Analyse: Gottlose provozieren Gläubige

Analyse : Gottlose provozieren Gläubige

Mit einer fragwürdigen Statistik und Kirchenausstritten am Gründonnerstag möchte der zur Giordano-Bruno-Stiftung gehörende Düsseldorfer Aufklärungsdienst (DA) eine religionskritische Debatte anstoßen — unterstützt von Wagenbauer Jacques Tilly.

Die Botschaft der Kirchenkritiker im Schaufenster des Ladenlokals an der Friedrichstraße ist so eindeutig wie falsch: "Halb Düsseldorf ist konfessionsfrei. Wir sind da. Gottlos glücklich", steht dort geschrieben. Die Hälfte der Bevölkerung in der Landeshauptstadt komme schon jetzt gut ohne Gott und vor allem ohne Kirche aus. "Das zeigen die Zahlen im Statistischen Jahrbuch der Stadt", meint Ricarda Hinz und ruft für die kommenden Tage einen "säkularen Frühling" aus, der mit religionskritischen Filmen, Diskussionen und kirchenkritischen Karikaturen des inzwischen weltweit beachteten Mottowagenbauers Jacques Tilly die Anliegen der humanistisch inspirierten Atheisten den Bürgern näher bringen will.

Dazu zählt vor allem ein Ende aller Privilegien für die beiden großen Kirchen: kein eigenes Arbeitsrecht mehr, keine staatlich eingetriebenen Steuern, kein kirchlich gebundener Religionsunterricht. Und keine Ruhegebote mehr für so genannte stille Feiertage. "Wir wollen am Karfreitag tanzen können", sagt Eva Creutz vom DA-Vorstand. "Manchmal muss man provozieren, um wahrgenommen zu werden", meint Tilly, der dieses Talent bei den Düsseldorfer Rosenmontagszügen zur Vollendung bringt und damit Millionen Menschen begeistert.

Höhepunkt dieser Strategie rund um das "Hasenfest" (so nennen die Atheisten Ostern): ein kollektiver Kirchenaustritt vor dem Amtsgericht unter dem Motto "Hoppel dich frei". Geplant für den Gründonnerstag, dem Tag, an dem Christen seit knapp zwei Jahrtausenden dem letzten Abendmahl Jesu gedenken.

So weit, so witzig? Nein. Denn in ihrem Streben nach Originalität verletzten die Gottfernen, die vom Menschen ganz bewusst als "sozialem Tier" sprechen, ein paar Grundregeln, die jeden fairen Diskurs auszeichnen. Faktentreue steht bei diesen Regeln ganz oben. Zu suggerieren, die Hälfte der Düsseldorfer werde spätestens in ein paar Monaten "konfessionsfrei" sein, erinnert an das Bonmot: Ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe. Fakt ist: Sowohl nach kirchlicher als auch nach städtischer Statistik gehörten Ende 2013 (Kirche) beziehungsweise Ende 2012 (Stadt) immer noch rund 308 000 der zurzeit 595 000 Düsseldorfer der katholischen sowie der evangelischen Kirche (EKD) an. Rund 52 Prozent also. Hinzu kommen: Christen der evangelischen Freikirchen, die Jüdische Gemeinde, die orthodoxen Christen (darunter die meisten Griechen, Serben und Russen) , gläubige Muslime aus klassischen Einwandererländern (Türkei, Marokko), Buddhisten und andere. Sie mal eben einer nun zelebrierten, vermeintlich gottlosen Bevölkerungshälfte zuzuschlagen, ist falsch. Wie falsch, das zeigt die letzte städtische Meldestatistik, bei der Menschen "ohne Religion" noch separat erfasst wurden. Ende 2007 waren das gerade einmal 35 495 Düsseldorfer, also 6,07 Prozent der Stadtbevölkerung.

Zumindest angekratzt wird auch das Gebot der gegenseitigen Achtung. Lange vorbei sind die Zeiten, als Protestanten just an Fronleichnam Mist aufs Feld kippten und Katholiken ausgerechnet den Karfreitag zum öffentlichen Wäschewaschen nutzten. Provokationen an Tagen, die der Selbstvergewisserung der jeweils Andersdenkenden dienen, sollte man sich sparen. Humor bleibt erlaubt. Aber Ostern ist nicht Karneval. "Frei hoppeln" kann man sich auch an anderen Tagen.

(RP)
Mehr von RP ONLINE