Museum Kunstpalast in Düsseldorf: Gurskys Bilder sind für die Ewigkeit

Museum Kunstpalast in Düsseldorf : Gurskys Bilder sind für die Ewigkeit

Nach der erfolgreichen El-Greco-Ausstellung zeigt das Museum Kunstpalast in Düsseldorf den Fotokünstler Andreas Gursky. Zu sehen sind Fotoarbeiten aus drei Jahrzehnten, die monumentalen, die bekannten und ganz frische wie die Serie "Bangkok".

Das Blitzlichtgewitter hätte gestern geifernder nicht sein können. Interview-Anfragen hiesiger und internationaler Journalisten, Fernsehteams, Autogrammwünsche. Keine Frage: Andreas Gursky ist ein Star. Noch mehr als auf seine Bilder richtete sich das Interesse auf den 57-Jährigen, der der Presse schnell zu verstehen gab, dass er nur über seine Arbeit und sein Werk Auskunft erteilen würde.

Ja, er sei ein "Fotokünstler", auch wenn er sich vor einiger Zeit im gemeinsamen "Spiegel"-Interview mit Thomas Ruff dazu anders geäußert habe. Und er betreibe keine reine Fotografie. Seit fast zwei Jahrzehnten bearbeitet er seine Fotos am Computer. Er nimmt Montagen und Retuschen vor. So verfremdet er sein Ausgangsmotiv, zeichnet weich, übertüncht, überhöht oder gibt mehr Tiefe ins Bild. Tiefenschärfe ist ihm neben dem Licht fast der wichtigste Parameter.

Das erste Foto schießt Andreas Gursky meist mit dem Handy oder mit einer kleinen Kamera. So war das auch in Bangkok: Gursky, der Bilder-Finder, der ein Bild-Erfinder ist, wie Museumschef Beat Wismer es gelungen ausdrückt, stand auf einem Bootssteg und schaute auf den schwarzen Fluss Chao Phraya.

Bizarre Spiegelungen entdeckte er auf der öligen Oberfläche; Müll schwamm im Wasser, Flaschen, Astwerk, Unrat, Orchideenblüten. Er machte Schnappschüsse, die ihn, als er sie zu Hause betrachtete, herausforderten, zurückzukehren. Sechs Wochen lang hat er an dem Bootssteg verbracht und unbeschreibliche Naturschauspiele eingefangen. Lichtschlieren in Gold, Weiß und Blau zeichnen seltsame Formen und Figuren in Variationen auf das Wasser der Kloake. Die geheimnisvollen Flussbilder erscheinen als Vexierbilder im Hochformat. Diese tiefschwarze Bangkok-Serie ist malerischer als je zuvor, eine bewusste Demonstration des Künstlers, dass eine Annäherung zur Malerei möglich ist. Im Katalog ist die Serie auf hartem Pergament gedruckt, um ihre Transparenz zu betonen, welche beim Betrachter ein Gefühl auslöst, als kämen die Wellen geradewegs auf ihn zu.

Das passt gut. Denn eintauchen soll man in Gurskys Bilder, reinspringen, von nah und fern schauen und sehen, wie sich Mikro- und Makro-Perspektive einander zu einem gewaltigen Panorama fügen. Auch deshalb hängt er sie knapp über dem Boden auf. Rund 60 Arbeiten sind in Düsseldorf ausgebreitet, nicht chronologisch, sondern von den neuen, schwarzen Flussbildern aus Bangkok inhaltlich verklammert.

Mit großer Strenge hat Gursky die Motive ausgewählt, die er nun preisgibt. Er hat die Nachbarschaften ausgelotet, Seh-Achsen gebildet, jedem Bild durch Weißraum ein imaginäres Passepartout gelassen, damit es seine Wirkmacht entfalten kann.

Die zwei ältesten Fotografien sind auch zu sehen: der "Gasherd" und der "Klausenpass", beide aus den beginnenden 1980er Jahren, als der Meisterschüler von Bernd Becher begann, sich von dessen strenger "Photoschule" zu distanzieren. Gursky wurde farbig, sein Interesse war nicht allein archivarisch oder dokumentarisch gelenkt. Er wählte den Herd aus seiner Wohngemeinschaft als Motiv, putzte diesen sauber ("Das hätte Becher nie getan") und setzte ihn in eine angeschrägte Perspektive. So verlieh er dem Sperrmüllstück den Glanz einer ihm nicht zustehenden Warenästhetik — eines von Gurskys Themen. Mit dem "Klausenpass" kalkulierte er ganz andere Dinge und Formate, die zu seiner Marke wurden. Winzige Menschengruppen verlieren sich am gigantischen Berg, was eine Übersicht auf ein Stück Natur erlaubt, das den Makel der Zivilisationsverwaisung trägt.

Andreas Gursky ist immer stärker ein (welt)reisender Künstler geworden, der Chronist seiner Zeit sein will. Durchaus mit kritischem Blick, denn wenn ihn ein Bild interessiert, überprüft er dessen gesellschaftliche Relevanz. "Meine Bilder sind für die Ewigkeit", sagt Gursky, gleichwohl einräumend, dass dies nicht alle Bilder schaffen.

Die Großformate sind ins kollektive Gedächtnis eingeflossen und beeindrucken in der Ausstellung: Die tiefblaue "Ocean"-Serie von den Weltmeeren, aus Satellitenbildern verdichtet und frei komponiert. Das geometrisch geprägte Schlüsselbild "Bahrain I" von der Formel-1-Rennstrecke im Wüstenstaat. In der Musikszene tut er sich gern um, nimmt etwa ein Madonna-Konzert zum Anlass, daraus ein fast surreales Panoptikum zu entwickeln. Kritiker sprechen von "Wimmelbildern", weil der Mensch in der Masse untergeht. Tatsächlich führt das Licht Regie und den Blick zur Bühne. Das Bild dröhnt.

Vollkommene Ruhe verströmt hingegen seine "Rhein"-Ansicht — mit 4,3 Millionen Dollar Kaufpreis Rekordhalter auf dem Markt für Fotokunst. Schon früh machte diese einsilbige Paraphrase des Stromes Andreas Gurskys Ansatz von konzeptueller Strategie deutlich.

(RP/top/csi/csr)