Helge Achenbach: Ein Jahr weniger als die Staatsanwältin gefordert hatte

Urteil im Prozess gegen Kunstberater Achenbach : "Ein Geschäftsfeld, das er nicht beherrschte"

Die wohl wichtigste Verhandlung seines Lebens hat der Düsseldorfer Kunstberater Helge Achenbach am Montag verloren. Sechs Jahre soll er ins Gefängnis, eins weniger als die Staatsanwältin gefordert hatte, zu mehr Milde war die große Strafkammer nicht bereit.

Bleich und in sich gekehrt nahm Helge Achenbach das Urteil zur Kenntnis. Ab und an ein Kopfschütteln, das mehr ihm und seinen eigenen Gedanken zu gelten schien als den Worten des Richters — mehr Reaktion kam von ihm nicht.

Die Frau, die ihn auf die Anklagebank gebracht hatte, sah davon nichts. Babette Albrecht war der Verhandlung seit ihrer Zeugenaussage im Januar ferngeblieben. Über ihren Anwalt ließ sie am Montagmittag unserer Redaktion ausrichten, sie begrüße das Urteil. Es verschaffe ihr und ihren Kindern "Genugtuung für das ihrem Ehemann und Vater zugefügte Unrecht". Und es zeige, dass auch auf dem Kunstmarkt "keine Betrügereien zulässig sind". Damit habe das Urteil auch eine generalpräventive Wirkung.

"Der Vertrauensbruch war groß"

In der mündlichen Urteilsbegründung hatte der Vorsitzende der Großen Strafkammer am Essener Landgericht zuvor erklärt, das Gericht habe "keinerlei Hinweise auf einen persönlichen Rachefeldzug" der Witwe des Aldi-Erben Berthold Albrecht gegen dessen einstigen Kunstberater.

Strafschärfend hatte die Kammer Achenbach zuvor vorgehalten, dass er mit Albrecht befreundet war. "Diese Taten richteten sich nicht gegen ein x-beliebiges Opfer. Sie haben das Vertrauen eines sehr zurückgezogen lebenden Mannes gewonnen und ihn dann hintergangen", sagte Richter Johannes Hidding.

Dies wiege umso schwerer, als es auch dann noch fortgesetzt worden sei, als Albrecht bereits schwer krank war. Mit dem rheinland-pfälzischen Pharma-Unternehmer Christian Boehringer sei Achenbach - "wenn auch nicht in diesem Ausmaß" — ähnlich vorgegangen. "Der Vertrauensbruch war groß."

Hatten selbst Belastungszeugen in den vergangenen Monaten noch viele freundliche Worte für Helge Achenbach gefunden, hörte der Angeklagte, der mit einem Kugelschreiber vor sich hin malte, gestern vor allem sehr deutliche Kritik. Sich durch hohe Peisaufschläge "schadlos zu halten, gehörte zu seinem üblichen Geschäftsgebaren", sagt Hidding etwa, und auch, dass es nicht der Persönlichkeit Achenbachs entspreche, ängstlich zu sein, etwa wegen der möglichen Aufdeckung seiner Machenschaften.

Nicht um Ausgleich bemüht, kritisiert Gericht

Geradezu empört nahm der Richter zur Rolle des früheren Direktors der Bielefelder Kunsthalle, Thomas Kellein, Stellung, der als freier Mitarbeiter von Achenbach in die Kunstberatung der Berenberg Bank geholt worden war. Es sei "schon erstaunlich", wie der "weltweit angesehene Kunsthistoriker" erst in die Sache "hineingezogen" worden sei — und wie die Verteidiger Achenbachs dann im Prozess immer wieder moniert hätten, dass Kellein nicht auch auf der Anklagebank sitze.

Thomas Kellein hatte im Sommer 2013 die Bank über Unregelmäßigkeiten bei den Kunstgeschäften mit Boehringer informiert. die wiederum später Babette Albrecht unterrichtete. Von den Summen, um die Boehringer betrogen worden war (insgesamt 1,2 Millionen Euro) hatte Kellein Anteile bekommen, die er nach der Aufdeckung des Betrugs zurückzahlte. Eine Mittäterschaft Kelleins habe die Kammer jedoch nicht feststellen können. Die Behauptungen des Kunstexperten, er habe von den ursprünglichen Vereinbarungen nichts gewusst, sei nicht zu widerlegen.

Auch der Berenberg Bank habe Achenbach nicht nur einen schweren Imageschaden zugefügt, sagte der Vorsitzende. Er habe auch ein Tochterunternehmen des Geldhauses "völlig versenkt". Und die Mitarbeiter seiner eigenen Unternehmen, die durch die Insolvenz ihre Arbeitsplätze verloren, "haben für immer den Makel in ihrer Biografie, für ein Betrugsunternehmen gearbeitet zu haben".

Während Christian Boehringers Schaden gleich nach der Aufdeckung wiedergutgemacht worden war, habe sich Achenbach gegenüber der Familie des verstorbenen Berthold Albrecht um einen Ausgleich nicht bemüht, kritisierte das Gericht weiter. Erst bei Prozessbeginn hatte Achenbach die Familie des Verstorbenen um Verzeihung gebeten.

"Den Kunstberater Helge Achenbach wird es nicht mehr geben"

Die Kammer hat sich offensichtlich nicht von Achenbachs bisweilen tränenerstickten Aussagen beeindrucken lassen. Bis zum Schluss hatte der 62-Jährige daran festgehalten, dass die Idee seines "Monkey's", die drei Restaurants, die er in der Düsseldorfer Innenstadt als Zentrum seiner Geschäfte eröffnet hatte, "zumindest als Idee funktioniert" habe. Nur wirtschaftlich sei es nicht gut gelaufen, zehn Millionen Euro habe "Monkey's" verschlungen.

Viele seiner Handlungen und Entscheidungen hat Achenbach in der seit zehn Monaten andauernden Untersuchungshaft überdacht, einige als Fehler und "Sündenfall" erkannt. Nur den Traum vom "Fine Art Dining", der Vereinigung von Kunst, Oldtimern und Gastronomie auf seiner persönlichen Bühne - den hat er nicht aufgeben wollen. "Das müssten Sie sich einmal anschauen", hat er dem Richter noch empfohlen, womöglich nicht wahrhaben wollend, dass der Insolvenzverwalter in Düsseldorf gerade erleichtert einen Nachfolger für die Räume präsentiert hatte.

Auch ohne "Monkey's Plaza" je gesehen zu haben, war für die Essener Richter nach der Beweisaufnahme klar, dass dort Achenbachs Motiv zu suchen ist. "Er hatte sich auf ein Geschäftsfeld begeben, das er augenscheinlich nicht beherrschte", formulierte der Vorsitzende trocken. Die "hochdefizitären" Restaurants hätten einen "enormen Geldbedarf" gehabt. Etliche Querfinanzierungen innerhalb der Achenbach-Firmen waren im Verlauf der Beweisaufnahme bekannt geworden. Längst nicht allen hat der Insolvenzverwalter bereits nachspüren können.

"Den Kunstberater Helge Achenbach wird es nicht mehr geben", hatte der Angeklagte vorige Woche in seinem Schlusswort gesagt. Die Branche hat nicht nur den Verlust ihres einstigen Darlings zu verkraften. Sie hat vor allem Schaden genommen durch Achenbachs kriminelle Handlungen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Helge Achenbach am Tag des Urteils

(kowa)
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