Gesundheitsversorgung für Obdachlose in Düsseldorf „Die Verelendung auf der Straße wächst“

Düsseldorf · Offene Wunden, fehlende Gliedmaßen, keine Krankenversicherung – es mangelt an medizinischer Versorgung für Obdachlose in Düsseldorf, kritisieren Sozialverbände. Sie wollen eine zentrale Anlaufstelle beim Gesundheitsamt.

Ein obdachloser Mensch liegt mitten auf einer Wiese am Rhein – die Zahl der Wohnungslosen in Düsseldorf hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Die medizinische Hilfe reicht nicht mehr aus.

Ein obdachloser Mensch liegt mitten auf einer Wiese am Rhein – die Zahl der Wohnungslosen in Düsseldorf hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Die medizinische Hilfe reicht nicht mehr aus.

Foto: Bretz, Andreas (abr)

Als Thorsten Schmidt mit einem gebrochenen Sprunggelenk aus dem Krankenhaus entlassen wurde, sagten ihm die Ärzte, dass er den Fuß ständig hochlegen müsse. Was einfach klingt, war für den Obdachlosen kaum zu bewältigen. Thorsten Schmidt lebt seit zehn Jahren auf der Straße und hat kein Sofa oder Bett, um die Füße hochzulegen. Mit etwas Glück kam er zur Genesung in einer städtischen Unterkunft unter, dann auf dem Sofa eines Freundes.

Wer auf der Straße lebt, ist vom Gesundheitssystem oft ausgeschlossen. Viele haben keine Krankenversicherung, andere schämen sich vor dem Gang zum Arzt. „Es bräuchte eine Praxis nur für Obdachlose“, sagt Thorsten Schmidt. Es gibt zwar Angebote in Düsseldorf, die Wohnungslosen mit gesundheitlichen Problemen helfen. Doch die reichen längst nicht aus, kritisieren Sozialverbände. „Die gesundheitliche Versorgung ist teils katastrophal“, sagt Thomas Tackenberg von der Streetwork-Organisation Axept.

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Die Zahl der Wohnungslosen in Düsseldorf ist stark gestiegen – bei der jüngsten Nachtzählung waren es 729 Menschen auf der Straße, ein Drittel mehr als zwei Jahre zuvor. Der Bedarf sei gestiegen, das Angebot aber nicht. Der Zustand der Wohnungslosen verschlechtere sich zusehends. „Die Verelendung auf der Straße wächst“, sagt Jürgen Plitt von der Wohnungslosenhilfe der Franzfreunde.

Viele litten unter offen klaffenden Wunden, einige liefen monatelang mit einem eingewachsenen Verband rum. Das führe zu fatalen Infektionen. „Wir sehen unglaublich viele Menschen, denen Gliedmaßen fehlen“, sagt Streetworker Thomas Tackenberg. „Die Zahl der Rollstuhlfahrer unter den Wohnungslosen hat zugenommen.“ Auch psychische Krankheiten und Drogensucht, zum Beispiel bei Crack-Abhängigen, seien weit verbreitet und etwa auf dem Worringer Platz allgegenwärtig.

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Es mangele an medizinischer Hilfe direkt auf der Straße, sagen die Experten. Idealerweise mit einem Bus, in dem hygienische und geschützte Behandlungen möglich wären. Ebenso wichtig sei die Pflege von Wohnungslosen, etwa wie nach Thorsten Schmidts Knochenbruch. Oftmals würden die Betroffenen freitags aus dem Krankenhaus entlassen und in Notschlafstellen gebracht – dort fehle es dann aber an Pflegebetten, Medikamenten und ausgebildetem Personal.

Es brauche darum mehr Pflege- und Regenerationsbetten mit passender Versorgung, für Verletzte ebenso wie für Wohnungslose mit psychiatrischen Krankheiten. Auch mangele es an barrierefreien Unterkünften. Nicht zuletzt braucht es aus Sicht der Sozialverbände eine zentrale Anlaufstelle beim Düsseldorfer Gesundheitsamt, die sich um Wohnungslose ohne Krankenversicherung kümmert.

Einen ersten Schritt in diese Richtung gibt es bereits: Die Stadt Düsseldorf bietet humanitäre Sprechstunden für obdachlose, wohnungslose und unversicherte Menschen an. Die Behandlung und Beratung am Gesundheitsamt und in Notunterkünften sind kostenfrei und auf Wunsch anonym. Von dort werden die Menschen auch an Beratungsstellen für die Themen Krankenversicherung und Sozialpsychiatrie vermittelt. Auch Streetworker sind eingebunden, heißt es von der Stadt.

Christoph Gille ist Professor für Soziale Arbeit an der Hochschule Düsseldorf. Er sagt: Der Kreis der Unversicherten verteile sich gleichmäßig auf drei Gruppen. Erstens: Menschen ohne Aufenthaltsrecht in Deutschland. Zweitens: EU-Bürger ohne Anspruch auf Sozialleistungen – diese bekommen sie erst nach fünf Jahren in Deutschland oder Erwerbstätigkeit. Vielen gelingt das aber nicht, weil sie keinen Job finden oder nur schwarzgearbeitet haben.

Drittens: Deutsche, denen die Krankenversicherung gekündigt wurde, etwa weil sie als Selbstständige privat versichert waren und ihre Beiträge nicht mehr zahlen konnten. Ziel müsse es sein, möglichst viele dieser Menschen wieder in eine Krankenversicherung und in die Regelversorgung zu bringen, sagt Gille.

Die Düsseldorfer Sozialverbände schlagen zudem die Einrichtung eines zentralen und barrierefreien Behandlungsraums vor, speziell für die tägliche Versorgung von Wohnungslosen, auch ohne Krankenversicherung. Dieser könnte etwa an die Notschlafstelle an der Graf-Adolf-Straße angegliedert werden, die sich vorrangig an EU-Bürgerinnen richtet. So sei die Hemmschwelle, zum Arzt zu gehen, geringer.

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