Düsseldorf: Grünen-Politiker floh als Kind aus der DDR

Düsseldorf: Grünen-Politiker floh als Kind aus der DDR

Der Landtagsabgeordnete Martin-Sebastian Abel kam vor 25 Jahren mit seiner Mutter aus Leipzig über Prag nach Düsseldorf. Er erzählt über die Flucht und seine ersten Erinneringen an Düsseldorf.

Das Foto zeigt einen lachenden Jungen, im Garten der Großmutter in einem thüringischen Örtchen. Der Düsseldorfer Landtagsabgeordnete Martin-Sebastian Abel (Grüne), der wie seine Mutter damals mit Nachnamen noch Hagen heißt, ist vier Jahre alt.

Der letzte Sommer in der DDR: Martin-Sebastian Abel als Vierjähriger im Garten seiner Großmutter in Thüringen. Foto: Martin-Sebastian Abel

Es ist der Sommer 1989. In der Bevölkerung der DDR wächst die Unzufriedenheit, die Grenzen des Ostblocks wackeln, manche wagen das Unglaubliche: die Flucht über Ungarn in den Westen. Auch die Gedanken von Abels Mutter kreisen in jenem Sommer um eine mögliche Flucht aus dem Überwachungsstaat. Aus dem Lehramt ist sie ausgeschieden. Sie war ins Visier der Stasi geraten - wegen eines Telefonats in den Westen und weil sie ihren Sohn evangelisch getauft hatte. In Leipzig, wo sie wohnen, laufen schon die Montagsdemos gegen das Regime. Auch Abels Mutter ist bei einer dabei.

Doch die alleinerziehende Mutter scheut noch den Schritt in die Freiheit. Zu groß scheint die Gefahr. Schließlich fällt die Entscheidung. Birgit Abel bereitet alles für die Fahrt in die damalige Tschechoslowakei vor. Tauscht Westmark, die sie von Verwandten hat, in tschechische Kronen, erzählt dem Jungen, damit er sich nicht verplappert, dass sie zur Oma nach Thüringen fahren. Am 1. November 1989 setzen sich Mutter und Sohn in Leipzig mit einem Koffer in den Zug Richtung Brünn. Ihr wahres Ziel ist Prag, wo in der deutschen Botschaft Tausende DDR-Bürger ausgeharrt hatten und denen erst einen Monat zuvor Deutschlands Außenminister Hans-Dietrich Genscher die Ausreise nach Westdeutschland versprochen hatte. Die Botschaft blieb das Tor in den Westen.

Eines der ersten Weihnachtsfeste in Düsseldorf: Martin-Sebastian mit seiner Mutter Birgit und Günter Abel. Foto: Martin-Sebastian Abel
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Nach achtstündiger Fahrt müssen die beiden in Prag einen abenteuerlichen Weg zurücklegen. Tschechische Polizisten mit Schäferhunden sind im Umfeld der Botschaft postiert, erst über Umwege und mit Hilfe eines Taxifahrers und eines englischen Kamerateams erreicht Birgit Hagen mit dem weinenden Kind auf dem Arm ihr Ziel. "Wir hatten Glück, denn vor der Botschaft stand das Rote Kreuz und es wurde gerade ein Transport nach Westdeutschland vorbereitet", sagt der heute 29-Jährige. 20 Minuten verbringen sie in der Prager Botschaft, lassen ihre Ausweise prüfen und fotokopieren, werden mit Getränken versorgt. Vom Prager Hauptbahnhof geht es schließlich Richtung Deutschland.

Die tschechische Grenzkontrolle mit Maschinenpistolen und Hunden wird erneut zur Zitterpartie. In Marktredwitz betreten sie erstmals westdeutschen Boden. Die Post hat für die Flüchtlinge Telefonzellen vorbereitet. Die 33-Jährige ruft ihre Mutter in Thüringen an, um zu sagen, dass alles gut gegangen ist. Weil das Telefon bei der Nachbarin steht und niemand weiß, wer in der DDR wen bespitzelt, haben sie eine codierte Nachricht vereinbart: "Die Geburt ist gut verlaufen, es ist ein Sohn." Von Marktredwitz geht es in eine Erstaufnahmestelle in einer freigeräumten Bundeswehrkaserne in Daaden. Von dort werden sie von einem Freund der Familie, einem Taxifahrer, mit einem der typischen beigen Mercedes abgeholt. Der Mann heißt Günter Abel - und wird später, 1996, Birgit Hagens Mann und Martin-Sebastians Adoptivvater. Am 5. November, nach viertägiger Reise, erreichen sie schließlich Düsseldorf. "Dort lebte meine Tante Lilo, sie nahm uns auf", sagt der Grünen-Politiker. Eine Dame mit Pelz und Allüren. "Typisch Düsseldorf", sagt er und lacht. Tante Lilo ist vor einigen Jahren mit über 90 gestorben.

Abel selbst hat kaum Erinnerungen an die gefährliche Reise. Doch in diesem Jahr mit den vielen Dokumentationen, die an die Ereignisse vor 25 Jahren erinnern, kommt in der Familie wieder vieles hoch. "Und als Politiker bin ich fasziniert, wie gut es die bundesdeutsche Politik damals gemanagt hat", sagt Abel.

(RP)
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