Gastbeitrag: Gewerbe in der Großstadt halten

Gastbeitrag: Gewerbe in der Großstadt halten

Unternehmen sollen ohne Sorgen vor Anwohnerklagen produzieren und auf kurzen Wegen ausliefern.

Unternehmen sollen ohne Sorgen vor Anwohnerklagen produzieren und auf kurzen Wegen ausliefern. Ein Gastbeitrag von Axel Fuhrmann, Geschäftsführer der Handwerkskammer.

Bis 2030 sind es noch zwölf Jahre. Nur noch zwölf Jahre. Wie sehr wird sich Düsseldorf in dieser Zeit verändern? Fakt ist (hoffentlich), dass die für die Attraktivität des Standorts Düsseldorf wichtigsten Funktionen auch 2030 nichts von ihrer Bedeutung und Strahlkraft verloren haben: Düsseldorf wird weiterhin Landeshauptstadt sein, den wichtigsten Flughafen für die Rhein-, Ruhr- und Maasregion besitzen sowie eine Messe mit internationaler Ausstrahlung haben. Und Düsseldorf wird weiterhin über eine vielfältige Hochschullandschaft und eine beeindruckende Dichte an renommierten Kulturinstituten verfügen.

Veränderungs- und Handlungsdruck gibt es auf drei Feldern: Es braucht erstens ein Mobilitätskonzept 2030. Wir erleben derzeit, dass sich die Gewichte im Bereich der Verkehre dramatisch verschieben. Der ÖPNV ist viel zu statisch. Es braucht neue Ideen auch mit Blick auf die regionale Verflechtung - von neuen S-Bahnlinien, veränderten Taktzeiten, Schnellbuslinien und dem Einsatz neuer umweltverträglicherer Verkehrsträger (E-Busse) bis hin zu Car- und (E-)Bikesharing-Angeboten insbesondere an Stadtrandlagen.

Und alles muss digital vernetzt und über ein System (eine App) abgerechnet werden können. Innerhalb von Düsseldorf wird die Elektromobilität neben dem Individualverkehr auch die Lieferverkehre erfassen. Lasten-E-Bikes und elektrifizierte Nutzfahrzeuge werden aufgrund des zunehmenden Online-Handels eine zunehmend wichtigere Rolle spielen. Dafür braucht es die entsprechende Ladeinfrastruktur und intelligente Verkehrslenkungskonzepte, die zudem neue Verteilerpunkte (Güterumschlagplätze) für die 'letzte Meile' beinhalten müssen.

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Zweitens braucht es eine Strategie, wie Gewerbeflächen in einer Großstadt 'gehalten' und weiterentwickelt werden können, damit Unternehmen ohne Sorgen vor Anwohnerklagen produzieren und auf kurzen Wegen ausliefern können. Derzeit erleben wir eine Politik in Düsseldorf, die vor lauter Wohnungsbaubesoffenheit vergisst, dass man in einer Stadt nicht nur wohnen, sondern auch arbeiten muss. Beispiel für den politisch gewollten Abschied vom Industrie- und Gewerbestandort Düsseldorf ist das Gewerbegebiet am Vogelsanger Weg in Mörsenbroich, ein Gebiet, in dem kleine und mittlere Handwerkbetriebe und Gewerbetreibende beheimatet sind. Noch zumindest. Aber die städteplanerischen Veränderungen hin zu einem urbanen Mischgebiet mit erheblichen Restriktionen für die Unternehmen sind auf dem Weg und werden die noch ansässigen Betriebe a la longue vertreiben. Noch gravierender sind die Entwicklungen in Gerresheim. Der über 150 Jahre alte Industriestandort der Gerresheimer Glashütte wird aus Gewinnmaximierungsgründen aufgegeben - Wohnimmobilien sind besser zu versilbern als Gewerbeflächen - und zu einem Wohngebiet umgeplant. Ein wenig Renaturierung der Düssel, die Integration eines pittoresken Industriedenkmals (Glasturm) ins Wohngebiet und ein kleiner Alibipark sind auf Animationen den Anwohnern und Stadtteilpolitikern besser zu verkaufen als ein Gewerbehof, der Arbeitsplätze nicht nur für weiße Kragen bereit halten würde und womöglich Geräuschemissionen verursacht. Apropos Gewerbehof: Die Wirtschaftsförderung der Stadt sollte sich deutlich mehr als Dienstleister für kleine und mittlere Unternehmen verstehen als bisher. In diesem Zusammenhang lohnt, das Thema innovative Gewerbehöfe - Handwerk, digitale Start-ups, Handel - neu zu denken und mit den Beteiligten zu entwickeln.

Und drittens braucht es eine kluge, zukunftsgerichtete Quartiersstrategie, wie Stadtteile in ihrer Daseinsvorsorge und ihrem bürgerschaftlichen Zusammenhalt gestärkt werden können. Hier geht es nicht nur um kleine Zentren wie in Hassels, Unterbach oder Heerdt, sondern auch um die 'Kerne' von Gerresheim, Kaiserswerth und Benrath. Leere Schaufenster und tote Plätze führen in Verbindung mit der Umwandlung von Büroetagen in Wohnraum auf direktem Wege in die Schlafstadt ohne eigene Seele und Identifikation. Hier müssen Hauseigentümer, Wirtschaftsförderer, örtliche Wirtschaft und Stadtplaner gemeinsam neue Ideen entwickeln. Das Quartier ist auch der 'Ort', an dem Klimapolitik effektiv betrieben werden kann: Durch dezentrale Energieerzeugung, durch nachhaltige Energieeinsparmaßnahmen und durch kurze Wege bei der Versorgung mit Dienstleistungen und Produkte des täglichen Bedarfs. Die Stadt Düsseldorf hat im vergangenen Jahr erste Schritte unternommen, über eine integrierte Quartiersentwicklung zu diskutieren und Zukunftsvisionen zu definieren.

Da muss deutlich mehr passieren; hier sind auch Land und Bund in der Pflicht. Düsseldorf wird 2030 nur dann florieren, wenn die Stadtteile 'leben', die vorhandenen Gewerbegebiete Luft zum Arbeiten haben und die Mobilität intelligent vernetzt ist. Kö-Bogen und Ingenhoven-Tal kann jede Stadt - Wohnen und Arbeiten intelligent auch in den Stadtvierteln zu verbinden, ohne dass Monostrukturen oder Ghettos entstehen, ist die Kunst der Stadtplanung im 21. Jahrhundert.

(RP)