Düsseldorf: Geschnetzeltes für die Aktionäre

Düsseldorf: Geschnetzeltes für die Aktionäre

Der Gerresheimer AG geht es gut. Zur gestrigen Hauptversammlung im CCD kamen knapp 200 Aktionäre, fast ausschließlich Rentner. Neben einer satten Dividende gab es leckeres Essen für die Kleinanleger. Eine eigene Welt.

Eike Kühn, Rentner aus Krefeld, ist Eigentümer des M-Dax-Konzerns Gerresheimer AG. Nicht allein muss man dazu sagen. Dem Vorstandsvorsitzenden des Verpackungsherstellers, Uwe Röhrhoff, aber stärkt der 77-Jährige den Rücken, er stimmt bei allen Anträgen des Vorstands bei der Hauptversammlung (HV) mit "Ja". Kühn hält 100 Aktien des Unternehmens. Bei der gestrigen Hauptversammlung waren exakt 24.385.014 Stückaktien vertreten. Kühn hat also einen Stimmanteil von 0,000004 Prozent am Stammkapital des börsennotierten Unternehmens. Lohnt dafür die Reise von Krefeld zum Düsseldorfer Messegelände? "Aber ja", sagt Eike Kühn. Langweilig sei allenfalls die Begrüßung durch den Aufsichtsratsvorsitzenden.

Die Ausführungen des Vorstandschefs dagegen fand Kühn "spannend". Seine Frau Irmgard Kühn (71) stimmt zu. In Wahrheit gehört ihr die Hälfte der Gerresheimer-Aktien der Kühns. "Wir haben ein gemeinsames Depot, aber mein Mann darf entscheiden", sagt Irmgard Kühn. Unternehmensbeteiligungen auch in überschaubarem Ausmaß sind bei den Kühns Männersache. Spannende Reden von Aufsichtsräten, Aktionärsschützern und querulanten Kleinaktionären sollen "spannend" sein. "Ja", meint Kühn, ein bisschen wie Kabarett. Des Essens wegen seien sie nicht gekommen. Damit dürften sie eine Minderheit unter den 190 anwesenden Aktionären sein. Unter den Vertretern des Eigenkapitals ist gefühlt kein einziger, der unter 70 ist. Wie viele von ihnen besuchen die Kühns nicht nur die Gerresheimer-HV, sondern auch die von Telekom, Bayer oder Metro. "Auf den Aktionärstreffen haben wir schon so manchen alten Klassenkarmeraden getroffen", sagen die Kühns.

Aufwendige HVen sind für börsennotierte deutsche Aktiengesellschaften Pflicht. Und dass es was zu essen gibt, ist gute Tradition. An den Tischen im Foyer unterhalten sich die "Altaktionäre" dann auch darüber, was welcher Dax-Konzern so auftischt. Einige bieten nur noch kalte Platte. Nicht so Gerresheimer. "Wir bieten immer noch ein warmes Essen", sagt Gerresheimer-Pressesprecher Jens Kürten. Das gibt es in einer Sitzungspause nach der ersten Abstimmung. Und genau das wissen die Kleinaktionäre. Noch während der Aufsichtsratsvorsitzende die Abstimmungspunkte verliest, bildet sich eine lange Schlange an der Stelle, wo später das Essen ausgegeben wird. Es gibt Putengeschnetzeltes, davor eine Steinpilzsuppe. Für alle! Früher hätten manche Tüten mitgebracht, um Essen einzupacken, belustigt sich Kühn. So etwas ist ihm aber fremd und heute auch eher die Ausnahme.

Die Aktionärsbeköstigung lässt sich Gerresheimer einiges kosten. Mehr als 100.000 Euro werden fällig für die HV 2017, bei großen AGs gehen die Ausgaben in die Millionen. Nicht allein Häppchen, Süppchen und Schnittchen schlagen dabei zu Buche. Es ist die Technik. Denn deutsches Recht verlangt, dass man etwa überall im HV-Raum per Lautsprecher die Redner hören können muss. "Das gilt fürs Foyer und sogar für die Toiletten", sagt Kürten. Und speziell im Foyer halten sich die meisten Aktionäre auch die meiste Zeit auf, plauschen bei Apfelsaft und Kaffee und am Ende eben beim Geschnetzelten. Nur eines dürfen sie nicht: die Versammlung verlassen. Denn wer auch nur vor die Tür geht, um eine zu rauchen, hat in dem Moment keine Stimme mehr. Um das zu überwachen braucht es Dutzende Sicherheitskräfte.

Im Saal hinter dem Foyer werden gerade eine Kapitalerhöhung und die Verwendung des Gewinns von 126 Millionen Euro beschlossen. Außerdem stellt sich der neue Vorstandschef vor. Die Mehrheit der Aktionäre aber steht draußen im Foyer. Der Nachtisch steht an.

(tb.)