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Glücksforscher Stefan Klein zu Gast im Schauspielhaus: Glück braucht Gerechtigkeit

Glücksforscher Stefan Klein zu Gast im Schauspielhaus : Glück braucht Gerechtigkeit

Stefan Klein landete mit seinem Buch "Die Glücksformel" einen Bestseller. Am Sonntag ist er Gast in der Reihe "Streitkultur", einer Veranstaltung von Düsseldorfer Schauspielhaus und unserer Zeitung.

Glück kann man lernen. Und Glück ist davon abhängig, wie aufgehoben sich ein Mensch in der Gesellschaft fühlt. In seinem Buch "Die Glücksformel" fasst Stefan Klein, Wissenschaftler und ausgezeichneter Wissenschaftsjournalist, die spannenden Ergebnisse der Hirnforschung zusammen.

Verraten Sie uns die Glücksformel?

Klein Wenn ich sie Ihnen in drei Sätzen nennen könnte, hätte ich nicht 300 Seiten darüber geschrieben. Aber eines kann man sagen: Gefühle entstehen bei allen Menschen auf die gleiche Weise. Und um besser mit ihnen umzugehen, hilft es sehr, zu verstehen, wie sie entstehen. Der Titel spielt mit einem Doppelsinn: mit dem Versprechen einer Zauberformel, die bedeutet, dass man etwas tun kann für sein Glück. Und mit der wissenschaftlichen Bedeutung von Formel, die da sagt, dass man Glück erforschen kann.

Gibt es ein Glücks-Gen?

Klein Das Gehirn ist viel zu komplex, um nur von einem einzigen Gen gesteuert zu werden. Für das Glücksempfinden kommt es wesentlich darauf an, negative Gefühle zu kontrollieren - und den Umgang mit guten Gefühlen zu lernen. Die genetische Disposition entscheidet darüber, ob sich jemand leichter oder schwerer damit tut. Aber das Talent, Glück zu empfinden, haben wir alle.

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Was ist also Glück?

Klein Glück ist ein Gefühl. Gefühle sind so etwas wie Signale der Natur, die wollen uns etwas sagen. Die Hirnforschung definiert es genauer: Glück ist eine unmittelbare Reaktion auf etwas, was um uns herum oder nur in unserer Phantasie geschieht. Diese Reaktion spielt sich sowohl in unserem Körper als auch in unserem Geist, also in unserem Gehirn, ab.

Ist Glück Folge einer klugen Strategie?

Klein Glück kann man nicht machen. Aber für das Glücklichsein kann man zwei Dinge tun: Die Fähigkeit trainieren, Glücksgefühle intensiver und häufiger wahrzunehmen. Als zweites kann man sich selbst besser kennen lernen, gucken, welche Situationen glücklich machen und darauf hinsteuern.

Wir Deutschen haben nur ein Wort für Glück - entspricht das auch unserer verkürzten Sicht auf das Gesamtphänomen?

Klein Entscheidender scheint mir, dass die Deutschen zum Jammern neigen. Das haben Vergleichsuntersuchungen in mehr als 25 Nationen tatsächlich gezeigt. In keinem anderen Land ist es gesellschaftlich dermaßen akzeptiert, seinen Missmut zu zeigen - und gleichzeitig gesellschaftlich so wenig akzeptiert, zu zeigen, dass es einem gut geht. Wenn Sie hier auf die Frage "Wie geht es Ihnen?" "Blendend" sagen, dann wird man Sie für einen Aufschneider halten. Sie müssen zumindest ein einschränkendes "Naja" einfügen.

Nur drei von zehn Deutschen nennen sich glücklich. Wie kommt das?

Klein Wenn man die Neigung zum Klagen herausrechnet, liegen die Deutschen ungefähr im Mittelfeld der Industrienationen, das ist weder sonderlich gut noch schlecht. So unglücklich sind wir also gar nicht. Interessant ist, dass sich der Anteil der Menschen, die sich glücklich nennen, seit den 1950er Jahren nicht verändert hat. Und das, obwohl wir in Frieden leben und das Einkommen seitdem um ein Vielfaches gestiegen ist.

Ist es dann nicht paradox, dass sieben von zehn Deutschen trotzdem der These zustimmen, der Sinn des Lebens liege darin, glücklich zu sein?

Klein Viele Menschen, die von sich sagen, dass sie glücklich sein wollen, sind viel mehr bereit, unendlich viel für ihre Karriere oder für ihr Bankkonto zu tun als zum Beispiel für die Beziehungen zu ihren Mitmenschen.

Schweizer, Niederländer und Skandinavier gelten als die glücklichsten Europäer, was nicht alleine daran liegt, dass das Arm-Reich-Gefälle dort deutlich niedriger ist als bei uns.

Klein Das ist sehr gut untersucht worden in den letzten 15 Jahren. Glück hat wesentlich damit zu tun, wie stark der Zusammenhalt in einer Gesellschaft ist. Denn es kommt darauf an, wie sehr die Menschen das Gefühl haben, dass sie auf die Gestaltung ihrer Umgebung Einfluss nehmen können. Neurobiologische Untersuchungen legen nahe, dass das Gefühl, ohnmächtig zu sein, ein schlechtes ist, das sogar krank machen kann.

In Deutschland driftet Arm und Reich weit auseinander, die Stimmung ist mies. Wie wird das besser?

Klein Der Zusammenhalt einer Gesellschaft ist ein Wert an sich, der in der Tat Menschen zufriedener macht. Man hört ja oft das Argument, dass, wenn der eine in einem Land 12 Millionen, der andere aber nur 12.000 Euro jährlich verdient, dann sei das doch überhaupt kein Problem, weil der Wohlhabendere dem Ärmeren ja nichts wegnehme und noch dazu hohe Steuern zahle.

Ist das denn nicht so?

Klein Nein. Es mag gute Gründe für unterschiedliche Einkommen geben. Aber Untersuchungen zeigen sehr klar, dass die Lebenszufriedenheit aller Bürger sinkt, wenn sich die Lebensverhältnisse in einer Gesellschaft zu weit voneinander entfernen. Und dass eine Gesellschaft gut beraten ist, bei solchen Entwicklungen gegenzusteuern. Das hat auch damit zu tun, dass Menschen so etwas haben wie einen angeborenen Gerechtigkeitssinn.

Annette Bosetti führte das Interview.

(RP)