Kunst in Düsseldorfer Unternehmen: Goldener Käfer bei Gottfried Schultz

Kunst in Düsseldorfer Unternehmen: Goldener Käfer bei Gottfried Schultz

Seit 40 Jahren sammelt Robert Rademacher, bis 2005 Vorsitzender der Geschäftsführung der Autohandelsgruppe Gottfried Schultz und heute im Verwaltungsrat, für sein Unternehmen Kunst zum Thema "Auto". Zur Sammlung zählen Werke von Warhol, Chamberlain und Stefan Sous.

Wenn sich ein Sammler auf eine bestimmte Art von Kunst spezialisiert hat, spricht sich das unter Künstlern und Galeristen herum. So kommt es, dass Robert Rademacher, seit 40 Jahren auf der Suche nach immer wieder neuer Kunst rund ums Thema Auto, regelmäßig Angebote bekommt. Schon mancher Künstler hat wohl auch auf Verdacht etwas für ihn produziert in der Hoffnung, dass es Eingang in die Sammlung finde.

Dabei zählt Rademacher, der seit Jahrzehnten die Geschicke der Autohandelsgruppe Gottfried Schultz lenkt, nicht zu jenen Großsammlern vom Schlage des verstorbenen Peter Ludwig, die den Ehrgeiz haben, in ihrer Kollektion Zeitgeist festzuhalten. Rademacher sammelt mehr nach Lust und Laune und freut sich, wenn Mitarbeiter und Kunden Gefallen an der Kunst finden, die auch ihm gefällt.

Normalerweise gelangen Kunden nicht in die Büros, an deren Wänden sich die Sammlung ausbreitet. Doch auch wer nur den riesigen Volkswagen-Showroom an der Automeile Höherweg erkundet, bekommt einen Eindruck von den teils vergnüglichen, teils zu Nachdenklichkeit anregenden Seiten des Genres Auto-Kunst.

Unweigerlich fällt der Blick auf die von der Decke hängende Skulptur "Gold Bug" von Stefan Sous. Der Düsseldorfer Künstler hat golden lackierte Teile eines Volkswagen-Käfers so luftig aneinandergereiht, wie Monteure das auf sogenannten Explosionszeichnungen vorgeführt bekommen — Skizzen, welche die Zusammensetzung eines Autos offenlegen.

Rademacher erzählt, dass es gar nicht so leicht gewesen sei, den Künstler zu diesem Werk zu motivieren. Denn ursprünglich hatte Sous in einer Halle, die ihm Rademacher zur Verfügung gestellt hatte, nach dem Prinzip Explosionszeichnung ein Mercedes-Taxi für eine Ausstellung in Osnabrück inszeniert. Dieses Konzept nun auch auf einen Volkswagen anzuwenden widerstrebte Sous zunächst — Rademacher zuliebe aber machte er sich dann doch an die Arbeit.

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Es gibt noch mehr zu entdecken im Umkreis all der nagelneuen VW-Modelle: Pritschenwagen-Bilder von Andreas Schulze zum Beispiel, Käfer-Silhouetten, die Paul Giovanopoulos im Stil bekannter Künstler gemalt hat, aufgetürmte Spielzeugautos von Jeremy Dickinson und Fotografien des Schweizer Polizisten Arnold Odermatt, der mit seinen Unfallbildern längst Eingang in Museen gefunden hat. Rademacher zeigt in den Verkaufsräumen nicht alles, was Odermatt mit der Kamera festgehalten hat; nur das Kuriose, etwa den Zug, der ein Auto am Bahnübergang elegant zur Seite gedrückt hat, oder das Rücklicht eines Käfers, das sich unter Einwirkung von Hitze grotesk verformt hat — nicht aber Unfälle, denen man anzusehen glaubt, dass die Beteiligten sie nicht überstanden haben.

In der nahe gelegenen Bentley-Halle — auch diese Automarke gehört zum VW-Konzern — fesselt eine großformatige Fotografie des Düsseldorfers Ansgar van Treeck die Blicke jedes, aber auch wirklich jedes Besuchers. Sie schildert ein Düsseldorfer Ereignis: Queen Elizabeth und Prinz Philip steigen aus einer Maschine von British Airways die Treppe auf das Rollfeld hinab, um in ihren davor wartenden Bentley zu wechseln. Erst bei genauem Hinsehen merkt man, dass die Königin ein zweites und sogar ein drittes Mal auf dem Bild erscheint, als wäre dies die selbstverständlichste Sache der Welt. Durch die Scheiben des Bentley ist sie doppelt zu erkennen.

Unser Rundgang über das weitläufige Gelände der Gottfried Schultz GmbH führt zurück zu VW, in Rademachers Büro. Dort hängt das Gemälde, mit dessen Erwerb Rademacher — Schultz' Schwiegersohn — vor 40 Jahren seine Sammlung gründete: ein Reifen-Bild von Konrad Klapheck, das den typisch Klapheckschen, überhöhenden Titel "Der Lauf der Welt" trägt. Ringsum gruppieren sich: "Lemon" von Andy Warhol, die Darstellung eines strahlenden VW-Käfers, der die "Zitrone" lediglich deshalb bekommen hat, weil ein Inspekteur einen winzigen Mangel feststellte; ferner Skulpturen von Arman (Kolben), César (Autokühler) und Chamberlain (Autoteile), ein kartografisches Bild von Peter Brüning ("VW-Werk") und eine Vorzeichnung zu jenem Käfer-Bild Tom Wesselmanns, das im Kölner Museum Ludwig hängt. Rademacher hatte seinerzeit das Angebot, dieses heutige Museumsstück für 50 000 D-Mark zu erwerben — doch der Preis überstieg damals seinen Ankaufs-Etat.

Noch eine Anekdote aus Rademachers Schatzkästlein: Der Düsseldorfer Fotograf Bernd Becher, Gründer der heute in aller Welt bekannten Becher-Schule, pflegte seine VW-Bullis, mit denen er die Kontinente bereiste, bei Gottfried Schultz zu kaufen. Als er wieder ein solches Gefährt geordert hatte, stellte sich erst im Nachhinein heraus, dass es auch mit Klimaanlage lieferbar gewesen wäre — was einen Vorteil für Bechers fahrbares Labor bedeutet hätte. Rademacher entschuldigte sich daraufhin für den Beratungsfehler seines Mitarbeiters, nahm das bereits ausgelieferte Fahrzeug zurück und tauschte es gegen eines mit Klimaanlage.

Eines Tages stand Becher dann unangemeldet mit einem Geschenk vor der Tür des Autohauses: einer für den Transport zusammengerollten Fotografie. Sie zeigt einen Gasometer in Frankreich mit davor abgestellten Autos. Heute ziert auch sie Rademachers Büro, diese Mischung aus Arbeitszimmer und moderner Wunderkammer.

(RP)
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