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Maura Morales / Michio: Gleichberechtigung als Sisyphus-Arbeit

Maura Morales / Michio : Gleichberechtigung als Sisyphus-Arbeit

Das Künstler-Ehepaar inszeniert im Forum Freies Theater eine neue durchchoreografierte Tanzarbeit.

Ein Gespräch mit der kubanischen Tänzerin und Choreografin Maura Morales und ihrem Komponisten, Kollektivpartner und Ehemann Michio - über das neue gemeinsame Stück "Sisyphus war eine Frau".

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, aus dem griechischen Mythos Sisyphus eine Frau zu machen?

Morales Der Impuls kam, als ich "Der Mythos Sisyphus" von Camus gelesen habe. Aber eigentlich hatte ich dieses Sisyphus-Frauenbild schon immer in meinem Kopf. MICHIO Wir haben nachgedacht, wie das Sisyphus-Bild, dieser ewig vergeblich schuftende Mann mit dem Stein, in Bezug auf Frauen aussehen könnte. Zwei Schwerpunkte haben sich herauskristallisiert: Erstens, dass Frauen schon Jahrhunderte lang um Gleichberechtigung ringen. Darum, dass man sie behandelt, wie man sie behandeln sollte. Eine echte Sisyphus-Arbeit, denn es ändert sich beinahe gar nichts. Zweitens der Kampf der Frauen, ihr Altern aufzuhalten. Auch vergeblich, weil es nicht funktioniert. Beide Punkte hängen miteinander zusammen.

Aber Sie sind jung, das Alter ist doch noch nicht so ganz Ihr Thema!

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Morales Das sagen Sie so. Als aktive Tänzerin kann man schon mit 30, 35 Jahren in ein Alter kommen, wo einem gesagt wird: Du hast keinen Platz mehr in dieser Branche. Es ist traurig. Gerade wenn dein Körper so reif ist - in jeder Hinsicht - wenn man frei ist und Lebenserfahrung hat, wenn man tanzt, um es zu genießen, sich nicht mehr pushen muss oder zeigen, wie toll man ist. Wenn man endlich etwas auszudrücken hat, gerade dann sagen alle: Du bist alt. Absurd.

Für wen nehmen Frauen ihre Sisyphus-Torturen auf sich?

Morales Vorrangig der Männer wegen. Wir leben in einer männerzentrierten Gesellschaft, die maskuline Perspektive bestimmt unsere weibliche Ästhetik. Ich finde diese Ästhetik unterwürfig, wir wollen gefallen, irgendwie. Diesen Punkt betone ich auch stark in meiner Choreografie.

Das Streben nach Perfektion als Stein eines weiblichen Sisyphus - wie setzen Sie das auf der Bühne um?

Morales Wir haben drei Tänzerinnen, ich bin eine davon. Wir arbeiten mit dem Videokünstler Manfred Borsch zusammen, der unsere Thematik in seinen Bildern spiegelt: die Haut einer Frau, Close-Ups von Frauen, die sich schminken, das Aussehen eines weiblichen Körpers ganz aus der Nähe.

Die "Cooperativa Maura Morales" besteht aus Ihnen beiden, zusätzliche Mitglieder holen Sie nach Bedarf . Wie fanden Sie die Tänzerinnen?

Morales Durch Vortanzen. Mir schwebte ein spezifisches ästhetisches Ideal vor, außerdem wollte ich auch keine zu jungen Tänzerinnen. Lebenserfahrung ist wichtig für das Stück. MICHIO Die Tänzerinnen erzählen ja schließlich nicht einfach die Sisyphus-Geschichte nach.

Der ist ja auch ein Mann.

Morales Wir haben schon bemerkt, dass Männer und Frauen unser Konzept unterschiedlich aufnehmen. Ein Journalist nannte es neulich "klischeehaft" und fragte uns, wo denn der Stein sei.

Die Frage würde Ihnen eine Frau wohl nie stellen.

Michio Ja, interessant, wie man manchmal genau dem Klischee entsprechen kann, das man verneint. Jedenfalls ist unser Stück kein Erzähltheater, sondern erzählt von Gefühlen, von einem Ist-Zustand.

Welche Gefühle sind das?

Morales Sehr starke. Wir Tänzerinnen haben beim anfänglichen Improvisieren viel mit unseren persönlichen Geschichten gearbeitet. Unsere Hintergründe als Frau, als Immigrantin, wie man sich fühlt, wenn man vergewaltigt wurde. Wie man nicht akzeptiert wird, sobald man als Frau gegen die Regeln verstößt, ob von einem Mann oder von der eigenen Familie. Nicht zuletzt auch über unsere Beziehungen als Frauen untereinander. Die können auch sehr schwierig sein.

Was komponieren Sie zu dieser Choreographie?

Michio Elektronisch basierte Musik. Ich verwende viele fremde Sounds. Das Gitter eines Kaninchenkäfigs, Tesafilm, Metallbürsten - alltägliche Gegenstände. Aber auch Gitarren, ein Cello, das alles sample ich dann live auf der Bühne zusammen. Das Ganze ist durchkomponiert und durchchoreographiert.

Sie sind in der Welt herumgekommen. Haben Sie das Frauenbild von Männern überall gleich erlebt, ob in Kuba, Indien oder in Deutschland?

Morales Hier in Europa ist es ein bisschen besser. In meiner Heimat Kuba wäre ich wohl nicht auf die Idee gekommen, es mit diesem Stück zu versuchen (lacht). In der dortigen Gesellschaft regiert der Machismus, sogar die Frauen nehmen ihn an. Wir leben im 21. Jahrhundert, und in arabischen Ländern werden Frauen gesteinigt. Das macht mir große Sorgen. Manchmal fühlt es sich an, als wäre Europa auf einem anderen Planeten.

Als gebürtige Kubanerin leben und arbeiten Sie seit 2008 in Düsseldorf. Können Sie sich künstlerisch hier besser verwirklichen?

Morales Ich würde so etwas wie das hier sehr gern auch einmal in Kuba machen, aber die Reaktion des Publikums darauf wäre sicher eine ganz andere.

(RP)