt.

Als Tom Katz die Bühne im Plenarsaal des Rathauses betritt, erinnert er an den 14. Mai 1940. "Damals war das große Bombardement von Rotterdam", sagt er. Und seine Ehefrau, die er damals noch nicht kannte, sei genau an diesem Tag in die USA geflohen, aus Angst vor den Nazis. Auch Tom Katz ist geflohen, und zwar von Düsseldorf quer durch die Niederlande. Nur knapp konnten er und seine jüdische Familie dabei dem Völkermord des Nazi-Regimes entkommen. 75 Jahre später ist er in seiner alten Heimatstadt Ehrengast. Der Grund: Tom Katz und seine Geschichte sind Teil der Dauerausstellung "Düsseldorfer Kinder und Jugendliche im Nationalsozialismus" in der neu gestalteten Mahn- und Gedenkstätte.

Als eine der ersten bekommen Tom Katz und seine Frau Mathilde deshalb nach dem Festakt im Rathaus am vergangenen Donnerstag die Möglichkeit, sich gemeinsam mit Vertretern aus Politik und Gesellschaft die neue Ausstellung anzuschauen. Sofort fällt ihr Blick auf ihr eigenes Hochzeitsfoto. "Mir war gar nicht klar, dass es Teil der Ausstellung ist", sagt Tom Katz. Die anderen Bilder erzählen die Geschichte einer viel zu kurzen Kindheit: 1929 wird Tom Katz als Sohn jüdischer Eltern in Düsseldorf geboren und wächst an der Grunerstraße in Düsseltal auf. Er geht zur Schule, spielt mit seinen Freunden, verkleidet sich an Karneval als Feuerwehrmann. Mit der Machtergreifung Hitlers wird es für die Familie immer gefährlicher in Deutschland. Im März 1938 flieht sie deshalb in die Niederlande. Doch auch dort muss sie bald vor den Nazis Schutz suchen, eine Irrfahrt beginnt, die erst 1945 endet, nachdem sich die Familie an 18 Orten versteckt hatte. Dass sie dabei die ganze Zeit auf der Flucht vor dem Tod waren, versteht Tom Katz erst, als er älter wird. "Als wir Düsseldorf verließen, war ich ja erst acht Jahre alt. Zum Glück haben meine Eltern den Ernst der Lage so früh erkannt. Das hat uns gerettet", sagt er. Katz findet, er hat noch Glück gehabt: "Immerhin sind wir nicht im Konzentrationslager gelandet. Anderen ist es damals sehr viel schlimmer ergangen."

Karneval in Düsseldorf - ein Muss für Tom Katz (hier links als Feuerwehrmann verkleidet), bevor er fliehen muss. Foto: ""
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Diese Kindheit auf der Flucht habe ihn geprägt. "Vielleicht sogar mehr, als mir selbst bewusst ist." Ganz sicher hätte der Holocaust sein Bewusstsein dafür geschärft, wie wichtig Erinnerungsarbeit ist. "Jedes Land hat schlimme Taten begangen, und jedes Land hat die Pflicht, daran zu erinnern", sagt Katz. Für ihn war es deshalb selbstverständlich, seine Geschichte, seine Bilder, seine Erinnerungen für die Mahn- und Gedenkstätte zur Verfügung zu stellen. Tom Katz steht dabei stellvertretend für viele Düsseldorfer Kinder und Jugendliche und für ihr Schicksal in den Jahren zwischen 1933 und 1945. Und sein Lebensweg ist einer von vielen, die in der neuen Ausstellung der Mahn- und Gedenkstätte gezeichnet werden. Erreichen sollen diese Geschichten vor allem Kinder und Jugendliche sowie junge Erwachsene, jene Generationen, die in absehbarer Zukunft keinen Zeitzeugen wie Tom Katz mehr begegnen werden.

Dass er deshalb stolz sein kann, Teil der Ausstellung zu sein und quasi sich selbst im Museum besuchen zu können, daran erinnert ihn seine Frau Mathilde. Sie hat Tom Katz nach dem Krieg kennengelernt, noch heute leben beide in den Niederlanden. Ihre ähnlichen Lebensläufe haben sie miteinander verbunden, davon sind beide überzeugt. "Wir sind beide Überlebende und haben beide einen ganz ähnlichen Blick auf die Dinge", sagt Tom Katz. Zum Beispiel, dass es sich immer lohne, mit Zuversicht in die Zukunft zu schauen, sich niemals unterkriegen zu lassen. "Das ist ganz wichtig, man darf nicht nur in der Vergangenheit leben. Man darf sie aber auch niemals vergessen", sagt Tom Katz.

1959 heiraten Tom und Mathilde in den Niederlanden. Dort leben sie noch heute. Foto: Sammlung Mahn- und gedenkstätte
(lai)